FC St. Pauli

Kauczinski streicht der Mannschaft den Bowlingabend

Erhobener Zeigefinger statt Damen hoch: St. Paulis Trainer Markus Kauczinski zieht nach der nächsten 0:4-Schlappe die Zügel an.

Erhobener Zeigefinger statt Damen hoch: St. Paulis Trainer Markus Kauczinski zieht nach der nächsten 0:4-Schlappe die Zügel an.

Foto: Imago/Jan Hübner

St. Paulis Coach verschärft nach dem 0:4 in Sandhausen den Ton und fordert mehr "Brutalität". Stöver erstickt Trainerdiskussion.

Hamburg.  Ein Missgeschick kommt selten allein. Am Tag nach dem zweiten 0:4-Debakel des FC St. Pauli innerhalb von knapp einer Woche rutschte Innenverteidiger Christopher Avevor beim Auslaufen auf dem Trainingsplatz an der Kollaustraße so unglücklich aus, dass er sich einen schmerzhaften Hexenschuss zuzog, vom Platz getragen und zur weiteren Untersuchung in die Klinik gefahren werden musste.

Angesichts der anstehenden Länderspielpause scheint Avevors gesundheitliches Problem eher marginal im Vergleich zum aktuellen, sportlichen und psychischen Zustand seines Teams zu sein. Die 0:4-Blamage am Sonnabend beim zuvor Tabellen-17. der Zweiten Liga, dem SV Sandhausen, war gegenüber der Niederlage im Stadtderby gegen den HSV sechs Tage zuvor ein weiterer Rückschritt. Das Team präsentierte sich noch ein Stück desolater, ließ den abstiegsbedrohten Gegner noch mehr Platz und einfacher zu seinen Toren kommen. Absoluter Tiefpunkt waren die knapp vier Minuten unmittelbar nach der Halbzeitpause, als die St. Paulianer quasi tatenlos zusahen, wie Sandhausen zum dritten und vierten Treffer kam.

Stöver will "Dinge in allen Bereichen aufarbeiten"

„Wir haben viel zu billig die Gegentore zugelassen. Wir verteidigen einfach brutal schlecht, absolut gurkenhaft“, stellte Mittelfeldspieler Marvin Knoll treffend fest. Es ist vielleicht eine posi­tive Erkenntnis, dass Spieler wie Knoll und der als Kapitän fungierende Torwart Robin Himmelmann („nach 0:8 Toren in sechs Tagen hat man nicht viele Argumente“) gar nicht erst versuchen, die beiden jüngsten Vorstellungen zu relativieren oder gar schönzureden. Das allerdings wäre auch absurd.

Der Zustand der Mannschaft steht im krassen Gegensatz zum vierten Tabellenplatz, auf dem sie immer noch rangiert. „Wir haben im Moment einen breiten Mangel, wir haben Probleme mentaler und spielerischer Natur“, analysierte St. Paulis Sportchef Uwe Stöver. „Wir müssen die Dinge in allen Bereichen, im Kopf und auf dem Platz, aufarbeiten.“

St. Paulis Profis in der Einzelkritik

„Wir sind nicht gefestigt, wir haben nicht so eine robuste Truppe“, musste am Sonntag auch Trainer Markus Kau­czinski eingestehen. „Die ganzen guten Ergebnisse haben uns nicht das Selbstvertrauen gegeben, dass wir so etwas locker wegstecken“, sagte er weiter und meinte damit die Derby-Niederlage.

Kauczinski fordert mehr "Brutalität"

Diese Verunsicherung könnte damit zusammenhängen, dass den Spielern bewusst ist, auch bei ihren immerhin 13 gewonnenen Spielen häufig nicht wirklich überzeugend gespielt zu haben. Es fehlt der Mannschaft an Automatismen im eigenen Aufbauspiel, an einstudierten und dann auch funktionierenden Spielzügen. Fällt auch noch die Stärke bei eigenen Ecken und Freistößen weg, weil, wie gerade jetzt, der dafür vorgesehene Marvin Knoll außer Form ist, ist das Team kaum noch torgefährlich. Wenn sich dann noch ein fahrlässiges Defensivverhalten dazugesellt, sind Ergebnisse wie 0:4 die logische Folge.

„Wenn ich immer alles ansprechen muss, dauert die Besprechung zwei Stunden“, klagte am Sonntag Trainer Markus Kauczinski darüber, dass sein Team zuletzt vermeintliche Selbstverständlichkeiten im Spiel vermissen ließ. „Wir müssen brutaler werden und wacher sein. Wir sind manchmal einfach zu lieb. Das müssen wir mit aller Macht wegbekommen“, sagte er weiter. Der Trainer sprach auch das Miteinander der Spieler erstmals kritisch an. „Wir müssen auch untereinander brutaler werden. Man kann Freunde sein, aber muss sich auch Dinge ins Gesicht sagen können.“

Gestrichener Bowlingabend und mehr Training

Um sein Team bis zum nächsten Punktspiel, dem Heimmatch am 29. März gegen den MSV Duisburg, wieder halbwegs sportlich und mental in die Spur zu bekommen, hat Kauczinski in der Planung für diese Woche einiges verändert. So wurde der für Mittwoch geplante, gemeinsame Bowlingabend ersatzlos gestrichen. Und auch das individuelle Auslaufen am Freitag, am Tag nach dem Testspiel gegen Vejle BK, wurde durch ein reguläres Training ersetzt. „Wir können jetzt jede Einheit gut gebrauchen“, sagt Kauczinski, der schon am Sonnabend feststellte, dass es im Fußball „keinen Kredit“ gebe.

Am Tag danach präzisierte er auf Nachfrage des Abendblatts, dass er dies nicht auf sich selbst bezogen gemeint habe. „Man hat an der Reaktion der Fans gesehen, dass sehr viel Unmut herrscht. Es zählt im Fußball immer nur der Moment und nicht, dass wir immer noch Vierter sind und mit der Punktausbeute zufrieden sein können. Man muss sich dem stellen, dass man in der Kritik steht“, stellte er klar.

Stöver hält an Kauczinski fest

Um seinen Job muss Kauczinski unterdessen bisher offenbar nicht bangen. Auf den ersten Blick erinnern die beiden 0:4-Niederlagen gegen den HSV und in Sandhausen an die Phase im Spätherbst 2017, als St. Pauli innerhalb von fünf Tagen 0:4 in Fürth und 0:5 in Bielefeld verlor. Trainer Olaf Janßen musste gehen und wurde von Kauczinski ersetzt.

„Die Situation jetzt ist nicht vergleichbar mit der von damals“, sagte jetzt Sportchef Stöver. Tatsächlich waren es vor den bewussten Spielen fünf sieglose Partien mit vier Unentschieden und einer Niederlage. Entscheidend war zudem, dass St. Pauli damals auf Platz 14 zurückgefallen war. Heute geht es dagegen weiter um die Chance aufzusteigen. Die existiert theoretisch immer noch. Nicht aber mit diesen Leistungen.