Zweite Bundesliga

Das sind die Gründe für St. Paulis Misere

Deprimiert stehen die Spieler des FC St. Pauli nach der unnötigen 1:2-Niederlage
beim 1. FC Heidenheim auf dem Rasen der Voith-Arena

Deprimiert stehen die Spieler des FC St. Pauli nach der unnötigen 1:2-Niederlage beim 1. FC Heidenheim auf dem Rasen der Voith-Arena

Foto: ddp images

Ungefährliche Stürmer, dramatische Auswärtsschwäche, wirkungslose Neuzugänge und ein miserabler direkter Vergleich.

Hamburg. Als die Stammspieler des FC St. Pauli am Montagmittag auf die vereinseigenen Mountainbikes stiegen, um ihre Beinmuskulatur nach dem Auswärtsspiel in Heidenheim (1:2) und der danach folgenden, fast achtstündigen Rückreise mit Bus und Bahn zu lockern, waren die Mienen überwiegend ernst. Auch einen Tag nach der Niederlage war den Akteuren bewusst, dass sie zum wiederholten Mal in dieser Saison völlig unnötig ein Punktspiel verloren haben, in dem der Gegner keineswegs die bessere Mannschaft war, sondern lediglich deutlich konsequenter und effektiver seine Chancen nutzte.

Der mit der bereits 16. Saisonniederlage einhergehende Rückfall auf einen direkten Abstiegsplatz nach nunmehr 30 von insgesamt 34 Spiel­tagen hat allerdings in der Gesamtschau eine ganze Reihe von Ursachen, die weit über das in den vergangenen Wochen oft angeführte Pech hinausgehen. Grund genug für eine Analyse über das Zustandekommen der dramatischen Situation.

Wirkungslose Neuzugänge: Nachdem schon die im vergangenen Sommer verpflichteten Michael Görlitz, Daniel Buballa, Enis Alushi und allen voran Ante Budimir zum Teil auch wegen längerer Verletzung nicht die erhofften Verstärkungen waren, konnten auch die in der Winterpause zusätzlich von den seit dem 16. Dezember amtierenden Sportchef Thomas Meggle und Trainer Ewald Lienen geholten drei neuen Profis die Erwartungen nicht vollauf erfüllen. Mittelfeldspieler Julian Koch, Leihgabe von Mainz 05, ist zwar von diesem Trio noch am ehesten als Verstärkung zu werten.

Sein erkennbares Potenzial aber hat auch er, zuletzt auch von einer Knieblessur geplagt, noch nicht voll zeigen können. Waldemar Sobota kommt kaum einmal über vielversprechende Ansätze hinaus, und Armando Cooper wirkt bisher wie ein Fremdkörper im Team, wobei er in Heidenheim seinen Kollegen einen Bärendienst erwies, als er offenbar übermotiviert und auf jeden Fall überflüssig ein Foul im eigenen Strafraum beging. Fazit: der inzwischen übergroße Kader hat durch die Nachverpflichtungen keine entscheidende Qualitätsverbesserung erhalten.

Ungefährliche Stürmer: Mit seinem Anschlusstor in Heidenheim zum 1:2-Endstand setzte sich Christopher Nöthe an die Spitze der vereinseigenen Torschützenliste. Mit seinen nunmehr fünf Treffern aber spielt er ligaweit auf dem geteilten 30. Platz ebenso keine Rolle als Torjäger wie seine Kollegen John Verhoek (vier Treffer/Platz 42), Lennart Thy (zwei/Platz 80) und 950.000-Euro-Einkauf Ante Budimir, der noch gar keinen Treffer zustande brachte und vor seiner jüngsten Fersenverletzung nur noch in der U23-Mannschaft eingesetzt wurde. Bei Talent Kyoung-Rok Choi, der mit seinem Doppelpack beim 4:0-Sieg gegen Fortuna Düsseldorf bei seinem Profidebüt gleich für Furore sorgte, gilt es abzuwarten, ob dies mehr als nur eine einmalige Sternstunde war. Am kommenden Sonntag gegen Leipzig könnte er nach auskuriertem Bänderriss wieder zur Verfügung stehen.

Verlorene direkte Vergleiche: Gegen die vier anderen abstiegsbedrohten Mannschaften, namentlich Aue, Aalen, 1860 München und SpVgg. Greuther Fürth erkämpfte der FC St. Pauli in den insgesamt acht Spielen nur vier der möglichen 24 Punkte. Insgesamt 19 Zähler behielten die Gegner in diesen Partien für sich. Damit ist St. Pauli im Vergleich der fünf Abstiegskandidaten untereinander klar Letzter. Dies ist eine fatale Bilanz, weil Niederlagen gegen die unmittelbaren Konkurrenten praktisch eine doppelte Wirkung haben. Bestes Beispiel: Hätten die St. Paulianer nur eines der beiden Spiele gegen 1860 München (jeweils 1:2) gewonnen, was in beiden Fällen sehr leicht möglich gewesen wäre, hätten die Hamburger jetzt nicht zwei Punkte Rückstand auf die Münchner, sondern vier Zähler Vorsprung. In den verbleibenden vier Matches gibt es für St. Pauli kein derartiges „Sechs-Punkte-Spiel“ mehr.

Auswärtsschwäche: Das 2:0 bei Eintracht Braunschweig Anfang März war nicht die erhoffte Trendwende, sondern nur eine Eintagsfliege. Neben diesem Erfolg gab es auf fremden Plätzen nur vier Unentschieden und zehn Niederlagen. Auch in dieser Wertung ist St. Pauli die schwächste Mannschaft der Liga. Rang elf in der Heimtabelle kann dieses Manko nicht kompensieren. In der Schlussphase muss St. Pauli noch bei den Aufstiegskandidaten Kaiserslautern und Darmstadt antreten.

Missachtete Taktikvorgaben: „Wir haben nicht auf den Trainer gehört“, sagte Kapitän Sören Gonther jüngst nach dem 0:3 in Karlsruhe reumütig. Ewald Lienen hatte seinem Team vor dem Spiel erklärt, wie das wuchtige Angriffsspiel des KSC entscheidend zu stören sei. Tatsächlich hielten sich die Spieler schon unmittelbar nach dem Anpfiff nicht daran und gerieten in der dritten Minute in Rückstand. Beim 1:2 in Heidenheim gelang es nur rund eine Stunde, die Schnellangriffe des Gegners mit lang geschlagenen Diagonalbällen zu unterbinden, ehe genau ein solcher Spielzug zum entscheidenden Rückstand führte. „Wir haben uns dämlich angestellt“, sagte Sören Gonther.

Hoffnungsschimmer: Schon vor den jüngsten Heimsiegen gegen Düsseldorf und Nürnberg hatte Kapitän Gonther gesagt: „Jetzt kommen Gegner, die uns besser liegen.“ Er meinte damit, dass sein Team mit Mannschaften besser zurechtkommt, die selbst das Spiel bestimmen und damit Räume für Konter eröffnen. Auf die beiden nächsten Gegner RB Leipzig und 1. FC Kaiserslautern trifft diese Einschätzung zu. Zudem zeigt die Mannschaft des FC St. Pauli einen für die bedrohliche Lage bemerkenswerten Teamgeist. „Wir haben schon seit Wochen und Monaten viele Rückschläge wegstecken müssen und sind wieder gekommen. Wir haben gelernt, damit umzugehen“, sagt Trainer Ewald Lienen dazu.

Hilfe versprach zudem am Sonntag auch der 1. FC Heidenheim, der noch gegen St. Paulis Konkurrenten Fürth, Aalen und Aue spielen wird. „Wir haben keine Punkte zu verschenken“, sagte FCH-Trainer Frank Schmidt. Schließlich bestätigte der Ligavorstand der DFL den Abzug von zwei Punkten für den VfR Aalen, die damit punktgleich mit dem FC St. Pauli bleiben.