Kaderplanung

Doppelschock: Ändert der HSV jetzt seine Transferpläne?

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HSV-Profi Klaus Gjasula zog sich beim letzten Training des alten Jahres einen Innenbandriss im Knie zu.

HSV-Profi Klaus Gjasula zog sich beim letzten Training des alten Jahres einen Innenbandriss im Knie zu.

Foto: LeonieHorky / WITTERS

Gjasula und Gyamerah verletzen sich im Training schwer und fallen länger aus. Der HSV denkt nun doch an Neuzugänge.

Hamburg. Das HSV-Jahr 2021 hätte wahrscheinlich schlechter nicht beginnen können. Helm-Peter, ein kauziger Fan, der normalerweise bei jedem Training samt Fahrrad und zugehörigem Fahrradhelm zuschaut, hatte schlechte Nachrichten. Statt wie üblich mit Fahrrad und Helm kam der 75 Jahre alte Anhänger, der mit vollem Namen Peter Dietz heißt, mit Auto und einem Cap zum Training am Neujahrstag um die Mittagszeit und lieferte die Erklärung direkt anbei: „Mein Fahrrad hat einen Platten. So eine schöne Bescherung.“

Frohes neues Jahr! Helm-Peter ohne Helm – das ist wie ein Fußballspiel ohne Fans. Man kann und muss damit leben, aber so richtig gewöhnen kann man sich an den Zustand auch in Corona-Zeiten nicht. Unter den wenigen Trainingszuschauern waren statt des fehlenden Fahrradhelms aber vor allem zwei fehlende HSV-Profis das größte Tuschel-Thema: Klaus Gjasula und Jan Gyamerah.

Beide hatten sich am Vortag beim letzten Training des alten Jahres unglücklich verletzt und waren mit einem Golfcart vom Platz in die Kabine gefahren wurden. „Das sah nicht so gut aus“, orakelte Sportdirektor Michael Mutzel am Neujahrstag, als er zunächst Helm-Peter gegrüßt hatte und sich anschließend die erste Trainingseinheit des neuen Jahres aus nächster Nähe anschaute.

Gjasula konnte sich zuletzt seinen Platz zurückerobern

Gut zwei Stunden später lagen die Ergebnisse aus den Kernspin-Untersuchungen vor, und tatsächlich konnte Trainer Daniel Thioune präzisieren, dass es nicht nur nicht gut aussah, sondern tatsächlich auch ganz und gar nicht gut war. Abwehrallrounder Gyamerah habe sich einen Innenbandriss im rechten Sprunggelenk zugezogen, Mittelfeldkämpfer Gjasula habe sich das Innenband im rechten Knie gerissen.

Beide potenziellen Stammkräfte werden dem HSV damit nicht nur beim Jahresauftakt (So. 13.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei abendblatt.de) gegen Regensburg fehlen, sondern mutmaßlich wochenlang nicht zur Verfügung stehen. „Die Verletzungen sind deutlich schwerwiegender als wir es zunächst angenommen hatten“, gab Thioune auf der turnusmäßigen Spieltags-Pressekonferenz via Zoom am Freitagnachmittag unverblümt zu.

HSV-Trainer Thioune berichtet über Verletzungsschock
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Kurzfristig würden sich die beiden Ausfälle sicherlich kompensieren lassen. „Ich habe ja nicht umsonst immer betont, dass wir einen breiten Kader haben“, sagte Thioune. Und überhaupt: Gyamerah hatte nach einem starken Saisonstart zuletzt ein kleines Formtief, durfte nach zwei Spielen auf der Bank kurz vor Weihnachten in Karlsruhe für den angeschlagenen Kapitän Tim Leibold als Linksverteidiger aushelfen. Gegen Regensburg hätte ihm nach Leibolds Genesung ohnehin erneut ein Bankplatz gedroht.

Genau umgekehrt sieht es allerdings bei Klaus Gjasula aus. Der raubeinige Mittelfeldmann war desaströs in die Saison gestartet, konnte sich zuletzt seinen Stammplatz als Staubsauger vor der Abwehr aber wieder zurückerobern. Gegen Regensburg dürften nun Amadou Onana und Moritz Heyer dessen Zerstörerfunktion als Duo übernehmen.

Ändern sich die Transferpläne des HSV?

Doch Regensburg ist nur diese „Ich schaue nur auf das nächste Spiel“-Partie. Alleine im eng getakteten Januar folgen fünf weitere Spiele, die Gjasula und Gyamerah sicherlich allesamt verpassen dürften. Ob der Doppelausfall die HSV-Verantwortlichen, die sich intern grundsätzlich gegen Wintertransfers ausgesprochen hatten, nun zu einem Umdenken zwingen, wurde Thioune am Freitag gefragt. „Vielleicht müssen wir uns darüber Gedanken machen“, antwortete der Trainer, der die Verantwortung allerdings auf die Büros „ein paar Meter weiter am Ende des Flurs“ verwies.

Dort sitzen Sportvorstand Jonas Boldt, Chefscout Claus Costa und Sportdirektor Michael Mutzel, die nun schnellstmöglich eine neue Transferstrategie überdenken müssen. „Bislang ist der Januar-Markt noch überhaupt nicht in Gang gekommen“, sagte Mutzel, als er auf dem Weg zum Trainingsplatz über das berühmt-berüchtigte Transferfenster, das ab sofort offen steht, befragt wurde. Selbst Spielerberater, denen man allgemein nur selten Großzügigkeit, Verständnis und Empathie zugestehen würde, hätten die neue Corona-Lage verstanden und würden derzeit die Füße stillhalten.

Und obwohl der HSV gerade erst durch eine Kapitalerhöhung rund zwei Millionen Euro außerplanmäßig eingenommen hatte, dürften diese Gelder wohl kaum eins zu eins in den nun gerupften Kader fließen. „Da bin ich definitiv überfragt“, sagte Thioune und verwies erneut auf die Büros am Ende des Flurs, um dann aber doch festzustellen: „Für mich als Trainer ist Qualität von außen immer willkommen, die unseren Kader besser macht und die uns unseren Zielen näher bringt.“

Wird Jung beim HSV plötzlich wichtig?

Kurzfristig dürfen sich aber auch ursprüngliche Verkaufskandidaten wie Gideon Jung und Jonas David Hoffnungen machen. „Jonas und Gideon haben jetzt sicherlich wieder die Chance, mehr Minuten zu bekommen“, sagte Thioune. Zur Erinnerung: Während Jung in dieser Spielzeit immerhin auf 236 Spielminuten kommt und sich als Edeljoker darüber freuen durfte, in dieser Saison noch nie als Verlierer den Platz verlassen zu haben, stand Jonas David bislang lediglich 60 Saisonsekunden auf dem Platz.

Und obwohl Talent Xavier Amaechi, der am Dienstag seinen 20. Geburtstag feiert, in dieser Spielzeit mit insgesamt zwölf Spielminuten gegen Aue zwölfmal so lange auf dem Platz stand, soll der Engländer unabhängig von der aktuellen Verletzenlage definitiv verliehen werden. „Der Junge braucht einfach Spielzeit“, sagte Entdecker Mutzel. „Ein weiteres halbes Jahr auf der Bank oder der Tribüne wäre für seine Entwicklung nicht gerade förderlich.“

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Mit Ausnahmegenehmigung des Clubs sucht Amaechi derzeit in seiner englischen Heimat nach einem passenden Club, der ihm die so dringend benötigte Spielzeit ermöglichen könnte. Nach Informationen des Abendblatts gibt es mehrere Anfragen aus der englischen und deutschen Zweiten Liga, wobei der zuletzt gehandelte Club Swansea City definitiv nicht zu den Interessenten gehört.

Sicher ist im Fall Amaechi nur eines: Gegen Regensburg steht der Youngster natürlich nicht im Kader. „Das wird eine ganz harte Nuss“, meinte Ohne-Helm-Peter am Freitag zu wissen. Seine Wünsche für das neue Jahr: Endlich wieder raus aus dieser Zweiten Liga. Und einen neuen Reifen für sein Rad.

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