Attacke auf Dynamo-Fan

HSV: Toni Leistner fuhr im Transporter nach Hamburg

HSV: Toni Leistner könnte für die 2. Liga gesperrt werden.

HSV: Toni Leistner könnte für die 2. Liga gesperrt werden.

Foto: Imago

Abwehrspieler trainiert vorerst nicht mit dem Team. Daniel Thioune kündigt Veränderungen für den Zweitligastart gegen Düsseldorf an.

Hamburg.  Als der HSV-Tross um 18.21 Uhr am späten Mittwochnachmittag die Treppe am Volksparkstadion herunter auf den Trainingsplatz marschierte, stellten die acht anwesenden Kiebitze mit Verwunderung fest, dass einer überraschend fehlte: Abwehrspieler Toni Leistner, der nach seiner Attacke gegen einen pöbelnden Fan von Dynamo Dresden noch immer in aller Munde ist. Wenig später stellte sich heraus, dass der Verein Leistner als Vorsichtsmaßnahme vorübergehend von der Mannschaft separiert hat. Grund ist sein Kontakt mit einigen Dresdner Zuschauern, nachdem er am Montagabend auf die Tribüne des Rudolf-Harbig-Stadions gestürmt war und dadurch möglicherweise gegen die Corona-Auflagen der DFL verstoßen hat.

Der HSV steht in Kontakt mit der DFL und wartet nun auf eine Klärung, ob und wann Leistner wieder mit der Mannschaft trainieren darf. Für den Ligaauftakt am Freitag gegen Bundesliga-Absteiger Fortuna Düsseldorf (18.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei abendblatt.de) fällt er damit auf jeden Fall aus – unabhängig davon, ob er vom DFB-Sportgericht für seinen Ausraster gesperrt wird. Wie das Abendblatt erfuhr, soll das Urteil im Laufe des heutigen Donnerstags bekannt gegeben werden. Leistner ist bereits unmittelbar nach dem Vorfall in Dresden auf Initiative von Mannschaftsarzt Götz Welsch von seinen Mitspielern ferngehalten worden und am nächsten Tag auch nicht mit dem Mannschaftsbus, sondern mit einem Transporter zurück nach Hamburg gefahren.

Mann aus Halstenbek erstattet Anzeige gegen Toni Leistner

Seine Attacke auf den Dresdner Fan ist nun sogar ein Fall für die Hamburger Staatsanwaltschaft. Ein Mann aus Halstenbek (der Name ist dem Abendblatt bekannt) hat eine Anzeige gegen Leistner erstattet – wegen „eines tätlichen Angriffs auf einen Fan im Stadion“, versuchter Körperverletzung sowie den Verstößen gegen die Abstandsregel und die Maskenpflicht, heißt es in dem Schreiben, das dem Abendblatt vorliegt.

Auch wenn die vorausgegangene schwerwiegende Beleidigung des Zuschauers kein Schubsen als Gegenreaktion rechtfertigt, da dies bereits eine Körperverletzung ist, muss der Abwehrspieler keine Strafverfolgung befürchten. „Die Staatsanwaltschaft wird das Verfahren mit hoher Wahrscheinlichkeit einstellen“, sagt Sascha Böttner, ein Hamburger Fachanwalt für Strafrecht, auf Anfrage. „Denkbar wäre auch eine Geldstrafe, das halte ich aber für unwahrscheinlich.“

Pro­bleme für Trainer Daniel Thioune

Sollte Leistner wettbewerbsübergreifend auch für die Liga gesperrt werden, würde das die beim Pokal-Aus in Dresden (1:4) sichtbar gewordenen Pro­bleme von Trainer Daniel Thioune vergrößern. Denn der 30 Jahre alte Routinier ist neben Gideon Jung (26) der einzige gestandene Innenverteidiger, der momentan fit ist. Erschwerend kommt hinzu, dass Abwehrspieler Stephan Ambrosius (21), der in der Vorbereitung überzeugte, wegen einer Einblutung am Sprunggelenk auch gegen Düsseldorf ausfällt. Die Abwehr bleibt damit die größte Baustelle des Kaders. Eine Schwäche, die Drittligist Dynamo auszunutzen wusste.

„Wir sind gestolpert und müssen uns jetzt schütteln“, sagte Thioune. „Das war vielleicht auch das, was uns in der Liga erwarten wird.“ Unabhängig von Leistners Ausfall will der HSV-Coach seine Startelf im Vergleich zum Pokal auf mehreren Positionen verändern. ­Thioune fordert wieder mehr Aggressivität und Gier nach Erfolg – so wie sich seine Spieler über weite Strecken der Vorbereitung auch präsentiert hatten.

HSV-Routinier Aaron Hunt steht auf dem Prüfstand

In Dresden waren es jedoch vor allem die Routiniers, die der jungen Mannschaft nicht den erhofften Halt gaben. Neben dem schwachen Leistner enttäuschte unter anderem Mittelfeld-Abräumer Klaus Gjasula (30) bei seinem Pflichtspiel-Debüt für den HSV. Denkbar ist nun, dass der für seine Zweikampfhärte verpflichtete, aber in Dresden beim zweiten Gegentor eher Spalier stehenden Gjasula durch Talent Amadou Onana (19) ersetzt wird. Der belgische U-19-Nationalspieler sorgte nach seiner Einwechslung im Pokal direkt für frischen Wind – und wurde schließlich mit seinem Tor zum 1:3 belohnt.

Nicht nur ein, sondern gleich mehrere Tore hätte auch Stürmer Lukas Hinterseer (29) an dem missglückten Abend in Dresden schießen können. Doch der Österreicher ließ zum Teil hochkarätige Möglichkeiten ungenutzt. Thioune klagte hinterher über die mangelnde Chancenverwertung. Damit der HSV wieder effektiver vor dem Tor agiert, dürfte nun Torjäger Simon Terodde (32) für Hinterseer in die Mannschaft rücken. In Dresden saß der aus Köln verpflichtete Terodde wegen Trainingsrückstands zunächst auf der Bank. Das dürfte sich gegen Düsseldorf ändern. Auf dem Prüfstand steht außerdem Ex-Kapitän Aaron Hunt. Der 34-Jährige muss seinem neuen Trainer Thioune erst noch beweisen, dass er auch in dieser Saison für die HSV-Offensive unverzichtbar ist. Beim ernüchternden Pokal-Auftritt blieben seine spielerischen Ideen wirkungslos. In der Vergangenheit war Hunt beim HSV stets gesetzt, wenn er fit war.

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Diesen Status muss er sich unter Thioune erst noch erarbeiten. Auch der Status der Nummer eins im Tor ist noch nicht endgültig vergeben. Heuer Fernandes (27), der in Dresden den Vorzug erhielt, blieb einen Beweis schuldig, warum er als Stammkeeper in die Saison gehen will. Beim dritten Gegentor zeigte er abermals Schwächen in seiner Reaktionsschnelligkeit bei Distanzschüssen. Thioune lässt die Frage nach einer festen Nummer eins bislang bewusst unbeantwortet: Der HSV will noch einen Torhüter verpflichten, der den Konkurrenzkampf befeuern soll.

Gegen Mit-Aufstiegskonkurrent Düsseldorf wird Heuer Fernandes wohl eine erneute Bewährungschance erhalten. Nach dem Schock im Pokal richtet Thioune den Blick bereits nach vorne. „Am Freitag werden wir ein anderes Bild abgeben“, verspricht der Coach. Leistner kann seinen Teil nicht dazu beitragen.