HSV

Wolf-Aus intern beschlossen – diese Trainer könnten folgen

HSV-Chef Hoffmann: "Wir müssen jeden Stein umdrehen!"

Vorstandschef spricht nach dem "überflüssigsten Nicht-Aufstieg der Fußballgeschichte" über Trainer Wolf, Investor Kühne und die Zukunft der Mannschaft.

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Ist der HSV untrainierbar? Noch-Trainer Hannes Wolf wird am Tag nach dem Paderborn-Debakel von einem Fan wüst bepöbelt.

Hamburg. Auf diesen einen Moment hatte Peter Rahf seit Sonntagabend gewartet. Um kurz nach elf Uhr am Montagmorgen war es so weit: Langsam, aber bestimmt ging Hannes Wolf am Tag nach dem 1:4 seines HSV in Paderborn die Treppe vom Volksparkstadion in Richtung Trainingsplatz hinunter. Schritt für Schritt abwärts. Dann platzte es aus Rahf heraus. „Ist der Versager immer noch hier?“, fragte der 70 Jahre alte HSV-Fan so laut, dass es auch jeder hören konnte. Wolf guckte einmal kurz hoch, ging dann aber ohne anzuhalten an den Kamerateams, Fotografen und Rahf vorbei auf den Platz. Ein zweites, lautes „Versager!“, rief der Schnelsener dem Fußballlehrer hinterher, dann war es überstanden.

„Als Zuschauer muss man einfach mal seine Wut herauslassen“, sagte Rahf wenig später, als Wolf mit verschränkten Armen das Training der Ersatzspieler leitete. 40 Jahre lang habe er eine Dauerkarte gehabt, schimpfte der Anhänger, seit 45 Jahren sei er Mitglied. „Aber jetzt habe ich die Schnauze voll.“ Seine Conclusio nach dem nun feststehenden Nichtaufstieg: „Wolf raus! Becker raus! Hoffmann raus! Aber vor allem der Trainer muss gleich als Erstes gehen.“

Willkommen beim HSV im Mai 2019.

Kühne forderte Wolfs Entlassung im Februar

Seit Sonntagnachmittag um 17.21 Uhr stand also fest, was zumindest ein HSV-Fan schon lange gewusst hat. Nicht Rahf, Peter. Sondern Kühne, Klaus-Michael. Der elf Jahre ältere Milliardär, der wie Rahf auch Mitglied, aber anders als Rahf ganz nebenbei noch Anteilseigner ist, musste ebenfalls am Montag Dampf ablassen.

„Ich habe Aufsichtsrat und Vorstand der HSV Fußball AG sowie den Präsidenten des Hamburger Sportverein e. V. am 26. Februar schriftlich empfohlen, den Trainer auszuwechseln, weil sich mit dem in Regensburg verlorenen Spiel der Niedergang für mich abzeichnete und er durch falsche Entscheidungen des Trainers gekennzeichnet war“, schrieb Kühne in einem Statement, das der Unternehmer am Montag an das Abendblatt und weitere ausgewählte Medien verschickte. „Ich habe das Erfordernis eines Trainerwechsels anschließend mehrfach thematisiert. Die fehlende Handlungsbereitschaft der einschlägigen Gremien war aus meiner Sicht verhängnisvoll. Dass der Aufstieg nicht gelingen würde, war mir schon vor mehreren Wochen klar.“

Die gute Nachricht für die beiden meinungsstarken HSV-Fans Rahf und Kühne: Ihr Wunsch nach dem verpassten Wiederaufstieg dürfte sich nun unmittelbar nach dem letzten Saisonspiel gegen den MSV Duisburg zum Anfang der kommenden Woche erfüllen. Nach Abendblatt-Informationen ist eine Beurlaubung Wolfs intern beschlossene Sache. Auch im Aufsichtsrat nimmt die Zahl der Wolf-Kritiker zu.

Trotz des Absturzes der vergangenen Wochen sind zwar nicht alle Verantwortlichen von einem Trainerwechsel überzeugt, doch eine bessere Lösung hat eben auch keiner parat. Und irgendwie ist es auch die letzte Konstante des HSV: Schuld hat in Hamburg am Ende immer der Trainer.

Dabei sollte dieses Mal doch alles anders werden.

Nicht einmal sieben Monate ist es her, als Sportvorstand Ralf Becker und HSV-Chef Bernd Hoffmann Neu-Trainer Hannes Wolf in ihre Mitte nahmen, in die zahlreichen Kameras um die Wette strahlten und lächelnd erklärten, warum man sich zum einen von Publikumsliebling Christian Titz getrennt habe. Und warum man sich zum anderen für den zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 37 Jahre alten Wolf entschieden habe.

„Hannes ist eines der größten Trainertalente in Deutschland“

„Es ist meine absolute Überzeugung, dass in dieser Konstellation unsere Saisonziele gefährdet waren“, sagte Becker über die Entlassung von Titz, um im nächsten Satz Nachfolger Wolf über den allseits bekannten Klee zu loben: „Hannes Wolf war für mich der absolute Top-Kandidat. Hannes ist eines der größten Trainertalente in Deutschland.“

Und es ging ja auch gut los. Sieben der ersten acht Pflichtspiele gewann der HSV unter Wolf. Nur einmal – gegen Union Berlin – gab es ein Remis. Und trotz der 1:3-Niederlage gegen Holstein Kiel im letzten Spiel des Jahres und den schon zuvor oft nur mäßigen Leistungen blieben Becker und Hoffmann auch nach dem Jahreswechsel überzeugte Wolf-Fans.

„Sie können es jetzt aufschreiben“, rief Becker auf der Mitgliederversammlung am 20. Januar den HSV-Fans vom Podium aus zu. „Hannes Wolf ist in zwölf Monaten noch Trainer des HSV.“ Und Hoffmann? Sagte vor nicht einmal sechs Wochen bei einer Veranstaltung zur Zukunft des HSV: „Wir werden im Oktober in der Bundesliga oder in der Zweiten Liga eine Krise haben. Und anders als sonst werden wir den Trainer dann nicht wechseln.“

Doch manchmal kommt es anders. Und meistens als man denkt.

Dabei war der Traum vom HSV-Trainer, der auf Talente setzt, rhetorisch begabt, taktisch versiert und sogar studiert ist, von Jürgen Klopp und Thomas Tuchel empfohlen wurde und noch nie einen Bock umstoßen wollte, vielleicht auch zu schön, um wahr zu sein.

Wolf äußert sich erstmals nicht

Eine gute Woche ist es her, als Hannes Wolf am späten Sonntagabend auf dem Parkplatz des NDR in Hamburg-Lokstedt stand und nicht so recht wusste, ob er lachen oder weinen sollte. 0:3 hatte seine Mannschaft am Vortag im heimischen Volkspark gegen Ingolstadt verloren. Und obwohl direkt nach dem Spiel alles darauf hingedeutet hatte, dass Wolf noch an jenem Wochenende entlassen werden würde, durfte der Fußballlehrer doch wieder das Training leiten – und am späten Abend im NDR-Sportclub erklären: „Die Rückendeckung der Verantwortlichen ist fantastisch.“

Eine Woche später sagt Wolf: nichts. Zumindest nicht öffentlich. Erstmals nach einem Spiel verzichtet der Noch-Coach auf die übliche Medienrunde am Tag danach. Statt mit den Pressevertretern spricht er mit Aaron Hunt. Knapp eine halbe Stunde stehen die beiden auf dem Rasen – und reden, reden und reden.

Wolf, zweifacher Familienvater und diplomierter Sportwissenschaftler, ist anders als manch anderer Trainer. Gerade einmal ein paar Tage ist es her, dass Dortmunds 64-Millionen-Euro-Mann Christian Pulisic, der ab der kommenden Saison beim FC Chelsea spielt, seinen früheren Jugendtrainer Wolf als einen seiner größten Förderer bezeichnete: „Hannes Wolf hat mir immer Hilfe angeboten, er konnte auch hart sein, was auch wichtig war. Und er war es, der mich oben empfohlen hat.“

Als Pulisics Noch-Teamkollege Jacob Bruun Larsen gefragt wurde, was er unter Wolf im Nachwuchs gelernt habe, antwortete der sogar: „Wenn ich das alles aufzählen soll, können wir stundenlang hier sitzen.“ Wolf sei „zu 99 Prozent der Grund, dass ich mich in Dortmund wohlgefühlt habe.“ Er habe fußballerisch sehr viel von Wolf gelernt, „aber noch wichtiger ist, wie ich mich als Mensch unter ihm entwickelt habe. Er ist ohne Frage ein großartiger Trainer, was Fußball angeht, aber er war vor allem wie ein Vater für uns in der Mannschaft.“

Gefeiert in Dortmund – und schon bald gefeuert in Hamburg. Bleibt noch die Frage nach dem Warum?

Wolf zeigte vor dem Spiel noch ein Motivationsvideo

Offiziell sagt Sportchef Becker nur, dass er dazu bereits viel gesagt habe. „Da gibt es von mir keine neue Erkenntnis.“ Inoffiziell wird beim HSV über falsche Taktiken, falsche Aufstellungen und falsche Entscheidungen philosophiert. Innerhalb der Mannschaft hatte Wolf schon länger den Rückhalt verloren.

Der Hauptvorwurf aber, ebenfalls hinter vorgehaltener Hand, lautet: Wolf habe der Krise trotz Warnsignalen nichts entgegensetzen können. Eine Kritik, die der Trainer unmittelbar nach dem 1:4 in Paderborn am Sky-Mikrofon sogar bestätigte: „Irgendwann war es dann auch egal, wen du aufstellst. Dann ist das Ding kollabiert“, sagte Wolf, der vor dem Endspiel gegen Paderborn noch zu einem letzten Strohhalm griff. Direkt vor der Partie zeigten er und sein Trainerteam in der Kabine ein Motivationsvideo mit Grußbotschaften von Spielerfrauen und Bekannten. Die Spieler sollten neuen Mut schöpfen – und verloren dann alles.

Vergangenheit. In der Gegenwart wird in Hamburg wieder einmal das beliebte und natürlich sehr seriöse Zukunftsspiel „Wer wird der Nächste?“ gespielt. Die Altmeister Dieter Hecking und Bruno Labbadia wurden natürlich schnell genannt, genauso wie Regensburgs Achim Beierlorzer, der aber dummerweise schon längst in Köln unterschrieben hat. Etwas heißer könnte die Spur zu Alexander Zorniger sein, über dessen Namen in den vergangenen Tagen in der Kabine getuschelt wurde.

Und Peter Rahf? „Am besten man schmeißt alle raus“, schlägt der Fan am Montag vor. „Auch die Mannschaft.“ Bis zum Saisonauftakt der Zweiten Liga sei ja genügend Zeit. „Und wenn sie wirklich alle rausschmeißen“, so Rahf, „dann hole ich mir doch wieder eine Dauerkarte.“