Nach Nicht-Aufstieg

Tom Mickel nennt die Kriterien für den künftigen HSV-Kader

Mindestens sieben Spieler werden gehen. HSV-Bosse ergreifen die Flucht. Trug Wolf mit taktischer Neuerung zum 1:4-Debakel bei?

Paderborn. Hannes Wolf schaute ins Leere. Die Augen aufgerissen, den Kopf immer wieder schüttelnd, suchte der HSV-Trainer nach Antworten auf die Fragen, die zunächst keiner nach dem 1:4 des HSV in Paderborn stellen wollte. „Das Spiel ist ein Spiegelbild der vergangenen Wochen“, sagte Wolf schließlich und schüttelte noch einmal den Kopf. Vor ihm standen drei Flaschen alkoholfreies Bier eines Paderborn-Sponsors auf dem Pressepodest aufgereiht, doch Wolf wirkte in diesem Moment schwach wie Flasche leer. „Die letzten Wochen sind sehr bitter. Sehr, sehr bitter.“ Ein weiteres Kopfschütteln, und noch einmal mit leiser Stimme: „Es sind bittere Wochen, bittere Tage, die wir erst einmal verdauen müssen.“

Kommentar: Der Nicht-Aufstieg hat brutale Konsequenzen

Viermal bitter innerhalb von knapp 90 Sekunden nach vier Gegentoren innerhalb von gut 90 Minuten. Eine knappe Dreiviertelstunde war es her, dass Wolfs HSV auch die letzte Chance im Kampf um den Aufstieg verspielt hatte. Mit 1:4 waren die Hamburger beim Tabellenzweiten Paderborn untergegangen, während der Tabellendritte Union Berlin gleichzeitig 3:0 gegen Magdeburg gewann. Somit steht bereits einen Spieltag vor dem Saisonende fest, was Paderborns Fans in der ausverkauften Benteler-Arena ab dem Zwischenstand von 3:1 lauthals skandierten: „Zweite Liga – Hamburg bleibt dabei.“ Als dann Christopher Antwi-Adjej wenige Sekunden später das Tor zum 4:1-Endstand erzielte, schalteten die SCP-Fans noch einen übermütigen Schadenfreudegang höher: „Schade, Hamburg, alles ist vorbei.“

Becker: "Haben das klare Ziel aufzusteigen"

Widersprechen wollte da niemand. „Die Enttäuschung ist riesengroß. Aber wir haben den Aufstieg nicht heute verspielt, sondern in den vergangenen zwei Monaten“, sagte Ralf Becker wenig später. „Die letzten zwei Monate waren eine einzige Katastrophe.“ Der Sportvorstand des HSV stand in den Katakomben der Benteler-Arena, philosophierte ein wenig über die triste Gegenwart und Vergangenheit, wurde aber fast ausschließlich nach der nun wenig verheißungsvollen Zukunft befragt.

„Wir müssen relativ bald sehr klar analysieren, was uns in dieser Saison gefehlt hat“, sagte also Becker. „Und diese Dinge müssen wir knallhart angehen. Nächste Saison müssen wir uns über das ganze Jahr anders präsentieren. Wir haben im nächsten Jahr das ganz klare Ziel aufzusteigen.“

Becker bleibt bei seiner Wolf-Linie – vorerst

Was das für den seit Wochen in der Kritik stehenden Trainer bedeute? „Ich habe in den letzten Wochen dazu viel gesagt. Da gibt es heute von mir keine neue Erkenntnis“, antwortete Becker, der sich auch auf mehrfache Nachfrage nicht aufs Glatteis wagen wollte: „Ich habe letzte Woche gesagt, wie die Situation ist. Das hat jetzt, 20 Minuten nach diesem Spiel, immer noch Bestand.“

Die HSV-Profis in der Einzelkritik

Eine Woche war es her, als sich Sportchef Becker nach dem Krisengipfel im Anschluss an die bittere 0:3-Heimniederlage gegen Ingolstadt klar positioniert hatte. Der HSV habe in den vergangenen zehn Jahren immer wieder den Trainer ausgetauscht – und hätte damit die Abwärtsspirale des Clubs nur beschleunigt. Bei diesem Spielchen, so Becker, würden er und Vorstandskollege Bernd Hoffmann nicht mitmachen: „Wir sind grundsätzlich total überzeugt von unserem Trainer.“

Hoffmann, Köttgen und Jansen fliehen

Von Hoffmann, Aufsichtsratschef Max-Arnold Köttgen und HSV-Präsident Marcell Jansen, die direkt nach dem Schlusspfiff fast fluchtartig den Ort des Grauens verließen, war in dieser Frage zunächst nichts zu hören. Dabei dürfte es eine der spannendsten Fragen des Sommers werden, ob Becker und Hoffmann trotz des misslungenen Aufstiegs nun bei ihrer Haltung bleiben.

Was die Mannschaft betrifft, das machte Becker bereits in Paderborn deutlich, dürften sich die Zuschauer in der kommenden Saison trotz leerer Kassen auf neue Gesichter einstellen. „Wir können uns das als HSV schlecht erlauben, immer wieder das Thema Geld als Entschuldigung zu nehmen. Die Dinge, die gemacht werden müssen, müssen gemacht werden“, sagte Becker, der bereits David Kinsombi (Holstein Kiel/3,5 Millionen Euro) und die ablösefreien Jan Gyamerah (VfL Bochum) und Jeremy Dudziak (FC St. Pauli) geholt hatte.

Verlassen werden den HSV dagegen Pierre-Michel Lasogga, Lewis Holtby, Fiete Arp, Orel Mangala, der in Paderborn nicht berücksichtigte Hee-chan Hwang und ziemlich sicher auch Léo Lacroix und Douglas Santos. „Jetzt haben wir Gewissheit, in welcher Liga wir spielen“, sagte Becker. „Und jetzt müssen wir uns neu aufstellen.“

Mickel erwartet "Herz und Leidenschaft"

Auf was es bei der Neuausrichtung in der kommenden Saison vor allem ankommen dürfte, fasste Torhüter Tom Mickel kurz nach dem Schlusspfiff sehr deutlich zusammen. „Wenn man für diesen Club spielt, dann muss man Herz, Leben, Leidenschaft haben“, sagte Mickel, der erst wenige Stunden vor dem Spiel erfahren hatte, dass er für den kranken Julian Pollersbeck einspringen musste. „Wir haben in der ganzen Rückrunde Mentalität vermissen lassen. Wir haben in manchen Spielen nicht das richtige Gesicht gezeigt. Das geht einfach nicht.“

"Warum wurde Titz entlassen?" – Netz-Reaktionen der HSV-Fans

Tatsächlich bleibt es wohl ein Rätsel, warum der HSV nach dem 4:0-Derbysieg am 10. März derart einbrach und in Folge keine einzige Partie mehr gewinnen konnte. „Mir tut es einfach leid für die Fans und für die Mitarbeiter des HSV“, sagte auch Hannes Wolf, der sich genauso wenig den Negativlauf der vergangenen Wochen erklären konnte.

Wolf probierte auch in Paderborn Neues

Dabei hatte natürlich auch der glücklose Trainer seinen Anteil am Niedergang. In Paderborn, also im letzten Endspiel dieser Saison, setzte Wolf beispielsweise auf eine Dreierkette, die noch nie in dieser Konstellation zusammengespielt hatte. Und auf Douglas Santos, den wahrscheinlich einzigen bundesligareifen Hamburger, der erstmals überhaupt in seinem Leben als Mittelfeldregisseur auflaufen sollte.


Das Ergebnis der Wolf’schen Überlegungen ist bekannt. Die Hamburger starteten im Vergleich zum desaströsen 0:3 gegen Ingolstadt zwar leicht verbessert, fielen nach den Paderborner Toren durch Sebastian Vasiliadis (25./46.) aber wieder einmal komplett in sich zusammen. Lediglich nach dem Anschlusstreffer durch Rick van Drongelen (71.) durften sich die 2000 mitgereisten HSV-Fans, die als Zeichen des großen Zusammenhalts in den gleichen T-Shirts auf der Tribüne standen, wie sie die Spieler beim Warmmachen anhatten, noch einmal über ein kurzes Aufbäumen freuen.

Finale gegen Duisburg mit Topspielzuschlag

Ganze zehn Minuten dauerte die Hamburger Drangphase, ehe Paderborns
Antwi-Adjej mit seinem Doppelpack (81./85.) für klare Verhältnisse sorgte – und für Mickels „traurigsten Tag seiner Fußballkarriere“. Auch Torschütze van Drongelen war untröstlich: „Heute zu den Fans zu gehen, das ist ganz schwer. Es tut mir sehr leid für die Fans. Wir haben das auch nicht so gewollt.“

Doch was bleibt? Zunächst einmal ein letzter trauriger Schlussakkord dieser völlig verkorksten Spielzeit. Am kommenden Wochenende dürfen der HSV und der MSV Duisburg nach Nicht-Aufstieg und Nicht-Klassenerhalt im seit Monaten ausverkauften Volksparkstadion um die berühmte goldene Ananas spielen. Die Karten wurden in der Hoffnung auf eine einzigartige Aufstiegsparty mit einem Topzuschlag für bis zu 85 Euro verkauft. „Das tut mir unheimlich leid. Die HSV-Fans sind wirklich erstligareif“, sagte Sportchef Becker. „Wir sind es leider nicht.“