HSV 1:4 in Paderborn

Ralf Becker kündigt eine "knallharte" Analyse an

Der HSV bleibt in der zweiten Bundesliga sitzen. Der Sportchef weicht in der Trainerfrage aus, der Kapitän übt Manöverkritik.

Paderborn/Hamburg. Nicht-Aufstieg statt letzter Hoffnungen: Der HSV bleibt nach einer 1:4 (0:1)-Niederlage beim SC Paderborn mindestens ein weiteres Jahr in der zweiten Fußball-Bundesliga. Da Union Berlin am Sonntag parallel mit 3:0 gegen Magdeburg siegte, ist Relegationsplatz drei für die Hamburger nur noch in der Theorie zu erreichen. Am letzten Spieltag müsste der HSV im Heimspiel gegen den MSV Duisburg dafür auf die Hauptstädter nicht nur drei Punkte, sondern auch 21 Tore aufholen.

Ganz anders ist dagegen die Stimmung bei Paderborn: Die Ostwestfalen sind weiterhin Zweiter und können am letzten Spieltag schlimmstenfalls auf Rang drei abrutschen. Auf den Tag genau ein Jahr nach dem ersten Bundesliga-Abstieg des HSV trafen Paderborns Doppelpacker Sebastian Vasiliadis (25., 46.) und Christopher Antwi-Adjei (81., 85.) mitten ins Herz der Hamburger, für die einzig Rick van Drongelen (71.) erfolgreich war.

Van Drongelen traurig, Hunt wird deutlich

"Es tut mir leid für die Fans", sagte der "traurige" Hamburger Torschütze im Anschluss. Aber auch für ihn selbst und seine Kollegen sei es ein harter Schlag, sagte van Drongelen. "Viele Jungs sind nicht nur Spieler, sondern auch Fans vom HSV. Die fühlen wie unsere Fans und hätten sich den Aufstieg genauso gewünscht." Letztlich habe das Team nach der Winterpause aber die "Stabilität verloren".

Der HSV in der Einzelkritik

Tom Mickel, der kurzfristig den erkrankten Stammtorhüter Julian Pollersbeck ersetzen musste, wollte die Frage nach fehlenden Führungsspielern so nicht stehen lassen. "In der Hinrunde hat keiner nach Typen gefragt, da lief es und da war alles gut", sagte Mickel: "Wir haben es als Mannschaft nicht aufgefangen. Man kann es als Mannschaft hinbekommen, aber wir haben einfach den richtigen Schlüssel nicht gefunden."

Hunt: "Wir haben jedes Mal versagt"

Deutlicher in seiner ersten Saisonanalyse wurde Aaron Hunt. "Ich muss aufpassen, was ich sage. Manche Dinge sollte ich wohl lieber intern ansprechen", sagte der Kapitän bei Sky, bevor er dem Abendblatt in der Mixed-Zone folgende Worte in den Block diktierte: "Wir haben eine katastrophale Rückrunde gespielt und sind auch völlig verdient nicht aufgestiegen. Wenn man in so einem entscheidenden Spiel so spielt wie wir, dann hat man es auch nicht verdient, aufzusteigen."

Kommentar: Der Nicht-Aufstieg hat brutale Konsequenzen

Wann der Abwärtstrend seinen Anfang nahm, könne er nicht exakt bestimmen. "Wir haben nach dem St.-Pauli-Spiel bis auf die ersten 20 Minuten gegen Darmstadt nie mehr unsere Leistung auf den Platz gebracht, da war in keinem Spiel etwas zu sehen, was uns in der Hinrunde ausgemacht hat." Klar sei jedoch, dass die Mannschaft in den vergangenen Spielen jede Chance ausgelassen habe, sich im Aufstiegskampf zu behaupten. "Wir haben jedes Mal versagt, auch heute. Ich habe nicht gesehen, dass wir uns gewehrt haben. Klar ist die Mannschaft jung, aber jeder will aufsteigen."

Hunt vermisst Mut und Klarheit im Kopf

Sportchef Ralf Becker wollte indes in einer ersten Reaktion nicht ausnahmslos hart mit den Spielern ins Gericht gehen. "Auch, wenn man analysieren muss, dass die letzten zweit Monate eine absolute Katastrophe waren, fand ich trotzdem, dass man gesehen hat, dass sich die Mannschaft heute etwas vorgenommen hatte", sagte er.

"Warum wurde Titz entlassen?" – Netz-Reaktionen der HSV-Fans

Laut Hunt mangele es der Mannschaft nicht an fußballerischer Qualität. "Es hat etwas damit zu tun, mutig zu sein und in Drucksituationen klar im Kopf zu bleiben, das haben wir nicht geschafft", sagte der 32-Jährige: "Wir haben heute noch einmal einen draufgesetzt. Wenn man jedes Mal den Gegner zum Toreschießen einlädt, kann man nirgendwo auf der Welt ein Fußballspiel gewinnen."

Becker weicht in der Wolf-Frage aus

Hannes Wolf, der gegen Paderborn inklusive des erzwungenen Torwartwechsels vier Änderungen im Vergleich zur vorangegangenen 0:3-Heimpleite gegen Ingolstadt vorgenommen hatte, bewertete das Spiel als "ein Spiegelbild der letzten Wochen. Wir haben gegen die Entwicklung angekämpft. Das sind bittere Tage, die wir erstmal verdauen müssen. Mir tut es sehr leid für die fantastischen Fans und die Mitarbeiter des HSV."

Auf die Nachfrage, ob Wolf Trainer bleibe, antwortete Becker ausweichend. "Es geht darum, in Ruhe Entscheidungen zu treffen, die für uns alle die größte Wahrscheinlichkeit haben, dass wir nächstes Jahr aufsteigen. Das ist eine halbe Stunde nach dem Spiel oft nicht richtig und oft nicht gut", sagte der Sportchef am Sky-Mikrofon, ehe er später verbal nachlegte.

Becker kündigt "knallharte" Analyse an

"Wir müssen relativ bald klar analysieren, was uns in dieser Saison gefehlt hat", sagte Becker. "Und diese Dinge müssen wir knallhart angehen. Nächsten Jahr müssen wir uns über das ganze Jahr anders präsentieren. Wir haben im nächsten Jahr das ganz klare Ziel, aufzusteigen. Ansprechen, analysieren und wichtig: auch umsetzen."

Ausreden wolle Becker dabei nicht gelten lassen. "Wir können uns das als HSV schlecht erlauben, immer wieder das Thema Geld als Entschuldigung zu nehmen. Die Dinge, die gemacht werden müssen, müssen gemacht werden." Einige Spieler wie Kiels David Kinsombi seien bereits neu unter Vertrag genommen worden, nun solle weiter intensiv für die zweite Liga geplant werden. "Jetzt haben wir Gewissheit – und jetzt müssen wir uns neu aufstellen", sagte Becker.

HSV vergibt zwei gute Anfangschancen

Das Schreckensszenario Nicht-Aufstieg hätte sich der HSV, der sowohl in der Hinrunde als auch im DFB-Pokal gegen den SCP gewonnen hatte, ersparen können. Doch im "Endspiel" in Paderborn wirkten zu Beginn nur die Gastgeber wild entschlossen. Angetrieben von den starken Sven Michel, Kai Pröger, Philipp Klement und Vasiliadis sorgte der SCP vor allem bei Umschaltsituationen für Gefahr. Bei einer ersten Chance scheiterte Pröger an Mickel (11.).

Anschließend fand auch der HSV besser ins Spiel, vergab aber durch Léo Lacroix (15.) und van Drongelen (19.) zweite gute Chancen. Mitten in diese Hamburger Druckphase fiel der Führungstreffer des SCP: Vasiliadis schob den Ball nach einer zu kurzen Abwehr von Mickel mühelos ins Tor.

Hunt drückt Paderborn die Daumen

HSV-Trainer Hannes Wolf erhöhte nach der Pause das Risiko und wechselte Aaron Hunt für Abwehrspieler David Bates ein – doch nur Sekunden nach Wiederanpfiff fiel der zweite Gegentreffer. Lacroix verlor den Ball leichtfertig an Vasiliadis, der sich die Chance nicht nehmen ließ. "Wir haben ein bisschen Pech gehabt mit dem abgefälschten Schuss direkt nach der Halbzeit", sagte der geschlagene Torhüter Mickel, der sich nach dem Spiel "extrem leer" fühlte. "Wir haben es in dem Endspiel nicht geschafft. Die Fans sind völlig zurecht frustriert", sagte Mickel nach dem erst neunten Zweitligaspiel seiner Karriere.

In der Tat hatte Hamburg den wild entschlossenen Gastgebern kaum noch etwas entgegenzusetzen. Im Gegenteil: Paderborn fand immer wieder Lücken, kam zu besten Chancen und drängte auf die Entscheidung. Hamburgs van Drongelen sorgte mit seinem Anschlusstreffer nur kurzzeitig für Spannung, weil Antwi-Adjei kurz darauf alles klarmachte. Auch Joker Fiete Arp konnte in seinem wohl vorletzten Auftritt für den HSV in einer guten Szene keinen Treffer mehr erzielen.

"Glückwunsch an Paderborn, ich drücke ihnen die Daumen", sagte Hunt hinterher. "Sie haben es verdient, weil sie tollen Offensivfußball spielen und einen tollen Trainer haben, der das immer wieder einfordert. Es macht Spaß, zuzugucken." Von der Gegenseite wurden die Streicheleinheiten prompt erwidert. "Das ändert ja nichts daran, dass der HSV ein großer Gesamtverein ist", sagte Paderborns Trainer Steffen Baumgart zum verpassten Wiederaufstieg seines einstigen Herzensvereins.