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David Kinsombi: Warum ich mich für den HSV entschieden habe

Königstransfer des HSV? David Kinsombi (M., gegen Douglas Santos) wechselt von Holstein Kiel nach Hamburg.

Königstransfer des HSV? David Kinsombi (M., gegen Douglas Santos) wechselt von Holstein Kiel nach Hamburg.

Foto: Witters

Der dribbelstarke Mann von Holstein Kiel wechselt in jedem Fall nach Hamburg. Dabei hat auch ein Komplex eine Rolle gespielt.

Kiel. Knapp 20 Zuschauer sind dabei, als David Kinsombi an diesem Vormittag auf einem Nebenplatz des Trainingskomplexes in Kiel groß aufdribbelt. Der Bald-Hamburger, der zum HSV wechselt und sich im Januar das Schienbein gebrochen hatte, sprintet, passt und haut auch mal dazwischen. Eigentlich nichts Außergewöhnliches, doch genau das ist für den Langzeitpatienten total außergewöhnlich. Nach seinem ersten Mannschaftstraining nach überstandener Verletzung bittet Kinsombi noch um ein paar Minuten Geduld.

„Ich gehe noch kurz in den Kraftraum, dusche und bin dann gleich da“, sagt der 23 Jahre alte Fußballer, der vor knapp einem Monat bis 2023 beim HSV unterschrieben hat.

Hamburger Abendblatt: Herr Kinsombi, wie geht es Ihnen?

David Kinsombi: Wieder richtig gut. Natürlich hat mir auch das erste Training auf dem Platz mit der Mannschaft gerade sehr gut getan. Die anstrengende Phase, in der ich alles wieder neu aufbauen musste, ist abgeschlossen. Nun geht es nur noch ums Feintuning.

Es sind noch zwei Wochen bis zum Saisonende. Wie groß ist die Chance für Sie, sich vom Kieler Publikum auf dem Rasen zu verabschieden?

Kinsombi: Das ist schwierig zu beantworten. Es kommt darauf an, wie mein Körper auf das regelmäßige Mannschaftstraining reagiert. Natürlich wäre es ein Traum, wenn ich noch einmal spielen könnte.

Kurz vor Ihrer Verletzung wurden Sie vom Fachmagazin „Kicker“ in der Kategorie der besten Zweitliga-Mittelfeldspieler der Hinrunde eingestuft. Wie sehr schmerzte Sie Ihre Verletzung im doppelten Sinne?

Kinsombi: Eine Verletzung ist nie schön. Aber ehrlich gesagt konnte ich besser mit meinem Schienbeinbruch umgehen, weil wir in meiner ganzen Rehazeit nie eine wirklich schlimme Phase mit der Mannschaft hatten. Wäre unsere tabellarische Situation schwieriger gewesen und Kiel hätte gegen den Abstieg gespielt, wäre es für mich viel unangenehmer gewesen.

Haben Sie gar nicht an Ihre Karriere gedacht, als Sie die brutale Diagnose hörten?

Kinsombi: Überhaupt nicht. Ich musste mich für 20 Minuten schütteln. Dann habe ich meine Mama und meinen Bruder angerufen und dann ging es auch schon wieder. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich eigentlich noch nie wirklich verletzt war. Die schlimmsten Verletzungen meiner Karriere habe ich mir beide in dieser Saison zugezogen.

Den Schienbeinbruch…

Kinsombi: …und den Anriss des Außenbandes im Sprunggelenk in der Saisonvorbereitung. Damals habe ich gerade einmal zehn Tage pausiert und dann nach nur einer Trainingseinheit mein Comeback am ersten Spieltag gegeben.

Die Trainingseinheit hat gereicht…

Kinsombi: Stimmt. Wir haben dann ja gleich am ersten Spieltag 3:0 in Hamburg gewonnen – und ich habe ein Tor geschossen und eins vorbereitet.

Während der Rehaphase nach dem Schienbeinbruch haben Sie sich nun für einen Wechsel nach Hamburg entschieden. Entschuldigen Sie die Frage: Aber warum gehen Sie ausgerechnet zum HSV?

Kinsombi: Zum einen hat mir sehr gefallen, wie sich die Verantwortlichen um mich bemüht haben. Und zum anderen reizt mich neben der einzigartigen Fankultur auch die Struktur der Mannschaft. Der HSV ist ein extrem junges Team, das miteinander wachsen kann. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich da gut reinpasse.

Seit der Bekanntgabe des Wechsels vor einem knappen Monat hat der HSV nicht mehr gewonnen, ist von Platz zwei auf Platz vier gerutscht. Bereuen Sie Ihre Entscheidung schon ein wenig?

Kinsombi: Überhaupt nicht. Ich habe ja ganz bewusst beim Zweitligisten HSV unterschrieben – auch wenn ich natürlich sämtliche Daumen drücke, dass aus dem Zweitligisten ein Erstligist wird. Mich hat nicht die Liga überzeugt, sondern der Verein.

Stimmt eigentlich die Geschichte, dass HSV-Trainer Hannes Wolf Sie zwei Tage nach Ihrer Operation in Kiel im Krankenhaus besucht und Ihnen damit einen Wechsel schmackhaft gemacht hat?

Kinsombi: Ich habe die Geschichte auch gelesen und musste ein wenig schmunzeln.

Nun ja, die Verantwortlichen dürften Ihnen jedenfalls gesagt haben, dass der HSV den jüngsten Kader der Liga hat...

Kinsombi: …und genau das reizt mich. Auch in Kiel haben wir eine sehr junge Mannschaft, die sich über die Saison gemeinsam entwickelt hat. Das ist fast so eine Art Schulklassenfeeling. Der eine ist vielleicht drei Jahre jünger, der andere drei Jahre älter. Aber im Großen und Ganzen haben wir alle die gleichen Interessen. Und ich glaube schon, dass genau diese Konstellation gut ist für das Mannschaftsgefüge. Es gibt keine Grüppchenbildung mit den alten Hasen und den Jüngeren.

Was zeichnet denn einen guten Führungsspieler aus?

Kinsombi: Generell ist es meiner Meinung nach wichtig, dass es Spieler auf dem Platz gibt, auf die man sich in jeder Situation verlassen kann. Also auch in Phasen, in denen alles gegen die eigene Mannschaft läuft. Da muss es Spieler geben, die trotzdem Verantwortung übernehmen, die anspielbar sind und die sich gegen die scheinbar sichere Niederlage weiter auflehnen.

Sie sind der jüngste Kapitän der Zweiten Liga. Hatten Sie gar keinen Bammel davor, dieses Amt zu übernehmen?

Kinsombi: Im Gegenteil. Ich hatte keine Angst, sondern für mich war es eine Ehre. Unser Trainer Tim Walter hat mir einen Vertrauensvorschuss gegeben – und diesen wollte ich natürlich bestätigen. Ich bin keiner, der große Reden schwingt. Aber mir war schon klar, dass ich mit Leistung überzeugen muss.

Muss ein Kapitän nicht auch außerhalb des Platzes überzeugen.

Kinsombi: Auf dem Platz ist es am wichtigsten. Aber selbstverständlich muss ein guter Kapitän auch ein Auge und ein Ohr für das Teamklima haben. Ich habe mich immer darum bemüht, ein offenes Ohr für jeden Mitspieler zu haben. Und obwohl ich kein Lautsprecher bin, gibt es dann manchmal doch Momente, wo ich als Kapitän auch mal zur Mannschaft sprechen muss. Nicht schreien, sondern sprechen.

Bereits in der A-Jugend bei Mainz 05 waren Sie Mannschaftskapitän. Warum übernehmen Sie so gerne Verantwortung?

Kinsombi: Schwer zu sagen. Vielleicht habe ich den Großer-Bruder-Komplex. Ich habe drei jüngere Geschwister. Für die musste ich natürlich auch früher schon Verantwortung übernehmen. Mein Bruder ist vier Jahre jünger, meine eine Schwester ist anderthalb Jahre jünger, meine andere Schwester sogar neun Jahre jünger als ich. Wenn meine Eltern arbeiten waren, musste immer ich auf meine Geschwister aufpassen.

Ihre Eltern stammen aus dem Kongo, Sie sind aber in Rüdesheim am Rhein geboren. Haben Sie noch eine Verbindung zur Heimat Ihrer Eltern?

Kinsombi: Auf jeden Fall. Leider hatte ich in den vergangenen Jahren nicht die Zeit, dorthin zu fahren. Im vergangenen Sommer hatten wir Relegation, die beiden Sommer davor habe ich jeweils den Verein gewechselt. Und auch in diesem Sommer muss ich wieder einen Umzug organisieren. Ich hoffe mal, im kommenden Jahr die Zeit zu haben, wieder mal in den Kongo zu reisen.

Sie haben drei U18-Länderspiele für Deutschland absolviert. War es nie ein Thema, für den Kongo zu spielen?

Kinsombi: So wirklich habe ich mich nie mit der Thematik beschäftigt. Als ich für Deutschlands U18 gespielt hatte, gab es mal eine lose Anfrage aus dem Kongo. Aber wirklich konkret war das nie.

Hätte Ihr Vater eine Präferenz?

Kinsombi: Ne, mein Vater ist so oder so stolz. Der ist schon wunschlos glücklich, weil ich trotz des Fußballs auch das Abitur geschafft habe.

Mittlerweile studieren Sie sogar ganz nebenbei. Sind Sie nicht ausgelastet?

Kinsombi: Der Fußballalltag geht ja selten von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends. Und auch wenn man Zusatzschichten macht, hat man ab und an noch Zeit, nebenbei etwas anderes zu machen.

Playstation spielen?

Kinsombi: Kommt auch vor, aber nicht täglich. Ich lese hier und da gerne, zum Beispiel Biografien. Ich habe mich dann an der Fernuniversität IUBH eingeschrieben. Mein erstes Semester geht gerade zu Ende, die ersten Prüfungen wie Grundlagen der Betriebs- und Wirtschaftslehre habe ich auch schon geschrieben.

Gibt es bereits einen Hintergedanken für die Karriere nach der Karriere?

Kinsombi: Überhaupt nicht. Das mache ich wirklich nur für mich. Ich will mich auf allen Ebenen weiterentwickeln – auf dem Platz als Fußballer, und auch abseits des Platzes. Und das ist eigentlich auch der Hauptgrund, warum ich mich jetzt so sehr auf die Herausforderung Hamburg freue.