Bayern-Leihgabe

HSV-Jahr kostet Green den Platz bei Klinsmann

Julian Green konnte sich beim HSV nicht durchsetzen. Der talentierte US-Amerikaner schien das schon im Trainingslager in Dubai zu ahnen

Julian Green konnte sich beim HSV nicht durchsetzen. Der talentierte US-Amerikaner schien das schon im Trainingslager in Dubai zu ahnen

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Der junge Stürmer fehlt im US-Kader gegen Deutschland. HSV-Sportchef Knäbel: „Beide Seiten haben sich mehr versprochen.“

Hamburg.  Dieses Tor, ein Sahnestück. Michael Bradley chippte den Ball zentral halbhoch in Höhe des Elfmeterpunktes vor das belgische Tor. Von halblinks lief Julian Green ein und trat das Leder mit rechts volley zum 1:2-Anschlusstreffer für die USA im WM-Achtelfinale ins Netz. Unmittelbar nach seiner Einwechslung, mit dem ersten Ballkontakt. 19 Jahre und 25 Tage alt war der Angreifer von Bayern München an diesem 1. Juli 2014. Der jüngste WM-Torschütze seit einem gewissen Lionel Messi acht Jahre zuvor. „Seine Zukunft erscheint strahlend“, titelten amerikanische Zeitungen.

Wenn Jürgen Klinsmanns Team an diesem Mittwoch (20.45 Uhr/ARD) in Köln auf Weltmeister Deutschland trifft, ist der bayerische US-Boy nicht mehr dabei. Ein misslungenes Jahr beim HSV hat den jungen Mann seinen Platz im US-Kader gekostet, das Ausnahmetalent („Grün ist die Hoffnung“) wurde in Hamburg zum Problemfall. „Die Erwartungen, die ich am Anfang meiner Ausleihe an diesen traditionsreichen und namhaften Club hatte, wurden leider ziemlich enttäuscht“, erklärte Green in seinem Blog für die Jugendzeitschrift „Bravo“. Deren Zielgruppe sind pubertierende Teenager mit Liebeskummer, Schwärmereien für Pop- und Sportstars und auf der schwierigen Suche nach ihrer Rolle im Leben. Bravo-Blog – das scheint irgendwie zu Julian Green zu passen.

Zehnmonatiges Missverständnis

Die zehn Monate in Hamburg haben sich als einziges, großes Missverständnis erwiesen. Da war ein Spieler, der von seiner WM-Wolke sieben kam, in der Hoffnung, bei einem weniger hochklassigen Bundesligateam als seinen Bayern Spielpraxis zu sammeln. Und da war ein Verein, der die Hoffnung hatte, mit einem talentierten Nachwuchsstürmer seine Offensivprobleme zu lösen. „Beide Seiten haben sich natürlich mehr versprochen“, sagt HSV-Sportchef Peter Knäbel und räumt ein: „Ein Verein im Existenzkampf ist auch nur bedingt geeignet, einen jungen Spieler zu entwickeln.“

Klinsmann glaubt jedoch, dass die Zeit in Hamburg für Julian Green dennoch hilfreich war: „Man darf nicht vergessen, dass er gerade erst 20 Jahre alt geworden ist. Er ist in einem Alter, in dem Fußballer noch sehr viel lernen. Und in Hamburg hat er viel gelernt, auch außerhalb des Rasens.“

Green ist in Miesbach groß geworden, Oberbayern, 11.000 Einwohner, 46 Kilometer südlich von München. Dort lebte er mit seiner Mutter, seit er drei Jahre alt war. Sein Vater blieb in Florida, wo es die Mutter nicht mehr ausgehalten hatte. „Bodenständig“ sagt man wohl, und Lederhosen zog Julian Green auch gerne zum Oktoberfest an. Schon mit 14 Jahren kam das erste Angebot der Bayern für den talentierten Nachwuchskicker, zu früh. Green blieb noch zwei Jahre daheim bei Muttern, bis er sich dann doch in die Nachwuchsschmiede der Bayern an der Säbener Straße aufmachte und in diversen Jugendteams überzeugte.

Slomka wollte Green unbedingt

„Mit dem FC Bayern im Herzen bin ich aufgewachsen“, sagte er der „Zeit“. Pep Guardiola stand auf den Jungen mit den schnellen Füßen und der guten Technik, er förderte ihn, setzte ihn im November 2013 sogar in der Champions League ein. Ohne Bundesligaspiel holte ihn Klinsmann vor einem Jahr völlig überraschend zur WM. Das Tor – die Welt stand ihm offen. Dachte er. Er brauchte halt nur Spielpraxis.

Die Anfrage aus Hamburg kam da gerade recht. „Du bist mein Wunschspieler“ soll Trainer Mirko Slomka gesagt haben. Aber nach drei Spieltagen war der schon wieder weg. Dann verletzte sich Green im ersten Spiel unter Joe Zinnbauer, dem 0:0 gegen die Bayern, an der Rippe. Drei Spiele folgten noch, im November bestritt er in Augsburg sein fünftes und bislang letztes Bundesligaspiel. „Er hatte sich erhofft, dass er hier ohne Probleme Spielpraxis bekommt. Entsprechend war er sehr enttäuscht“, meint Knäbel.

Mit seinen Leistungen im Training drängte Green sich auch nicht gerade auf. Die angebotenen Spiele in der U23-Mannschaft in der Regionalliga lehnte er dennoch ab. „Er meinte, das sei mit seinem Status nicht vereinbar“, sagt Knäbel, „das ist aus seiner Sicht vielleicht verständlich, entspricht aber nicht unserer Kultur. Auch ein Ivo Ilicevic hat in der Regionalliga gespielt.“

Schließlich war der Karren festgefahren. Der Spieler sank in eine Mischung aus Resignation und Trotz. „Irgendwann habe ich keine Unterstützung von irgendwem mehr gespürt und hatte das Gefühl, dass ich keine Rolle mehr spiele“, äußerte Green in seinem Blog: „Wenn so mit einem umgegangen wird, dann fällt es schwer, sich mit einem Club zu identifizieren.“

Klinsmann bleibt von Green überzeugt

Als der HSV in der Relegation gegen den Karlsruher SC um sein sportliches Überleben kämpfte, war Green mit der amerikanischen U23-Juniorenmannschaft bei einem wichtigen Turnier im französischen Toulon aktiv, „darüber war ich nicht traurig.“ Gegen Katar ist ihm sogar ein Tor gelungen, eine Volleyabnahme. Den HSV hat er längst abgeschüttelt. „Ich bin überzeugt, dass Julian seinen Weg noch machen wird, auch in unserer Nationalmannschaft“, sagt Klinsmann.

Für Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge ist Julian Green in Bezug auf die internationale Vermarktung ein wertvoller Spieler. Bis 2017 steht er dort noch unter Vertrag. „Für uns wäre es ideal, einen amerikanischen und einen chinesischen Spieler im Team zu haben“, sagte Rummenigge im März gegenüber US-Reportern.

Dennoch muss Green damit rechnen, auch in diesem Sommer wieder verliehen zu werden: „Er braucht wahrscheinlich noch ein Jahr bei einem anderen Verein – in Deutschland oder in England“, sagte Rummenigge.

Ein aktuelles Angebot der Tottenham Hotspur aus der englischen Premier League will Julian Green jedoch nicht annehmen. Einmal fremde Großstadt, das reicht erst einmal. Und wer weiß schon, ob sie ihn in London regelmäßig spielen lassen würden.