HSV-Saisonkritik

Holtby hatte seinen größten Auftritt vor der Nordtribüne

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Kai Schiller und Alexander Laux
Vor den Fans hui, auf dem Platz pfui: 6,5-Millionen-Mann Lewis Holtby

Vor den Fans hui, auf dem Platz pfui: 6,5-Millionen-Mann Lewis Holtby

Foto: Witters

Die Saison ist endlich vorbei, jetzt gibt es die Zeugnisse. Trotz Klassenerhalts hagelt es schlechte Noten für die HSV-Stars.

Karlsruhe. Nach dem letzten Spiel der Saison musste trotz gemeinsamen Jubels mit den Fans alles ganz schnell gehen: Mit dem Mannschaftsbus ging es direkt zum Flughafen, von dort per Chartermaschine nach Hannover. Mit einem gemieteten Bus wurden dann mitten in der Nacht die letzten 170 Kilometer zurückgelegt. Es war die letzte Dienstreise einer Spielzeit, die trotz des glücklichen Ausgangs getrost als völlig verkorkst bezeichnet werden darf. Rund 32 Millionen Euro wurden in eine Mannschaft investiert, die bis auf extrem wenige Ausnahmen – so deutlich muss man es leider formulieren – überwiegend versagte. Die einzige Gewissheit: Nach zwei Jahren Murks und Zittern kann es in der nächsten Saison eigentlich nur besser werden. Ein letztes Mal muss aber an dieser Stelle im Abschlusszeugnis noch einmal der kritische Blick zurück erlaubt sein, ehe von nun an nach vorn geschaut werden sollte. Der HSV in der Einzelkritik.

Adler (30 Jahre alt/14 Spiele/0 Tore): Kämpfte sich zurück in die Mannschaft, nachdem er von Ex-Trainer Slomka aussortiert wurde. Am Ende einer langen Saison einer der zuverlässigsten und besten Hamburger. Der gehaltene Elfmeter in der Verlängerung rundet die Leistung des früheren Nationaltorwarts ab.

Drobny (35/23/0): Kassierte 33 Gegentreffer in 23 Spielen, ehe er sich selbst mit einer Roten Karte in Hoffenheim aus dem Spiel nahm. Blieb trotzdem mindestens so wichtig für den Mannschaftsspirit wie sein genauso schweigsamer Kollege, der Geist von Malente.

Diekmeier (25/23/0): Der Autofan sollte den eigenen Motor schnellstmöglich generalüberholen.

Götz (21/10/0): War genauso plötzlich Stammspieler, wie er nach zehn Einsätzen wieder in der Versenkung verschwand.

Westermann (31/29/0): Der Routinier, der vor einem Jahr in der Relegation über den Ball säbelte und so fast für den Abstieg sorgte, bleibt ein Phänomen. Unabhängig von seinen zahlreichen Fehlern gibt es aber sicher keinen HSV-Profi, der sich derart reinhängt wie der frühere Nationalspieler. Sollte sich der Club trotz des Klassenerhalts gegen eine Vertragsverlängerung mit dem Dauerläufer entscheiden, wäre das rational nachvollziehbar. Fernab von jeder Ratio würde aber das Gefühl vorherrschen, dass #HW4 fehlen wird.

Djourou (28/34/0): Kein HSV-Profi absolvierte so viele Spiele wie der Schweizer. Nach einer mehr als wechselhaften Serie muss dazu eine Frage erlaubt sein: warum eigentlich?

Cléber (24/13/1): Musste schmerzhaft erfahren, dass Hamburg tatsächlich nicht Brasilien ist. Hofft nach einem verdammt schweren Debütjahr auf den Durchbruch in der kommenden Saison.

Rajkovic (26/13/1): Bekam in seiner Zeit in Hamburg von den HSV-Verantwortlichen mehr Knüppel als von jedem Gegenspieler im Spiel zwischen die Beine geworfen. Sollte der ablösefreie Serbe seine Zelte nun in Hamburg abbrechen, dürfte sich Saloniki auf seine Dienste ehrlich freuen.

Ostrzolek (24/27/0): Brauchte eine lange Anlaufzeit, um sich auf Hamburgs linker Seite zurechtzufinden.

Marcos (21/9/0): Verdrängte zwischenzeitlich Neuzugang Ostrzolek auf die Ersatzbank, ohne so recht zu wissen, wie. Muss noch viel lernen.

Jansen (29/15/2): Es war nicht überraschend, dass der dienstälteste Hamburger nach seiner schwächsten Saison im verflixten siebten Jahr gehen muss.

Behrami (30/22/0): Der alles andere als neutrale Schweizer schaffte es in Rekordzeit, vom „Aggressivleader“ zur Persona non grata zu mutieren. Kaum vorstellbar, dass der Mittelfeldmann mit Streifenhörnchenfrisur über den Sommer hinaus in Hamburg bleibt.

Jiracek (29/19/0): Ist seit drei Jahren in Hamburg, ist seit drei Jahren irgendwie dabei, und seit drei Jahren fragt man sich, warum eigentlich.

Kacar (28/14/3): Es ist paradox und bezeichnend zugleich, dass ausgerechnet der Daueraussortierte und einst zur U23 abgeschobene Serbe, dessen auslaufender Vertrag ursprünglich nicht verlängert werden sollte, bester Hamburger der Saison war.

Díaz (28/8/1): Fügte sich in die Pleiten-, Pech- und Pannenmannschaft ein, als sich der Winterneuzugang nach drei Spielen das Innenband im Knie riss. Bewahrte dann aber mit seinem Last-minute-Tor den HSV vor dem K. o.

Holtby (24/24/0): Hatte seinen größten Auftritt, als er lautstark und publikumswirksam vor der Nordtribüne den Austausch („Ich will mir den Arsch aufreißen“) mit den Fans suchte. Schade nur, dass der 6,5-Millionen-Mann, der ab Sommer in Raten bezahlt werden soll, auf dem Rasen selten bis nie derart engagiert zur Sache ging.

Steinmann (20/1/0): Durfte drei Minuten lang das 0:0 gegen Rekordmeister Bayern mit verteidigen, ehe er in eine Spalte des Raum-Zeit-Kontinuums gefallen sein muss. Vielleicht taucht das Talent im kommenden Jahr wieder auf.

Van der Vaart (32/25/4): Während seine Mannschaft den Abstieg noch zu verhindern versuchte, war sein persönlicher Niedergang nicht zu stoppen. In Stuttgart verließ der Kapitän entgegen allen Gepflogenheiten als Erster das sinkende Schiff, um von Land aus zu beobachten, wie der Kahn dann doch noch aus dem Dreck geholt wurde. Es war ein passender Abgang für drei Jahre Murks.

Arslan (24/13/0): Fand nach einer schwachen Hinrunde sein Glück in Istanbul.

Badelj (26/2/0): Einer der wenigen, der in dieser Saison in Hamburg nahezu alles richtig gemacht hat. Nach zwei Partien verabschiedete sich der Kroate in Richtung Florenz.

Müller (27/28/2): Alles, was er in Mainz richtig und gut gemacht hat, machte der Mittelfeldmann in Hamburg falsch und schlecht – bis er den HSV in der Verlängerung vor dem Abstieg bewahrte und sich vom Fehleinkauf zum Retter schoss.

Ilicevic (28/11/1): Nach vier Jahren mit insgesamt sieben (!) Toren und geschätzten zwölf Muskelverletzungen ist für den Offensivmann ab Sommer endgültig Schluss in Hamburg. Hätte er immer wie im ersten Relegationsspiel aufgedribbelt, dann würde man den eigentlich so talentierten Kroaten wohl sehr viel mehr vermissen.

Stieber (26/27/3): Wahrscheinlich ist es sinnbildlich für die Saison des HSV, dass ausgerechnet der Low-Budget-Neuzugang aus Fürth, den eigentlich keiner der neuen Verantwortlichen haben wollte, auf bescheidenem Niveau bester Neuer geworden ist.

Green (19/5/0): Einer der eifrigsten Twitter- und Facebooknutzer der Mannschaft. Schade nur, dass er nicht ganz so fleißig seinem eigentlichen Job als Fußballprofi nachging. Einsätze in der U23 beispielsweise lehnte er ab. Einsätze bei den Profis lehnten alle vier Übungsleiter der Saison ab.

Beister (24/6/0): Kam auch anderthalb Jahre nach seinem Totalschaden im Knie nicht wieder auf die Beine. Möglicherweise muss sich der Ur-Hamburger eine neue Herausforderung suchen.

Gouaida (22/11/0): Kam aus dem Nichts, überzeugte und verschwand leider wieder im Nichts. Trotzdem: könnte mittelfristig eine Alternative werden.

Cigerci (20/1/0): Ex-Trainer Joe Zinnbauer beförderte den Türken zum 17-Minuten-Bundesliga-Profi.

Lasogga (23/28/4): Kaum ein HSV-Profi hat einen derart krassen Absturz hingelegt wie der Relegationsretter aus der vergangenen Spielzeit. Das Bild des traurigen Pierre, der sich beim wichtigsten Saisonspiel gegen Schalke nach seiner Auswechslung neben Mama Kerstin auf die Tribüne statt zu seinen Kollegen setzte, sprach Bände. Aber: Bleibt der Sturmbulle in der kommenden Saison ausnahmsweise mal von größeren Verletzungen verschont, könnte der frühere Berliner am Ende vielleicht doch noch seine Ablöse von 8,5 Millionen Euro rechtfertigen.

Olic (35/18/2): War im Winter für den sogenannten Van-der-Vaart-Effekt gut. Wie der Niederländer vor drei Jahren wurde auch der nicht mehr ganz taufrische Kroate wider besseres Wissen für zu viel Geld geholt, um zumindest für einen Moment für einen Stimmungsaufschwung zu sorgen. Immerhin: Der reife, aber nicht müde werdende Publikumsliebling zahlte einen Teil des Investments am letzten Spieltag zurück, als er das überlebenswichtige 1:0 gegen Schalke erzielte.

Rudnevs (27/22/1): Wenn ein Hamburger Stürmer so viele (oder eher wenige) Saisontore für den HSV erzielt wie Werder Bremens Torhüter Raphael Wolf, kann man kaum von einer guten Saison sprechen. Lustig ist dies nur, weil beide Treffer im selben Spiel fielen.

Nafiu (21/2/0): Durfte in drei Jahren beim HSV 27 Minuten Bundesligafußball schnuppern. Als echter Fußballprofi darf sich der Mazedonier erst seit Januar fühlen, als er nach Nikosia wechselte.

Eigentore: 3 (Marcelo, Baumgartlinger, Wolf).

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