Erste Bundesliga

HSV schafft Klassenerhalt nicht mehr aus eigener Kraft

Steigt der HSV ab? Und was, wenn ja?

Wer hätte Schuld?? Würde der HSV den Wiederaufstieg schaffen? Und kommt der Abstieg überhaupt? In Hamburg gibt es noch Hoffnung.

Video: abendblatt.tv
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Höhepunkt der Horrorsaison: Selbst ein Sieg am letzten Spieltag könnte für die Hamburger zu wenig sein. Die Fans rechnen und zittern.

Stuttgart/Hamburg. Dietmar Beiersdorfer hatte sich rar gemacht in den vergangenen Wochen und es vor allem Bruno Labbadia und Sportchef Peter Knäbel überlassen, an den Wochenenden die Ergebnisse des HSV zu analysieren. Nach dem 1:2 beim VfB Stuttgart aber wusste der Vorstandsvorsitzende, dass er gefordert war.

Selbst ein Sieg gegen Schalke 04 am kommenden Sonnabend (15.30 Uhr) könnte wegen der schlechten Tordifferenz zu wenig sein, um den Klassenerhalt zu sichern, sollten die Stuttgarter gewinnen und zugleich Hannover und Freiburg die Punkte teilen. Eine Horrorsaison des HSV steuert auf ihren Höhepunkt zu, für die Anhänger heißt es: zittern, rechnen und leiden bis zum bitteren Ende. „Wir haben zu 80 Prozent mit einem Sieg die Möglichkeit, unser Ziel zu erreichen“, ging auch Knäbel bei „Sky“ unter die Hobbymathematiker. Selbst das Erreichen der Relegation müsste angesichts der Ausgangslage als Erfolg bezeichnet werden.

Auch Beiersdorfer leidet. Man sah es ihm an, die inneren Qualen lagen in der Luft, als er die Mixed-Zone im HSV-Stadion betrat, aber es ist nicht die Zeit, um über schlechte Gefühle zu sprechen. Wie seine Gemütslage sei? „Das ist unerheblich.“ Ob er einige seiner Entscheidungen hinterfrage? „Das will ich nicht beantworten. Das können wir nach der Saison besprechen.“ Einen Spalt öffnete er dann doch die Tür: „Es ist eine schwere Woche, das muss ich zugeben. Wir müssen schauen, das Beste daraus zu machen.“

Beiersdorfer mühte sich redlich, nach vorne zu blicken: „Auch die Begegnung gegen Augsburg kam einer letzten Ausfahrt Klassenerhalt gleich. Dort hat es die Mannschaft hervorragend gemacht. Für uns gilt es, den Spielern so viel Energie zu geben, dass sie das nötige Vertrauen in sich haben, um Schalke schlagen zu können.“

Nimmt man das Spiel in Stuttgart als Maßstab, müsste man irgendeinen Starkstrom-Generator mit Menschenanschluss auftreiben, um diesen HSV noch aufladen zu können. „Das war zu wenig und zu schwach für so ein entscheidendes Spiel“, stellte auch Beiersdorfer fest.

Nach der 1:0-Führung durch Gojko Kacar (12.) per Kopf nach einem Freistoß von Rafael van der Vaart gaben die Hamburger die Partie in erschreckender Form aus der Hand. Planloses, durchschaubares Aufbauspiel – bevorzugt mit langen Bällen von Slobodan Rajkovic –, durch die Bank mangelhafte Leistungen der Offensive: So brachte sich der HSV selbst gegen eine anfangs stark verunsicherte Mannschaft in Bedrängnis. Fast ein kleines Wunder, dass René Adler nach den Treffern von Christian Gentner (27.) und Martin Harnik (35.) nur zweimal hinter sich greifen musste bei der Vielzahl an VfB-Chancen. Und der HSV? Nach dem 1:0 gab es nicht eine einzige klare Torchance mehr zu notieren. Ein Armutszeugnis. „Wir haben als Mannschaft nicht hundertprozentig überzeugt“, formulierte es Trainer Bruno Labbadia. Die mannschaftliche Geschlossenheit, die den HSV noch gegen Augsburg, Mainz und teilweise gegen Freiburg ausgezeichnet hatte, zerbrach am Sonnabend in viele kleine Einzelteile. Der Anti-Fußball, den die HSV-Fans schon viel zu häufig mitansehen mussten, kehrte zurück. Während die VfB-Profis als Replik auf die Kritik von Trainer Huub Stevens ein Affentänzchen vorführten, machten sich die Spieler zum Affen.

Die Herkules-Aufgabe für Labbadia lautet nun, das in Stuttgart versagende Kollektiv wieder zusammenzufügen. Bereits am Sonntag begannen die Planungen für das Endspiel gegen die Gelsenkirchener. Nach dem trainingsfreien Montag sind am Dienstag zwei Trainingseinheiten geplant. Ab Mittwoch könnte es in ein Trainingslager gehen, eine Entscheidung fällt am Montag.

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„Wir müssen alles reinpacken in den Körper und den Geist“, forderte Beiersdorfer am Sonntag. Immerhin scheint er mit Labbadia einen Trainer gefunden zu haben, der dem immensen Druck standhält und mit seinem gesunden Realismus Ruhe ausstrahlt. „Unsere Ausgangslage hat sich drastisch verschlechtert, aber wir dürfen nicht rumjammern oder die Nerven verlieren, wir haben immer noch eine Chance. Durchhalteparolen nützen auch nichts. Wir müssen uns auf die Dinge konzentrieren, auf die wir Einfluss haben. Natürlich hätte ich mir die Situation anders gewünscht, aber jetzt müssen wir sie so annehmen.“

Den Kapitän kann Labbadia von seinen Bemühungen ausnehmen – Rafael van der Vaart fehlt aufgrund seiner zehnten Verwarnung gegen Schalke (s. Bericht S. 20). Mit Valon Behrami, der wegen Knie-Problemen noch nicht wieder mit der Mannschaft trainieren kann, plant der HSV-Coach nicht. Alternativen sind deshalb Lewis Holtby, der allerdings gegen Freiburg eine Minusleistung ablieferte, Petr Jiracek und Marcelo Diaz, der gegen Stuttgart im Kader stand. Bezeichnend für den HSV in dieser Saison, dass es ausgerechnet in der Schaltzentrale Fragezeichen gibt.

„Wir müssen an das Positive glauben“, sagte Beiersdorfer fast beschwörend. Passend dazu hängt ein Plakat an der Buseinfahrt des Stadions, ein Überbleibsel vom Schnäppchenmarkt am Wochenende. „Mit Bruno in die Berge!“, stand darauf geschrieben. „Das HSV-Trainingslager und den eigenen Sommerurlaub verbinden. Wir haben das perfekte Angebot für alle Rothosen.“ Wer in dieser Phase jetzt noch an einen entspannten, erholsamen Sommer mit dem HSV glaubt, den müsste der Club eigentlich sofort für die kommenden Tage einstellen, die für die Zukunft des Vereins so entscheidend sind.