Fussball-Bundesliga

Der HSV ist am Boden - Niederlage verschärft die Krise

Beim schwachen 0:1 gegen den SC Freiburg misslang die angekündigte Wiedergutmachung. Trainer Thorsten Fink und Sportchef Frank Arnesen geraten zunehmend unter Druck.

Hamburg. Das Prozedere am Sonntag ist Carl Jarchow mittlerweile bestens vertraut. Besorgte Miene, deutliche Worte, staatsmännisches Auftreten. Wie schon in der Vorwoche nach der 2:9-Blamage in München musste der Vorstandsvorsitzende des HSV, blaues Blouson, Bluejeans, beigefarbender Schal, sich auch am Tag nach der 0:1-Heimpleite gegen Freiburg erklären. In den Katakomben der Imtech Arena sagte Jarchow den bereits wartenden Medienvertretern, dass er "sehr enttäuscht" sei, besonders von den Führungsspielern hätte er mehr erwartet und nein, die Trainerfrage stelle sich nicht: "Wir machen jetzt keine Harakiri-Aktion. Wir haben einen Trainer, den behalten wir auch." Und wöchentlich grüßt das Murmeltier.

Was aber Jarchow am Vortag im mit 53.021 Zuschauern überraschend gut gefüllten Volkspark zu sehen bekam, hat dem HSV-Chef über Nacht zu denken gegeben. "Wir haben ein Problem", sagte Jarchow, "seit dem Stuttgart-Spiel haben wir eine Delle in unserer Entwicklung." Tatsächlich war der angesprochene 1:0-Auswärtssieg beim VfB vor knapp einem Monat das einzige Erfolgserlebnis der vergangenen sechs Wochen. Ansonsten holte der HSV in drei Heimspielen gegen schlagbare Gegner wie Fürth (1:1), Augsburg (0:1) und Freiburg (0:1) lediglich einen Punkt, ließ sich zudem in Hannover (1:5) und München (2:9) zweimal ohne Gegenwehr vorführen. "Es stimmt, dass wir eine schlechte Phase haben", sagte Trainer Thorsten Fink, der nur bei der Frage nach dem Warum ohne überzeugende Antwort blieb.

Dabei kann man auch dem Cheftrainer keinesfalls das Probieren absprechen. In den vergangenen Wochen versuchte es Fink zunächst mit dem altbewährten 4-4-2-System mit Mittelfeldraute, setzte dann auf ein 4-3-3-System, anschließend auf eine 4-2-3-1-Taktik, um gegen Freiburg schließlich ein 4-4-2 mit zwei defensiven Mittelfeldspielern auszuprobieren. Heung Min Son rotierte in den vergangenen Wochen zwischen Sturm, Ersatzbank, rechtem und linken Mittelfeld, Rafael van der Vaart war mal Regisseur, hängende Spitze und am Sonnabend schließlich defensiver Mittelfeldmann. Unter dem Strich muss festgehalten werden, dass zuletzt keine von Finks Ideen umgesetzt wurde, eine grundsätzliche Spielphilosophie ist sechs Spieltage vor Schluss nicht zu erkennen. "Es ist eine große Enttäuschung", sagte Sportchef Frank Arnesen, der sich aber ebenso wenig wie Jarchow zu einer öffentlichen Trainerdiskussion hinreißen wollte: "Das ist kein Thema."

Damit hat Arnesen nach dem erneut enttäuschenden Auftritt gegen Freiburg allerdings nur bedingt recht. Es brodelt im Verein. Weder Fink, der nach dem beeindruckenden 4:1-Sieg in Dortmund vor zwei Monaten noch gefeiert wurde, noch Arnesen bleiben von interner Kritik verschont. Doch während sich der Trainer, der sich auch weiterhin bedingungslos vor seine enttäuschende Mannschaft stellt, schon aus finanziellen Gründen keine allzu großen Sorgen machen muss, wird die Luft für den Sportchef zunehmend dünner. Nach Abendblatt-Informationen wurden bereits informell erste Gespräche mit möglichen Nachfolgern geführt, eine Verlängerung des 2014 auslaufenden Vertrags gilt als unwahrscheinlich.

Im Hier und Jetzt gilt es nun aber zunächst, die Scherben einer wohl schon jetzt verkorksten Saison aufzusammeln. "Wir werden den Spielbetrieb jetzt nicht einstellen", sagte Dennis Aogo, der nach der misslungenen Wiedergutmachung für die Bayern-Klatsche deutliche Kritik an der Kritik äußerte. So sei es aus seiner Sicht überhaupt nicht nachvollziehbar, dass man plötzlich alles infrage stelle, was noch vor wenigen Wochen gelobt wurde: "Das ist doch krank." Zudem dürfe man nicht vergessen, dass der HSV zu Anfang der Saison noch als Abstiegskandidat gehandelt wurde, nun auf einem gesicherten Mittelfeldplatz angekommen sei.

Was Aogo allerdings vergaß zu erwähnen, ist der finanzielle Kraftakt, mit dem man im vergangenen Sommer die sportliche Wende erzwingen wollte. Während sich der SC Freiburg seinen Gehaltsetat 16,1 Millionen Euro kosten lässt, zahlt der HSV seinen Profis rund 42 Millionen Euro. Noch eindrucksvoller: Freiburg gab vor der Saison 1,5 Millionen Euro für Neuzugänge aus, der HSV bezahlte 27 Millionen Euro für seine Verstärkungen. Ein Rekordminus von rund 20 Millionen Euro, das bis zum Ende des Geschäftsjahrs zum 30. Juni befürchtet wird, wurde ohne größeres Zögern in Kauf genommen.

Besonders enttäuschend: Hauptinvestment Rafael van der Vaart, mit 13 Millionen Euro Ablöse und rund 3,8 Millionen Euro Gehalt, konnte das Roulettespiel der Verantwortlichen bislang viel zu selten in dieser Saison rechtfertigen. Auch gegen Freiburg lief der Niederländer, der neben Tolgay Arslan auf der "Doppelsechs" im Mittelfeld spielte, seinem eigenen Anspruch hinterher. "Ich bin auch mit mir selbst unzufrieden", sagte der Nationalspieler selbstkritisch. Vor Freiburgs Gegentor durch Jonathan Schmid (69.) verlor er im Mittelfeld den Ball, störte anschließend nur halbherzig. "Van der Vaart ist kein Leader, er versteckt sich" kritisierte Sky-Experte Jan Åge Fjørtoft, der noch drastischere Worte benutzte. So sei der Niederländer ein "wannabe Worldstar", also ein Möchtegern-Weltstar.

Ob der 30 Jahre alte Mittelfeldmann in dieser Saison noch mal das Gegenteil beweisen kann, bleibt die große Frage vor den abschließenden sechs Spielen. Die Träumereien von einem Europa-League-Platz "sind im Moment vorbei", sagte van der Vaart, den man bei 89 Ballkontakten, vier Torschussbeteiligungen und 12,5 gelaufenen Kilometern zumindest den Willen zu keinem Zeitpunkt absprechen konnte. Doch auch der ehemalige Real-Madrid-Star weiß, dass ein paar hübsche Zahlen alleine nicht reichen. Am Ende zählt nur das nackte Ergebnis - auch am kommenden Sonnabend in Mainz.

Christian Bieberstein wurde wie erwartet (mit nur einer Gegenstimme) als Supporters-Vorsitzender gewählt, neuer Stellvertreter ist Christian Reichert.