Nationalmannschaft

Boateng: "Manchester ist professioneller als der HSV"

Ex-HSV-Profi Boateng spricht über sein neues Leben in Manchester, seinen Nachfolger in Hamburg und das "Auswärtsspiel" in Berlin.

Berlin. Es ist bekannt, dass Jerome Boateng so schnell nichts aus der Fassung bringt. Nur der Kakao, der ihm in der Lobby des Grand Hyatt am Potsdamer Platz serviert wird, scheint den 22 Jahre alten früheren Hamburger zu verwirren. Auf dem Tisch steht ein Glas heiße Milch, dazu drei Schälchen mit dunkler, hellbrauner und weißer Schokolade. Die Bedienung erklärt, dass Boateng selbst entscheiden muss. Er wählt eine Mischung aus hellbraun und weiß. Sein Fazit: köstlich.

Abendblatt:

Herr Boateng, seit zwei Monaten leben Sie in England. Konnten Sie sich schon an Fish and Chips gewöhnen?

Jerome Boateng:

Klar. Ich war selbst überrascht, wie lecker das schmeckt.

Wie haben Sie sich denn ansonsten in Manchester eingelebt?

Boateng:

Sehr gut. Manchester ist zwar nicht Hamburg, hat aber auch sehr schöne Ecken. Es heißt ja immer, dass Manchester eine Industriestadt sei. Aber im Stadtkern bekommt man davon nur wenig mit.

Bei Manchester City spielen Sie in einer Weltauswahl, die im Sommer für mehr als 100 Millionen Euro verstärkt wurde. Was ist dort für Sie anders als in Hamburg?

Boateng:

Die Welt bei Manchester City ist tatsächlich eine ganz andere als beim HSV. Alles ist noch professioneller, es wird ein neues Trainingsgelände gebaut, ein neues City-Hotel, die Plätze sind in einem überragenden Zustand. Das Areal, das dem Verein gehört, ist riesengroß. Und natürlich spürt man auch als Spieler schnell, dass hier fast nur Superstars spielen.

In England soll es ja für die Neuzugänge Begrüßungsrituale geben, die es in sich haben. Was mussten Sie machen?

Boateng:

Ich bin einfach in die Kabine gegangen und habe gesagt: "Hallo, ich bin der Jerome."

Es ist bekannt, dass Medien und Fans bei den Premier-League-Klubs kategorisch ausgeschlossen werden. War das für Sie eine Erleichterung, oder mochten Sie den offenen Umgang beim HSV?

Boateng:

Es ist schon angenehm, wenn man beim Training auch mal in Ruhe etwas einstudieren kann. Taktiktraining ist für die Fans ja auch nicht immer so interessant. Allerdings hat mich beim HSV auch nie gestört, dass man den Fans nach dem Training Autogramme gegeben hat. Das fehlt hier ein bisschen.

Haben die früheren HSVer Vincent Kompany und Nigel de Jong Ihnen beim Start helfen können?

Boateng:

Die beiden haben mir sogar sehr geholfen. Beide sind ja schon recht lange bei City. Sie wurden geholt, als es noch nicht üblich war, so viel Geld in jeder Transferperiode auszugeben.

Trotzdem haben Sie dem HSV ziemlich viel Geld eingebracht. Welchem HSVer trauen Sie als nächstes den Schritt zu Manchester City zu?

Boateng:

Beim HSV haben viele Spieler das Zeug dazu: Eljero Elia, Dennis Aogo oder Guy Demel. Auch Zé Roberto könnte auf seine alten Tage hier für Furore sorgen.

Für Furore sorgte zuletzt Nigel de Jong, allerdings im negativen Sinne. Nachdem er zweimal seinen Gegenspieler schwer verletzte, wurde er sogar aus der Nationalmannschaft geschmissen.

Boateng:

Ich war von den Reaktionen total überrascht. Es ist Nigels Spielart, hart zur Sache zu gehen. So war er immer, aber er hat noch nie jemanden mit Absicht verletzt. Ich habe es aber noch nie gehört, dass man einen Spieler suspendiert, weil er zu hart zur Sache geht.

So hat de Jong mehr Zeit, Hamburg zu besuchen. Er und Vincent Kompany sollen ja noch häufig in ihrer alten Heimat sein. Haben Sie ein bisschen Heimweh?

Boateng:

Hamburg ist und bleibt nach Berlin meine zweite Heimat in Deutschland. Seit meinem Wechsel war ich auch schon zweimal da. Aber Vincent hat ja sogar noch eine eigene Wohnung in Hamburg, die kurioserweise nun Heiko Westermann gemietet hat.

Westermann ist Ihr Nachfolger. Hat der HSV da einen guten Fang gemacht?

Boateng:

Klar. Heiko kann in der Abwehr alles spielen, er wurde in der vergangenen Saison bei Schalke ja ganz schön hin- und her geschoben. Aber das kann auch ein Vorteil sein. Jetzt ist er ein echter Defensiv-Allrounder.

Genau wie Sie. Bei City mussten Sie zuletzt auch wieder auf der ungeliebten Position als Rechtsverteidiger spielen.

Boateng:

Ich war lange verletzt und bin nun erst mal froh, überhaupt dabei zu sein. Bei City muss ich mich zunächst mal hinten anstellen. Aber langfristig will ich in Manchester und auch in der Nationalmannschaft gerne in der Innenverteidigung spielen.

Haben Sie mit Bundestrainer Joachim Löw darüber gesprochen?

Boateng:

Das brauche ich nicht. Er kennt meinen Wunsch.

Sie dürften sich gefreut haben, dass Sie mit Deutschland gegen die Türkei am Freitag nun ausgerechnet in Ihrer Heimatstadt Berlin spielen dürfen, aber ...

Boateng:

... ich weiß schon, was Sie jetzt fragen wollen. Vermutlich werden mehr Türken als Deutsche im Olympiastadion sein. Ich finde das aber überhaupt nicht schlimm. Im Gegenteil: Ich freue mich auf diese außergewöhnliche Stimmung.