Mitgliederversammlung HSV

„Ein Zeugnis der Arroganz" - Kritik an HSV-Investorenmodell

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HSV-Mitglieder kritisieren auf der Versammlung im Stadion das Projekt "Anstoß³". Klubchef Hoffmann hält ein Plädoyer für Kühne.

Hamburg. Nur wenige hätten es wohl für möglich gehalten, dass auch zwischen dem letzten Spieltag der vergangenen und dem ersten Spieltag der kommenden Saison so viel Unterhaltung auf dem Rasen des HSV-Stadions geboten werden kann. Um 18.35 Uhr eröffnete der Aufsichtsratsvorsitzende Horst Becker am Dienstagabend die außerordentliche Mitgliederversammlung vor der Westtribüne, zu der mehr als 700 HSV-Mitglieder erschienen waren. Der Grund für das Treffen: Es sollte über das umstrittene Investorenprojekt Anstoß³ informiert werden, in dessen Rahmen der Hamburger Milliardär Klaus-Michael Kühne dem HSV bis zu 15 Millionen Euro bereitstellen möchte. Und es dauerte nicht lange, bis der verbale Ball im Spiel war. „Dieser Rahmen ist einfach sensationell“, lobte Klubchef Bernd Hoffmann, als er kurz nach Becker das Mikrofon übernahm. Genau 53 Minuten sprach der Vorstandsvorsitzende des HSV zu den Mitgliedern, erläuterte das Investorenprojekt, „dieser Vertrag ist für den HSV wie ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl“, erklärte die „herausragende wirtschaftliche Verfassung“ des Vereins und rief zu einem harmonischen Miteinander auf: „Die wenigsten verstehen die fehlende Geschlossenheit, mit der wir uns zuletzt präsentiert haben.“

Was Hoffmann meinte, wurde den Zuhörern, die zwischendurch brav applaudierten, wenig später klar. Denn richtig Fahrt nahm die Versammlung erst auf, als sich Supporters-Chef Ralf Bednarek sowie die beiden Alt-Präsidenten Peter Krohn und Jürgen Hunke zu Wort meldeten. So kritisierte Bednarek – erstmals begleitet von lautstarkem Applaus –, dass der HSV-Vorstand nicht frühzeitig über den Kühne-Deal informierte, „dabei wäre es einfach gewesen, die Mitglieder mit ins Boot zu holen“.

+++ INTERVIEW MIT INVESTOR KÜHNE +++

Auch Krohn und Hunke monierten, wie wenig über Anstoß³ unterrichtet wurde. „Rhetorisch war das eine Eins, inhaltlich eine Sechs“, prangerte Hunke die Rede Hoffmanns an. Dabei ging es in der Diskussion nicht mehr um Vertragsdetails von Anstoß*, sondern um die Strukturen des Vereins. „Es ist nicht ein Problem von Herrn Hoffmann, sondern es ist ein Problem des Aufsichtsrats. Wie konnte dieser schwache Aufsichtsrat so eine Zockerei zulassen“, ereiferte sich Hunke. Und weiter: „Wir verkaufen unsere Unabhängigkeit.“ Als Aufsichtsratschef Becker lautstark protestierte, legte Hunke nach: „Wenn einer die Unwahrheit sagt, dann du.“

Erst als Claus Runge, der frühere Vorsitzende des Ältesten- und Ehrenrats, „mehr Sachlichkeit“ einforderte, beruhigten sich die Gemüter kurzzeitig. Aber auch Runge kritisierte den Kühne-Deal. Besonders der Ablauf der Vertragsunterzeichnung sei eine „Brüskierung der Mitglieder“ gewesen. Das alles sei ein „Zeugnis der Arroganz unser beider Führungsgremien“, die auf dem Podium neben Hoffmann auch durch die Vorstände Oliver Scheel, Katja Kraus und Bastian Reinhardt, sowie durch die Aufsichtsräte Becker, Alexander Otto und Eckart Westphalen repräsentiert wurden. Und überraschend gab auch Vorstandsmitglied Scheel auf Nachfrage zu, dass er gegen das Investorenprojekt gestimmt hatte. Scheel begründete sein Veto mit dem „hohen Maß an darlehensrechtlicher Politik“, die einem „Vorgriff auf spätere Erlöse von Transfers“ gleichkäme. „Besser wäre der Transfer eines einzelnen Spielers gewesen“, sagte Scheel.

Irritationen gab es auch über den Zeitpunkt, wann dem Aufsichtsrat der Vertrag vorgelegt wurde. Aufsichtsrat Ronald Wulff gab an, ihn einen Tag vor der Beschlussfassung erhalten zu haben. Laut Satzung ist aber – außer in dringenden Fällen – eine Woche Vorlaufzeit vorgeschrieben. Becker bemühte sich um Aufklärung, erntete jedoch „Becker raus“-Rufe der Mitglieder. Das empörte Hoffmann. Er griff zum Mikrofon und schnauzte: „Das lassen wir uns nicht bieten. Jetzt ist Schluss hier.“ Aber die Diskussion ging weiter, und sie wird im Verein in den nächsten Tagen und Wochen weitergehen. Klarheit besteht bislang nur in einem Punkt. Becker: „Weder Herr Hoffmann noch ein anderer Vorstand sind am Gewinn des Vereins beteiligt. Prämienregelungen gibt es nur für sportliche Erfolge.“