Fussball-Bundesliga

Misstrauen gegen Leitfiguren des Hamburger SV

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Herthas Drobny soll zum Hamburger SV kommen - und Rost als Nummer 1 Konkurrenz machen. Selbst Jarolim ist nicht mehr unumstritten.

Hamburg. Als Ersatztorwart Wolfgang Hesl nach dem Trainingsauftakt am Montag mit einem überdimensionalen Karton voller Trainingswäsche den Kabinentrakt verließ, war er gut aufgelegt: "Tja, ich bin das erste Opfer des neuen Trainers. Macht's gut!" Hesl, dem Anfang des Jahres bei seiner Vertragsverlängerung bis 2012 sogar für 2011 die Nachfolge Frank Rosts als neue Nummer eins beim HSV in Aussicht gestellt wurde, lachte. Dass seine Worte keine 24 Stunden später einen ungeahnten Wahrheitsgehalt erhalten würden, ahnte der 24-Jährige nicht. Ebenso wenig, dass sogar die unbestrittene Nummer eins um ihren Job bangen muss. Denn der HSV steht kurz vor der ablösefreien Verpflichtung von Hertha-Torwart Jaroslav Drobny - und somit vor einem klaren Signal an Rost.

Eine Entscheidung, die beim HSV eher als Politikum denn als sportliche Abwägung gilt. Sportlich einer der konstantesten Spieler, hatte sich Rost im Sommer 2009 in einem Abendblatt-Interview klar gegen eine Verpflichtung von Roman Grill als Sportdirektor ausgesprochen. Seitdem steht er bei den Vorständen Katja Kraus und Bernd Hoffmann, die ihren Wunschkandidaten Grill nicht mehr durchsetzen konnten, im Abseits. Daraus macht der Vorstand seinem Torhüter gegenüber kein Geheimnis mehr. Nach Saisonende wurde Rost klar gesagt, er solle sich mehr auf das Sportliche konzentrieren und seine kritischen Äußerungen in Interviews unterlassen. Ein Gespräch, das alles andere als freundlich geführt wurde - und ohne Konsens blieb. "Wir hatten nach Saisonende ein sehr offenes, aber auch sehr ehrliches Gespräch miteinander", umschreibt Kraus.

Ein Geheimnis ist auch die Personalie Drobny nicht mehr. "Der HSV ist ein toller Verein, aber noch ist nichts unterschrieben", sagte der Tscheche der "SportBild". Zuvor hatte Kraus wochenlang Gerüchte um eine neue Nummer eins dementiert und so bislang eine zusätzliche Baustelle vermeiden können. Immerhin bis zum Trainingsstart. Vorgewarnt durch das Gespräch nach Saisonende erhielt Rost vor dem Trainingsstart per "Flurfunk" in der HSV-Kabine die Information, dass der HSV mit Drobny eine potenzielle Nummer eins verpflichten wolle. Allerdings erhielt Rost die offizielle Bestätigung dafür erst am Dienstag, als ihm sein alter Weggefährte und Neu-Sportchef Bastian Reinhardt die bevorstehende Verpflichtung per Telefon erläuterte.

Rost selbst schweigt seitdem. Auch gestern, an seinem 37. Geburtstag. Es gäbe nichts zu sagen. Sagt er. Aber diese Antwort scheint ihn zu quälen. Unterdrückte Meinungen liegen dem gebürtigen Chemnitzer nicht. Er spricht sie lieber an. Deshalb ringt er lange mit sich, überlegt, zögert. Ihm liegen klare Aussagen auf der Zunge - allerdings bleiben sie diesmal dort: "Ääähm, nein, wirklich nicht", so das dritte und abschließende Nein, "ich sage dazu nichts." Dann ergänzt er doch: "Noch hat sich nichts geändert. Ich bin die Nummer eins. Punkt." Rost weiß, dass er sich mit kritischen Aussagen keinen Gefallen tut, dass alles gegen ihn verwendet wird. Er weiß, dass Drobny nicht nach Hamburg kommt, um auf der Bank zu sitzen. Er weiß auch, dass er sich selbst nicht mit der Rolle des Reservisten anfreunden kann. Was er aber seit Grill aus eigener Erfahrung am besten weiß, ist, dass eine kritische Haltung bei diesem HSV schnell zum Bumerang werden kann.

Für HSV-Trainer Armin Veh ist der bevorstehende Wechsel Drobnys nicht mehr als positive Konkurrenz. "Konkurrenz ist dienlich in unserer Leistungsgesellschaft. Man muss sich dem stellen." Ob er Frank Rost nur noch als Nummer zwei einplant? "Nein", so Veh, wohl wissend, dass Rost Drobnys Verpflichtung als Misstrauensvotum gegen sich verstehen muss.

DEMEL UND BERG SOLLEN GEHEN

Es entbehrt dabei nicht einer gewissen Komik, dass sich Drobny zuvor bei Mannschaftskapitän David Jarolim über den HSV erkundigt hatte. Ausgerechnet bei dem Spieler, über den sich nach Rost die meisten Gerüchte ranken. Neben rechts und innen in der Verteidigung soll insbesondere für das Zentrum ein Neuer verpflichtet werden. Mit Gojko Kacar, dem defensiven Mittelfeldspieler von Hertha BSC, soll sich der HSV nahezu einig sein. Und Kacar soll den tschechischen HSV-Kapitän verdrängen. Davon hat Jarolim, der schon vor einem Jahr bei Bruno Labbadias Amtsantritt intern als Streichkandidat gehandelt wurde und seinen neuen Trainer anschließend doch überzeugte, schon im Urlaub erfahren. "Ich habe davon auch schon gehört", bestätigt der 31-Jährige, grenzt allerdings auch ein: "Aber ich möchte dazu nichts weiter sagen. Noch hat mit mir niemand offiziell gesprochen. Deshalb beschäftige ich mich damit auch nicht weiter." Geht es nach Katja Kraus, muss er es auch künftig nicht. Ob es stimmt, dass nach dem ersten Chef, Frank Rost, auch dem zweiten, nämlich Jarolim, ein Wechsel nahe gelegt werden soll? "Nein", erklärt Kraus deutlich, "das stimmt nicht." Worte, die im Tagesgeschäft Fußball oft keine lange Halbwertzeit haben. Das weiß niemand besser als Frank Rost.