Atlético gegen Real Madrid im Finale

Simeone dankt den Müttern seiner Spieler mit flottem Spruch

Atléticos Coach macht mit seiner Dankesformel nach dem 3:1-Sieg im Halbfinalrückspiel der Champions League beim FC Chelsea Oliver Kahn Konkurrenz. Vorfreude auf historisches Derby gegen Real im Endspiel.

Hamburg/London/Madrid. Oliver Kahn hätte es wohl kaum schöner formulieren können. Der Begründer der deutschsprachigen Testosteron-Metaphorik hat diesbezüglich international nun allerdings seinen Meister gefunden. Denn nach dem insgesamt getrost als sensationell zu bezeichnenden Einzug ins Finale der Champions League hat Atlético Madrids Trainer Diego Simeone den Fußballersprech auf eine neue Ebene gehoben. „Ich möchte den Müttern meiner Spieler danken, dass sie Männer mit solch großen Eiern auf die Welt gebracht haben“, sagte der Argentinier im Überschwang des 3:1 (1:1)-Sieges seiner Madrilenen im Halbfinalrückspiel beim FC Chelsea.

Simeones verbaler Gefühlsausbruch darf gleichzeitig als weiteres Indiz auf die Rollenverteilung im nicht nur rein spanischen, sondern auch erstem stadtinternen Finale in der Geschichte der Königsklasse gegen Real Madrid gewertet werden. Hier der hemdsärmelige Club Atlético mit einer gehörigen Portion Arbeitergeruch, dort das erhabene, königliche und mit Weltstars gespickte Ensemble von Real. Schon jetzt ist die Vorfreude in Spaniens Hauptstadt auf das historische Madrider Derby am 24. Mai in Lissabon gewaltig. Am heimischen Neptunplatz zelebrierten die Atlético-Fans den Triumph über José Mourinhos Chelsea bereits in der Nacht zu Donnerstag ausgiebig. Das Duell um Europas Fußballkrone wird ohnehin auch ein Kampf um die Plätze - Reals Anhänger pflegen ihre Titel am Plaza de Cibeles zu feiern.

„Wir werden das genießen“, sagte Atléticos Kapitän Tiago nach dem Sieg an der Stamford Bridge im Hinblick auf das Spiel gegen den Stadtrivalen. Der große Außenseiter Atlético steht nicht nur erstmals seit 40 Jahren und der damaligen Niederlage gegen Bayern München wieder in einem Endspiel um die wichtigste Club-Trophäe des Kontinents, sondern erreichte dieses auch ungeschlagen. „Der Glaube an uns selbst war der Schlüssel. Auch nach dem Gegentor war das so“, sagte Tiago. Und Simeone befand: „Die Reaktion meiner Mannschaft wird den Leuten in Erinnerung bleiben.“ In der Tat war die Abgeklärtheit des spanischen Tabellenführers beim Team von Trainerfuchs Mourinho bemerkenswert, nachdem ausgerechnet der ehemalige Altético-Star Fernando Torres (36.) zur Führung für die Blues getroffen hatte. Und so gaben Adrián López (44. Minute), Diego Costa (60./Foulelfmeter) und Arda Turan (72.) drei beeindruckende Antworten auf die Defensivtaktik Chelseas.

Chelsea und Mourinhos zum Dritten

Die Londoner scheiterten damit zum dritten Mal unter Mourinho im Champions-League-Halbfinale. „Das ist immer bitter, wenn man ein Halbfinale verliert“, sagte Mourinho. Als Knackpunkt für den verdienten Atlético-Erfolg machte der Portugiese den Strafstoß aus. „Danach wirkte Atlético geschlossener, deshalb hat es verdient gewonnen“, resümierte der sichtlich angefressene Chelsea-Coach.

Der Chelsea-Coach verzichtete vor 37.918 Zuschauern auf André Schürrle in der Startelf. Erst rund eine Viertelstunde vor Schluss, als schon alles vorbei war, kam der deutsche Nationalspieler zum Einsatz. „Wir haben es eigentlich ganz gut gemacht - bis zum 1:1. Dann haben wir uns zurückgezogen. Das ist sehr bitter. Wir waren zu passiv, haben die Zweikämpfe verloren. Und dann kam der unnötige Elfmeter, das war schon bitter. Dann war es vorbei“, sagte Schürrle.

Zu viel Offensive wollte der Starcoach wie gewöhnlich nicht riskieren. Kontrolle des Geschehens lautete die Maxime der Blues. Nach gerade einmal gut drei Minuten stand aber das Glück zur Seite. Eine mehr oder weniger verunglückte Flanke von Koke segelte über den verdutzten Routinier Marc Schwarzer im Chelsea-Tor und klatschte an Latte und Pfosten.

Intensiv war die Partie, hochklassig aber keineswegs. Beide Teams konzentrierten sich auf schnelle, aber risikoarme Ballstafetten. Auch Diego Maradona als Gast an der Stamford Bridge dürfte sich mehr Mut gewünscht haben. Der Brasilianer David Luiz (23. Minute) sorgte mit einem Fallrückzieher knapp neben das Tor für etwas Unterhaltungswert.

Torres jubelt entschuldigend

Dass Mourinho attraktives Spiel nicht grundsätzlich untersagt hatte, bewies schließlich Willian, der sich per Hackentrick gegen zwei Gegenspieler an der Eckfahne durchsetzte – der Ball gelangte zu Torres, der flach einschoss. Fast schon entschuldigend hob der Torschütze die Arme – viele Jahre spielte er als Jungspund bei Atlético, wo er heute von den Fans noch verehrt wird.

Ironie des Spiels: Das Tor tat Chelsea nicht gut. Die Londoner konzentrierten sich instinktiv wieder verstärkt auf die Defensive und wurden – während sich Schürrle an der Seitenlinie erstmals warm machte – bitter bestraft. Über Tiago und Juanfran kam der Ball zu López, der aus kurzer Distanz zum Ausgleich einschoss.

Kurz nach der Pause rettete Schwarzer aus kurzer Distanz gegen Turan (47.). Thibaut Courtois – von Chelsea an Atlético ausgeliehener Torwart – reagierte bei einem Kopfball von John Terry (53.) ebenfalls glänzend. Mourinho hatte mittlerweile Samuel Eto'o für mehr Offensivkraft gebracht – doch der Kameruner verschuldete mit einem Foul an Diego Costa den Elfmeter, den der Atlético-Angreifer zum Führungstor verwandelte.

Spannend hätte es nochmals werden können, als David Luiz (64.) den Pfosten traf. Kurze Zeit später machte Turan aus kurzer Distanz alles klar. Trost und Vorteil für Kurzarbeiter Schürrle: Wie die im anderen Halbfinale gescheiterten Profis des FC Bayern kann auch der Wahl-Londoner nun pünktlich in die WM-Vorbereitung der deutschen Nationalmannschaft am 21. Mai in Südtirol einsteigen.

Statistik

Chelsea: Schwarzer – Ivanovic, Cahill, Terry, Cole (54. Eto'o) – Ramires, David Luiz – Willian (77. Schürrle), Hazard, Azpilicueta – Torres (67. Ba). – Trainer: Mourinho

Madrid: Courtois – Juanfran, Miranda, Godin, Filipe Luis – Tiago, Suarez – Koke, Arda Turan (83. Rodriguez) – Costa (76. Sosa), Adrian (66. Garcia). – Trainer: Simeone

Schiedsrichter: Nicola Rizzoli (Italien)

Tore: 1:0 Torres (36.), 1:1 Adrian (44.), 1:2 Costa (60., Foulelfmeter), 1:3 Arda Turan (72.)

Zuschauer: 37.918

Beste Spieler: David Luiz, Torres – Arda Turan, Costa

Gelbe Karten: Cahill (2) – Costa (2), Adrian (2)

Erweiterte Statistik (Quelle: impire):

Torschüsse: 15:13

Ecken: 4:9

Ballbesitz: 49:51 Prozent