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Ist Gastgeber Ukraine reif für die EM 2012?

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Kai Schiller

Beim Länderspiel gegen Deutschland will die Ukraine beweisen, dass sie für das große Turnier bereit ist. Zweifel sind unerwünscht.

Kiew. Als gestern Abend der DFB-Bus um kurz vor 19 Uhr Ortszeit an Kiews nagelneuem Olympiysky-Stadion vorfuhr, waren die deutschen Nationalspieler verblüfft. Dort, wo bereits heute Abend das Länderspiel gegen die Ukraine (20.45 Uhr/ARD und Liveticker auf abendblatt.de ) stattfinden soll, war 24 Stunden zuvor immer noch eine ganze Armada von fleißigen Helfern mit letzten Feinarbeiten beschäftigt. Kurz bevor die deutschen Nationalspieler ihr Abschlusstraining absolvieren wollten, wurden noch eilig Wände verputzt, Türen eingehängt und Fenster gereinigt. Auch Hinweisschilder, die den Weg ins Stadionrund weisen sollten, waren lediglich in kyrillischer Schrift zu finden, was keinen DFB-Spieler davon abhielt, pünktlich um 19 Uhr auf dem gepflegten Rasen zu stehen. Lediglich Mario Götze, der einigen ukrainischen Journalisten noch Autogramme geben musste, betrat einige Sekunden später das Spielfeld, wo er aber auch erst heute Abend das eine oder andere Glanzlicht setzen soll.

Dabei grenzt es fast an ein Wunder, dass das Olympiysky-Stadion überhaupt fertig geworden ist. Als die Arena, die ursprünglich 180 Millionen Euro kosten sollte und mittlerweile 585 Millionen Euro verschlungen hat, nicht zur geplanten Eröffnung im Sommer nutzbar war, sorgten rund 500 eilig angeworbene Bauarbeiter für eine zügige Fertigstellung. Ein erfolgreiches Vorhaben, über das beispielsweise die Planer der Hamburger Elbphilharmonie wohl eher gequält lächeln dürften. Am 8. Oktober war es nämlich so weit. Knapp 70 000 Zuschauer feierten mit einem Konzert von Popsängerin Shakira die offizielle Eröffnung des Stadions, in dem am 1. Juli 2012 das Endspiel der Europameisterschaft stattfinden soll.

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"Wir werden in einem Superstadion spielen, in dem wir im nächsten Jahr gerne wieder antreten würden", sagte Bundestrainer Joachim Löw, der die Reise nach Kiew zum einen für ein paar sportliche Experimente nutzen und zum anderen ein Gefühl für das Land des EM-Gastgebers bekommen will. Und obwohl das Logo der Euro 2012 bereits überall in der Innenstadt rund um das luxuriöse Teamhotel Hyatt Regency zu sehen ist, dürfte auch dem Bundestrainer nicht entgangen sein, dass es für die Ukraine bis zum Turnierstart noch jede Menge zu tun gibt.

Zwar hat der Staat bereits 16 Milliarden Euro in die Infrastruktur investiert - zum Vergleich: vor der WM 2010 wurden in Südafrika 3,5 Milliarden Euro ausgegeben -, aber trotzdem fehlt es besonders an Übernachtungsmöglichkeiten. Die 80 Hotels, die bis zum nächsten Sommer in den vier EM-Heimstätten Kiew, Lwiw, Charkiw und Donezk gebaut werden sollen, können die noch fehlenden 20 000 Betten wohl kaum bereitstellen. Die Uefa, die erst vor drei Monaten endgültig entschieden hatte, der Ukraine das Turnier nicht zu entziehen, hat bereits reagiert. Bei Gruppenspielen sollen ausländischen Fans lediglich 16 statt 20 Prozent der Karten zur Verfügung gestellt werden, im Viertel- und Halbfinale wurde das Kontingent von 6000 auf 5000 Karten reduziert und fürs Endspiel sollen die Anhänger der beiden Finalteilnehmer lediglich 9000 statt 12 000 Tickets erwerben können. Das Prinzip ist relativ simpel: Jeder Fan weniger ist ein Problem weniger.

Ähnliches gilt im Übrigen auch für das heutige Freundschaftsspiel, das ukrainische Hooligans bereits als ultimativen Testlauf für ihre ganz eigene Europameisterschaft auserkoren haben sollen. Das Sicherheitspersonal, das man an allen zentralen Plätzen in Kiew mit seinen schwarz-weißen Tarnanzügen patrouillieren sieht, wurde umgehend aufgestockt. Dabei scheinen die fehlenden Hotels und die zunehmende Gewalt keinesfalls die bedeutendsten Probleme in der ehemaligen Sowjetrepublik, die zuletzt mehr im Politik- als im Sportteil der Zeitungen für Schlagzeilen gesorgt hatte, zu sein. So wurde die Verurteilung der früheren Regierungschefin Julia Timoschenko, die im Oktober in einem Schauprozess wegen angeblicher Misswirtschaft zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, im In- und Ausland heftig kritisiert. Boxweltmeister Vitali Klitschko, der bei den kommenden Präsidentschaftswahlen mit seiner Partei UDAR (Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen) gegen den autoritären Amtsinhaber Viktor Janukowitsch antreten will, warnte sogar davor, dass sein Land zu einer Diktatur wie im Nachbarland Weißrussland werden könnte. Auch Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle (FDP) äußerte sich besorgt: "Es wirft ein sehr negatives Bild auf die Rechtsstaatlichkeit der Ukraine." Derartige Aussagen hört man in Kiew vor dem Prestigeduell gegen Deutschland nicht gerne. Rund um die Sophienkathedrale und die Klosterkirche St. Michael, die beide in unmittelbarer Nähe zum deutschen Mannschaftsquartier liegen, wird gerne über die Taktik von Nationaltrainer Oleg Blochin oder die Einsatzchancen des alternden Stürmerstars Andrej Schewtschenko debattiert. Brisante Themen werden aber auch sieben Jahre nach der Orangenen Revolution nicht gerne auf offener Straße diskutiert. Über Politik spricht man hier nicht, man macht sie. Und obwohl die Ukraine gegen das Team von Bundestrainer Löw natürlich als großer Außenseiter gilt, käme ein überraschender Erfolg sieben Monate vor dem Start der Europameisterschaft der zuletzt kritisierten politischen Elite gerade recht.

Nationaltrainer Blochin will auf seine Art und Weise zur Entspannung der verfahrenen Situation beitragen. "Ich hoffe, dass wir im Sommer erneut gegen Deutschland in Kiew spielen werden", ließ sich der 59-Jährige vor dem heutigen Spiel brav von den einheimischen Medien zitieren, "dann aber im Endspiel der Europameisterschaft."