Magaths Kolumne zur Fußball-EM

Schürrle, Reus und Klose haben sich empfohlen

Lesedauer: 4 Minuten
Felix Magath

Im Halbfinale gegen Italien braucht die deutsche Mannschaft wieder Stürmer, die Tempo und Kombinationsfluss ins Spiel bringen, so Magath.

Hamburg. Und nun Italien! Die Statistiken liegen auf dem Tisch: Noch nie hat eine deutsche Mannschaft ein Pflichtspiel gegen die Italiener gewonnen. Am Donnerstag könnte sich das ändern. Zum ersten Mal haben wir eine Nationalelf, die über die technischen, taktischen, spielerischen und athletischen Möglichkeiten verfügt, einem defensiv gut geordneten Gegner Probleme zu stellen. Das hat sie im Viertelfinale gegen Griechenland (4:2) bewiesen, zuvor schon in zwei Gruppenspielen, ordentlich gegen die Portugiesen (1:0), gut gegen die Dänen (2:1), unserem bislang besten Auftritt.

Nach dem Gesamteindruck von 28 Spielen dieser Europameisterschaft ist die deutsche Mannschaft für mich jetzt der Favorit auf den Titel. Ein Fragezeichen mache ich dennoch. Mir scheint der körperliche Aufwand, den das Team bisher betreiben musste, im Vergleich zum Beispiel zu den Spaniern sehr hoch. Das könnte in einem möglichen Endspiel entscheidend sein.

Auch gegen Italien, das ich defensiver eingestellt erwarte als im Viertelfinale gegen die überraschend harmlosen und früh erschöpften Engländer, werden wir wieder sehr viel Laufarbeit investieren müssen. Die Italiener, die ebenfalls einen erfolgreichen Umbruch hinter sich haben, werden zudem weit aggressiver auftreten als am Sonntag, als ihnen die Furcht vor Gelbsperren eine gewisse Zurückhaltung in den Zweikämpfen auferlegte. Es könnte also ein Geduldsspiel werden, das in die Verlängerung, möglicherweise ins Elfmeterschießen geht. Was neben der bekannten Treffsicherheit beim Shootout für die deutsche Elf spricht: Die Italiener haben gegen England viel Kraft gelassen und zwei Tage weniger Erholung. Dieser Faktor wird aber frühestens gegen Ende der 90 Minuten relevant.

+++ Social Media ist ein Paradies für die Fans während der EM +++

Der Schlüsselspieler der Italiener bleibt Andrea Pirlo. Er gibt den Takt an, bestimmt den Rhythmus. Dafür lässt er sich oft weit in die eigene Hälfte zurückfallen. Ihn hier zu stören, wird zur Hauptaufgabe unserer Offensivkräfte. Pirlo spielt zwar immer noch geniale Pässe, mit seinen 33 Jahren fehlt ihm inzwischen die nötige Antrittsschnelligkeit, um sich in Eins-zu-eins-Situationen durchzusetzen. Kann er schon bei der Ballannahme gestört werden, wäre viel erreicht. Natürlich haben die Italiener neben ihm andere Klassespieler in ihren Reihen wie zum Beispiel Daniele De Rossi oder Mario Balotelli, einen unkonventionellen, oft sehr emotionalen Stürmer mit ungeheurer Kraft und enormer Einsatzbereitschaft. Ihn zu neutralisieren, traue ich unseren Innenverteidigern Mats Hummels und Holger Badstuber aber zu. Sie haben bislang jeden gegnerischen Angreifer unter Kontrolle gebracht. Balotellis Sturmpartner, gegen England war das Antonio Cassano, sollte unserer Abwehr weniger Schwierigkeiten bereiten. Auf dieser Position mangelt es den Italienern an hochwertigen Alternativen.

Die hat Bundestrainer Joachim Löw zuhauf. Und mit den Einwechslungen von Miroslav Klose, André Schürrle und Marco Reus in die Startformation gegen Griechenland hat er sich selbst ein paar zusätzliche Probleme aufgehalst. Alle drei haben bei ihrem ersten Einsatz überzeugt, - für Klose und Schürrle war es der erste von Beginn an -, wichtige Impulse gesetzt, und man darf erwarten, dass sie im nächsten Spiel noch selbstbewusster auftreten werden. Sie haben mehr Tempo, Kombinationen und Frische ins deutsche Angriffsspiel gebracht, Tugenden, die auch gegen die kompakte italienische Abwehr gefragt sind. Zudem profitierte Mesut Özil, weil er zusätzliche Anspielstationen fand. Es gäbe also keinen Grund, nicht weiter auf Klose, Schürrle und Reus zu setzen. Anderseits hat die Mannschaft mit Mario Gomez, Lukas Podolski und Thomas Müller die drei schweren Gruppenspiele gegen Portugal, die Niederlande und Dänemark gewonnen. Auch für ihren Einsatz gibt es deshalb gute Argumente.

Gesetzt ist für mich dagegen Bastian Schweinsteiger. Die Diskussion, die er mit seinen jüngsten Äußerungen losgetreten hat, indem er seinen Stammplatz zur Disposition gestellt hat, kann ich nicht nachvollziehen. Was wollte uns Schweinsteiger damit sagen? Wenn er verletzt ist, kann er nicht spielen, ansonsten sehe ich keinen Ersatz für ihn. Weder Toni Kroos noch Lars Bender könnten ihn adäquat auf dem Platz als Spieler und vor allem als Persönlichkeit vertreten. Schweinsteiger wird gebraucht. Das sollte er doch wissen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Fußball