Abendblatt-Kolumnist Felix Magath

Eine solche Leichtigkeit haben wir schon lange nicht erlebt

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Felix Magath über das deutsche Auftaktspiel, die Glanzpunkte Özil und Müller und Bundestrainer Löws richtige Entscheidung für Klose.

Ein überragender Auftakt! Wer hätte das geglaubt? Viele waren vorher unsicher, Experten wie Fans, und dann dieser 4:0-Erfolg . Das war ein fast perfekter Start in eine Weltmeisterschaft, ähnlich wie 1966 in England das 5:0 gegen die Schweiz - vom 8:0 gegen Saudi-Arabien 2002 möchte ich in diesem Zusammenhang nicht reden. Sicher: Australien ist keine Fußball-Großmacht, aber diese Mannschaft hat sich in den vergangenen Jahren oft gut verkauft, hat durch Kraft, Härte und Leidenschaft oft überraschende Ergebnisse erzielt. Und dass dieses Team in der Lage ist, jedem Gegner das Leben schwer zu machen, das hat jeder in den ersten Minuten erkennen können. Da drohte unserer Mannschaft ein früher Rückstand, und wer weiß, wie Joachim Löws junge Truppe damit umgegangen wäre.

Aber es ist nichts passiert, und was nach der Anfangsoffensive der Australier folgte, das war sehenswert. Eine deutsche Fußball-Gala vom Feinsten. In meinen Augen hat die DFB-Auswahl das Spiel hervorragend kontrolliert und geriet nie mehr in Gefahr. Vor allen Dingen die deutsche Offensive zeigte Klasse. In welcher Präzision und mit welchem Tempo nach Überschreiten der Mittellinie Richtung Torhüter Schwarzer gespielt wurde, das war sehenswert. Und: Eine solche spielerische Leichtigkeit in dieser Geschwindigkeit haben wir von einer Nationalelf schon lange nicht mehr erlebt.

Es gab in diesem Team einige Glanzpunkte. Der Bremer Mesut Özil gehörte dazu, er setzte reihenweise Akzente, er inszenierte die Offensive, er bestimmte den Rhythmus und verblüffte Freund und Feind durch glänzende, oftmals verdeckte und für den Gegner nicht zu durchschauende Pässe. Klasse. Von Mittelfeldspielern, das kenne ich aus meiner aktiven Zeit, erwartet man gern Wunderdinge. Sie sollen das Spiel lenken, geniale Zuspiele abliefern und nebenbei noch das eine oder andere Tor schießen. Özil kam diesem Anforderungsprofil schon sehr nahe.

Sein Spiel war eine Augenweide, und innerlich trauere ich der Chance ein wenig nach, dass dieser Özil auch einer meiner Spieler hätte sein können - wenn ihn Schalke nicht bedauerlicherweise fast nach Bremen verschenkt hätte. Es war ein riesiger Fehler, ihn ziehen zu lassen - aber das ist Vergangenheit.

So hat Schalke mit Manuel Neuer eben nur einen Spieler in dieser deutschen WM-Mannschaft. Und wenn ich gerade bei meinem Torwart bin: Seine fehlerlose Vorstellung halten sicher viele für eine Selbstverständlichkeit, aber das ist es nicht - siehe England. Neuer war zur Stelle, wenn er gebraucht wurde, er hat sein Spiel souverän hinter sich gebracht. Und er hat seinen Vorderleuten mit seiner Leistung signalisiert: "Jungs, ihr müsst euch keine Sorgen machen, hier hinten ist alles in Ordnung." Auch das ist wichtig für eine gut funktionierende Defensive.

Die deutsche Abwehr hat, bis auf die ersten fünf Minuten, sehr gut gestanden. Und das lag auch an den beiden Sechsern. Mit Michael Ballack hat zwar der Chef gefehlt, aber die anderen haben sich nicht gescheut, Verantwortung zu übernehmen. Was Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira im Spiel nach vorne und nach hinten ablieferten, das war fast schon perfekt zu nennen.

Unglaublich stark spielte am rechten Flügel auch der junge Thomas Müller. Er wirkte auf mich total unaufgeregt, sehr beweglich, mutig im Dribbling und ideenreich im Abspiel. Da wächst ein großer Spieler heran. Kompliment an Joachim Löw, er hat mit Müllers Aufstellung alles richtig gemacht - auch wenn es Piotr Trochowski und den Hamburgern natürlich wehtun wird.

Auch bei Miroslav Klose hat der Bundestrainer richtig gelegen. Er war vor allem wichtig für die mannschaftliche Atmosphäre und die Homogenität im Team. Mit Ballack fehlte der Leader, deswegen war es wichtig, mit Klose einen erfahrenen Mann zu haben, an dem sich die Jungen orientieren können. Für die Balance in der Mannschaft war Kloses Mitwirken von Vorteil - sein Tor hat bewiesen, dass er es immer noch kann.

Noch ein Wort zur Fitness. Die Mannschaft wirkte nicht nur fit, sie ist es auch. Und sie spielt teilweise noch sehr ungestüm. Das soll keine Kritik sein, nicht mal versteckte. Es ist ja schön, wie dieses Team nach vorne spielt, aber eine erfahrene Mannschaft hätte in der letzten halben Stunde, als der Gegner einen Mann weniger auf dem Rasen und kaum noch Moral hatten, ein wenig cleverer auf Ergebnis gespielt. Die jungen Leute sollten aufpassen, dass sie ihre Kräfte schonen, wenn sie es können. Bei der WM 2006 hat sich Italien zu Beginn des Turniers kein Bein ausgerissen, konnte deswegen später noch zulegen - daran sollte diese junge deutsche Mannschaft denken. Die WM dauert noch mehr als drei Wochen, und sie wird noch viel Kraft fordern. Aber die Vorrunde ist nach diesem 4:0 schon so gut wie gelaufen. Das Torverhältnis ist wie ein zusätzlicher Punkt.