HSV-Star trifft mit DFB-Team auf Argentinien

Jerome Boateng: "Verlieren hasse ich wie die Pest"

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HSV-Profi Jerome Boateng im Interview. Heute ist er für Deutschland gegen Argentinien (20.45 Uhr, live bei abendblatt.de) im Einsatz.

München. Abendblatt: Herr Boateng, am Sonntag spielten Sie mit dem HSV gegen Arjen Robben, jetzt treffen Sie mit der Nationalmannschaft auf Argentinien mit Superstar Lionel Messi. Ist auch bei Ihnen die Vorfreude größer als sonst?

Jerome Boateng: Messi ist für mich der beste Spieler der Welt. Es wäre ein Traum, gegen so einen Fußballer auflaufen zu dürfen. In jedem Spiel hat er seine Aktionen und ist unglaublich schwer vom Ball zu trennen. Ich habe großen Respekt, was er in seinen jungen Jahren schon erreicht hat.

Abendblatt: Sie sind mit 21 ein Jahr jünger und haben auch eine rasante Entwicklung hinter sich.

Boateng: Stimmt, nach der EM mit der U 21 ging alles sehr schnell. Beim HSV habe ich mir meinen Stammplatz gesichert, dann folgte die Berufung in die A-Mannschaft. Aber man muss sich immer neue Ziele setzen, sonst bleibt man stehen, und man muss auch als Nationalspieler sehr kritisch mit seinen Leistungen umgehen, vielleicht noch kritischer als vorher. Das empfinde ich als sehr wichtig.

Abendblatt: Analysieren Sie selbst hinterher Ihre Spiele?

Boateng: Immer. Wir erhalten beim HSV von jeder Begegnung eine DVD, die ich mir genau anschaue, meistens alleine. Aber mein großer Bruder George schaut sich auf Sky auch alle Spiele an. Er und mein Vater sind meine größten Kritiker.

Abendblatt: Und, was fordern sie?

Boateng: Auch die Trainer haben mir schon geraten, oben zu bleiben und nicht zu grätschen. Es ist bei meiner Größe gefährlich, wenn ich zu spät komme. Hat man ja gesehen: Gelb, Gelb-Rot. Außerdem kann ich mein Stellungsspiel verbessern. Manchmal will ich zu schnell den Ball erobern, hier muss ich noch ein besseres Gespür entwickeln. Ich kann weiterhin so viele Dinge verbessern, auch das Spiel nach vorne, wenn ich die Außenposition einnehme.

Abendblatt: In der Nationalmannschaft haben Sie bei Ihren Einsätzen zweimal rechts hinten gespielt.

Boateng: Richtig, und das stört mich überhaupt nicht, auch wenn meine Lieblingsposition der Innenverteidiger ist. Ich bin froh, wenn ich in dieser Mannschaft überhaupt spielen darf und freue mich über jede neue Erfahrung und das Vertrauen, das mir der Trainer schenkt.

Abendblatt: Hat sich im Verein etwas für Sie verändert, seit Sie in Joachim Löws Kreis aufgenommen wurden?

Boateng: Man spürt schon ein bisschen mehr Anerkennung, wird anders wahrgenommen. Auch ich möchte mehr Verantwortung beim HSV übernehmen, wenn es mal nicht läuft, und versuchen, die anderen mitzureißen.

Abendblatt: Trotz Ihrer 21 Jahre.

Boateng: Dabei spielt es keine Rolle, wie alt man ist. Das funktioniert nur über Spiele und Leistung. Dann kann man den Mitspielern auch etwas im richtigen Ton sagen.

Abendblatt:Trügt der Eindruck von außen, dass Sie zwar für Ihr junges Alter schon ziemlich abgeklärt wirken, aber auf dem Platz trotzdem sehr emotional reagieren können und manchmal überziehen?

Boateng: Das liegt daran, dass ich ganz schlecht verlieren kann, das ging mir schon als kleines Kind so. Verlieren hasse ich wie die Pest. Was dazu führt, dass ich selbst im Training schon mal zu aggressiv werde oder mir ein Frustfoul leiste. Einerseits ist dieses Gewinnenwollen sicher gut, aber in dieser Hinsicht besteht bei mir sicher noch Lernbedarf. Ich muss mich ab und zu zügeln.

Abendblatt: Sind Sie jemand, der seine Karriere durchplant?

Boateng: Nicht direkt, aber man spielt Fußball, um Spaß zu haben und vor allem Titel zu gewinnen.

Abendblatt: Dazu muss man manchmal den Verein wechseln...

Boateng: Das muss jeder selbst wissen. Ich bin der Ansicht, dass jeder seine Entscheidung selbst treffen muss und sich nicht von Beratern oder anderen Menschen beeinflussen lassen darf.

Abendblatt: Lassen Sie uns mal einen Blick voraus werfen. Sie schaffen den Sprung zur WM-Endrunde in Südafrika, Deutschland kommt sehr weit und für Sie, der im Sommer eine Ausstiegsklausel hat, kommen Angebote großer Klubs. Wie schätzen Sie denn selbst die Lage ein?

Boateng: Im Moment konzentriere ich mich auf den HSV und die Nationalmannschaft, es ist für mich wirklich wichtig, dass mich andere Dinge nicht belasten. Natürlich haben wir Vertragsverhandlungen, bei denen nicht alles so läuft, wie es geplant war.

Abendblatt: Warum läuft es nicht?

Boateng: Weil wir uns ganz simpel noch nicht einig geworden sind. In finanziellen und sportlichen Dingen.

Abendblatt: Was wäre Ihnen im sportlichen Bereich wichtig? Die Perspektive, Ihre persönlichen Ziele erreichen zu können?

Boateng: Genau. Jeder möchte gerne Champions League spielen und sich weiterentwickeln. Auch für den Verein wäre es wichtig, den nächsten Schritt zu machen. Mit dieser Mannschaft muss man einfach mehr als die Europa League erreichen.

Abendblatt: Klingt nicht so, als ob es vor der WM zu einer Entscheidung über Ihre Zukunft kommen könnte.

Boateng: Das kann ich ehrlich gesagt noch nicht abschätzen. Man wird sehen.