Fortuna Düsseldorf - Hertha BSC

Profifußball in Deutschland: Abstieg ins Chaos

Das Skandalspiel in Düsseldorf zeigt einmal mehr, dass der deutsche Profifußball ein Randale-Problem hat.

Hamburg. Für das große Fest war alles angerichtet. Am morgigen Sonnabend wollte die Düsseldorfer Fortuna in ihrem Stadion das große Aufstiegsfest feiern.

Gestern sagte der Traditionsklub die Feier wieder ab. Denn statt Partylaune regiert in der Landeshauptstadt die große Sorge, dass der sicher geglaubte Aufstieg wieder in Gefahr geraten könnte. Bereits heute um 13.30 Uhr wird das Sportgericht des DFB über einen Einspruch des Konkurrenten Hertha BSC nach dem 2:2 im Relegationsspiel bei der Fortuna entscheiden - der vorläufige Schlussakkord eines der größten Skandalspiele in der deutschen Profifußball-Geschichte.

Gleich zweimal stand die Partie im ausverkauften Düsseldorfer Stadion vor dem Abbruch. In der zweiten Halbzeit flogen aus dem Hertha-Block minutenlang schwere Feuerwerkskörper auf das Spielfeld - Schiedsrichter Wolfgang Stark unterbrach die Partie für zwei Minuten. Dann stürmten in der Nachspielzeit Tausende Düsseldorfer das Spielfeld, um schon den Aufstieg zu feiern, obwohl der Hertha nur ein Tor fehlte, um den Abstieg abzuwenden. Erst nach 20 Minuten konnte der Schiedsrichter das Spiel fortsetzen. Auf der Rückfahrt der Berliner Fans kam es erneut zu schweren Krawallen: In einem vom Verein eingesetzten Sonderzug wurde ein Waggon derart zerstört, dass er im Bahnhof Hamm abgekoppelt werden musste. Schon am Montag endete das Zweitliga-Relegationsspiel zwischen dem Karlsruher SC und Jahn Regensburg in einer Gewaltorgie mit 75 Verletzten.

Da war die Gewaltakte dieser Saison schon dick wie noch nie. Ein kurzer Auszug: Im Oktober 2011 eskaliert die Randale beim DFB-Pokalspiel zwischen Borussia Dortmund und Dynamo Dresden, als Dynamo-Fans Feuerwerkskörper in Serie zünden. Die Dortmunder Polizei erklärt, ein "Blutbad" sei nur knapp abgewendet worden. Im April greifen vermummte Kölner Hooligans den Bus des Erzrivalen Borussia Mönchengladbach an, bewerfen ihn mit Steinen und Bengalos. Im Mai wird ein Schalke-Fan brutal von Bremer Hooligans verprügelt, er erleidet schwere Gesichtsfrakturen. Auch Hamburg wird Schauplatz von Ausschreitungen: Das Hallenturnier im Januar in der Alsterdorfer Sporthalle wird nach Krawallen abgebrochen. Und nach dem 3:0 des FC St. Pauli gegen Hansa Rostock im April greifen Hooligans Polizeibeamte mit Pyrotechnik und Steinen an.

Befindet sich der deutsche Fußball in einer Gewaltspirale? Wie groß die Sorgen sind, zeigt das Ultimatum des CSU-Innenministers Hans-Peter Friedrich, dass sich alle 54 Profiklubs noch vor Beginn der nächsten Saison auf Verhaltensregeln einigen müssen: "Die Vereine müssen ihren Fans klarmachen, dass Gewalt nicht geduldet wird. Sie müssen ihnen klarmachen, dass Pyrotechnik in Stadien nichts zu suchen hat. Und sie müssen ihnen schließlich klarmachen, dass es die Fanprivilegien für Ultras und andere nicht mehr geben wird, wenn dort nicht endlich Ruhe und Ordnung einkehrt." DFB-Generalsekretär Helmut Sand-rock hält es für möglich, dass Stehplätze abgeschafft werden und wieder Zäune um das Spielfeld gezogen werden.

Aber: Sind diese gewaltorientierten Fans überhaupt noch zu stoppen? Und: Welche Rolle spielen eigentlich die Vereine und ihre Idole? Bei den Pyrofeierlichkeiten mischte auch Fortuna-Profi Andreas "Lumpi" Lambertz mit und wedelte auf dem Rasen mit einem Bengalo, ein klarer Verstoß gegen das ausdrückliche Pyroverbot in den Stadien. Hertha-Profi Lewan Kobiaschwili wird sogar beschuldigt, er habe Schiedsrichter Wolfgang Stark in den Nacken geschlagen. Die Episoden von Lambertz und Kobiaschwili illustrieren ein gravierendes Problem: Im deutschen Fußball sind Maß und Distanz verloren gegangen. Ein Spieler benimmt sich wie ein Fan. Ein anderer Spieler übt Faustrecht an demjenigen, der auf dem Platz das Recht spricht. Schöne Vorbilder.

Mit dem Hooliganismus von einst hat die Randale von heute indes wenig zu tun. Früher bildeten Adrenalinjunkies sogenannte Firmen, um sich beim Fußball zu prügeln, scherten sich aber in der Regel nicht groß um ihren Verein. Sie waren Pragmatiker der Gewalt. Die heutigen "Ultras" dagegen verstehen sich als Seele ihres Klubs. Sie opfern ihm große Teile ihrer Freizeit, entwerfen Choreografien, organisieren Ticketverkäufe, erobern Gremien, machen Vereinspolitik. Sie fühlen sich als Idealisten und als Bewegung; Soziologen sehen die Ultras als Jugendkultur wie früher Hippies oder Punks.

Anders als diese sind sie jedoch hierarchisch organisiert und pflegen einen essenziell konservativen Diskurs. Die Ultras gerieren sich als Gralshüter eines "echten Fußballs", protestieren "gegen den modernen Fußball" oder für "Erhalt von Fußballkultur". Solche Parolen sind das Fundament ihrer Macht, mit ihnen machen sie dem Mainstream unter den Fußballanhängern ein schlechtes Gewissen. Wer ihnen nicht folgt, so nämlich der Umkehrschluss, der ist kein echter Fan - kaum ein Vorwurf wiegt in Zeiten des allgemeinen Fußball-Wahnsinns schwerer.

Welch falschen Eindruck die vermeintlich bewahrende Attitüde der Kurve vermitteln kann, zeigt das Beispiel ihrer geliebten Bengalos. Die haben in deutschen Stadien an sich überhaupt keine Tradition, werden aber von den Ultras zum Fanal für einen Fußball erklärt, der seine Wurzeln nicht verrät. Es ist erstaunlich, wie viele Anhänger in den Medien solche Positionen immer wiederfinden.

Weniger erstaunlich ist vielleicht, wie schwer Vereinen, Verbänden oder Sponsoren die Abgrenzung fällt. Für alle, die mit dem Fußball Geld verdienen und Macht ausüben, sind die Ultras zunächst mal ein Geschenk. Sie sorgen für Stimmung und schöne Fernsehbilder. Ihr romantischer Kern verleiht dem Unterhaltungsbetrieb Bundesliga einen quasi moralischen Anstrich. Fan klingt allemal besser als Kunde. Wo das Stadion singt, fallen die turmhohen Werbebanden nicht ganz so auf. Emotionen sind gut für den Verkauf, aber dabei hingen viele Vereine der Illusion nach, dass sie diese Emotionen kontrollieren.

In seinem populistischen Überschwang hat es der deutsche Fußball in den letzten Jahren verpasst, Grenzen zu markieren, sich selbst zu schützen. Er hat sich in ungekanntem Ausmaße von der Politik vereinnahmen lassen - die Bundeskanzlerin jettet für Bilder mit der Nationalmannschaft um die ganze Welt. Und er hat sich in ungekanntem Ausmaß seinen Fans ausgeliefert.

Niemand verweigert sich mehr einem Ritual, das so wenig Tradition hat wie die Bengalos, inzwischen aber aus deutschen Stadien nicht mehr wegzudenken ist. Nach einem Sieg geht die versammelte Mannschaft vor die Kurve und führt einen Veitstanz auf ("Humba-täterä"), wobei ein Ultra-Capo per Megafon die Töne vorgibt - wenn nicht gar ein Spieler auf die Tribünen zu den Fans steigt und diesen Job übernimmt. Ein symbolischer Akt: Die Linie zwischen Akteuren und Zuschauern wird übertreten, die Kurve zum Imperator erhoben.

Solange gewonnen wird, gibt es dabei keine Probleme. Aber im Sport können eben nicht immer alle gewinnen. Die Geister, die man in den guten Zeiten hofiert, wird man nicht los, nur weil es plötzlich eine Krise gibt. Auch für diesen Fall haben sich im deutschen Fußball inzwischen feste Rituale etabliert. Sie reichen von Busblockaden und Drohgebärden ("Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot") über Morddrohungen und "Hausbesuche"; bis zum Versuch, der in Düsseldorf zu beobachten war: bei unliebsamem Verlauf das Spiel zu torpedieren und mit einem ordentlichen Feuerwerk wenigstens die "Fanehre" zu wahren.

Das sei man den Fans schuldig: Damit wiederum begründete Hertha-Manager Michael Preetz den Protest seines Vereins gegen die Wertung des Spiels. Den Fans, natürlich. Nicht sich selbst. Nicht den Sponsoren. Es war ein klassisches Beispiel für den Populismus, an dem sich offenbar auch durch die Ereignisse von Düsseldorf nichts geändert hat. Aber vielleicht ist es auch zu viel verlangt, dass die Grenzen im Fußball wieder klarer gezogen werden: hier die Spieler, da die Klubführung, dort der Schiedsrichter. Und auf den Tribünen die Fans. Früher nannte man sie mal Anhänger.

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