Interview

Freezers-Sportdirektor sieht Grund der Krise im Angriff

Der Frankokanadier Stéphane Richer, 49, ist seit Sommer 2010 Sportdirektor der Hamburg Freezers – und derzeit auch Co-Trainer

Der Frankokanadier Stéphane Richer, 49, ist seit Sommer 2010 Sportdirektor der Hamburg Freezers – und derzeit auch Co-Trainer

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Freezers-Sportdirektor Stéphane Richer spricht vor dem Düsseldorf-Heimspiel über Ursachen der Krise – und Wege aus ihr.

Hamburg. Björn Jensen

Ausgerechnet gegen den Tabellenzweiten Düsseldorfer EG, mit acht Gastspielsiegen in Folge bestes Auswärtsteam der Deutschen Eishockey-Liga, müssen die Hamburg Freezers an diesem Freitag (19.30 Uhr, Barclaycard-Arena) ihren Negativtrend von drei Niederlagen in Serie stoppen. Warum die „Eisschränke“ derzeit nur Mittelmaß sind und wie die Saisonziele, ein Platz unter den besten sechs und der Einzug ins Halbfinale, dennoch erreicht werden können, darüber sprach Sportchef und Co-Trainer Stéphane Richer, 49, mit dem Abendblatt.

Hamburger Abendblatt: Herr Richer, in den vergangenen Tagen wurde öffentlich über die Zukunft von Cheftrainer Serge Aubin diskutiert. Sie haben eine Entlassung ausgeschlossen. Was aber, wenn die Mannschaft auch gegen Düsseldorf und am Sonntag in Ingolstadt verliert?

Stéphane Richer: Auch dann stellen wir Serge nicht infrage. Jeder, der das Team im Training und in den Spielen sieht, der weiß, dass es dem Trainer folgt. Wir haben kein Trainerproblem, das Problem ist, dass die Mannschaft die Leistung nicht konstant abruft. Es ist ja nicht so, dass die Spieler nicht wollen. Aber wir haben zu viele Leistungsträger, die nicht ihre Leistung bringen.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Richer : Wir haben vor der Saison gesagt, dass wir Konstanz in unser Spiel bringen müssen, aber das ist uns bislang nicht gelungen. Es sind noch 18 Hauptrundenspiele zu absolvieren, wir haben nur vier Punkte Rückstand auf Platz sechs. Aber im Moment muss man feststellen, dass wir nur Durchschnitt sind. Und das ist mit diesem Kader zu wenig.

Muss man nicht ehrlich sagen, dass die Abwehr in dieser Saison höheren Ansprüchen nicht genügt? Die Zugänge Sean Sullivan und Jonas Liwing haben die Defensive nicht besser gemacht.

Richer : Ich finde, dass die beiden zuletzt stabiler gespielt haben. Sie brauchten Zeit, und die haben wir ihnen gegeben. Und vergessen Sie bitte nicht, dass uns mit Brett Festerling ein ganz wichtiger Mann seit Saisonbeginn fehlt. Auch wenn wir zu viele Gegentore kassiert haben, sehe ich das Problem nicht vorrangig in der Abwehr, sondern darin, dass wir zu wenige Tore schießen. Vor allem, wenn man weiß, welches Offensivpotenzial wir haben.

Haben Sie und die Spieler sich zu sehr darauf verlassen, mit dem nominell überragend besetzten Sturm immer ein Tor mehr als der Gegner zu schießen, und darüber eine Sorglosigkeit einreißen lassen, die jetzt nicht mehr einzudämmen ist?

Richer : Das glaube ich nicht. Den Spielern ist bewusst, dass wir in dieser Liga für jeden Sieg alles geben müssen.

Wie kann es dann sein, dass gleich eine Reihe von Topstürmern hinter den Erwartungen zurückbleibt?

Richer : Die wochenlangen Ausfälle von David Wolf und Garrett Festerling haben das gesamte Team zurückgeworfen. Wenn die beste Sturmreihe nicht einsatzfähig ist, leidet darunter natürlich die Produktivität. Dennoch bin auch ich überrascht davon, dass es diese Häufung von Leistungsschwankungen gibt. Ich glaube, das Problem ist ein mentales. Wer zu oft zu viele Chancen vergibt, der beginnt zu zweifeln und verliert sein Selbstbewusstsein und den Killerinstinkt. Daran müssen wir nun arbeiten. Allen ist bewusst, dass wir nur über Siege wieder in die Spur finden. Damit müssen wir jetzt anfangen.

Man hat das Gefühl, dass die Mischung zwischen Schönspielern und Arbeitern nicht mehr so stimmt wie in den vergangenen Jahren. Haben Sie die Abgänge der Führungsspieler Duvie Westcott und Matt Pettinger aus Ihrer Sicht adäquat ersetzen können?

Richer : Wir wussten, dass die beiden, die vor allem in der Kabine sehr wichtig waren, Lücken reißen würden. Aber ich bin überzeugt davon, dass wir genügend Spieler haben, die das Team führen könnten. Einige können aber derzeit nicht glaubwürdig an die Mannschaft appellieren, weil ihre eigene Leistung nicht stimmt.

Ist Christoph Schubert als Kapitän überfordert? Fehlt ihm Unterstützung?

Richer : Nein, überfordert ist er nicht. Aber es wäre schon schön, wenn ein paar andere Spieler jetzt noch mehr Verantwortung übernehmen würden.

Müsste Aubin nicht auch härter durchgreifen, mal einen Spieler auf die Tribüne verbannen, um ein Zeichen zu setzen? Er versteht sich als Freund der Spieler. Ist das in dieser Phase richtig?

Richer : Serge war in der vergangenen Saison, als er das Amt von Benoît Laporte übernahm, Freund der Spieler, weil er die schlechte Stimmung im Team in den Griff kriegen musste. In dieser Saison hat er sich verändert. Er hat noch immer ein offenes Ohr für jeden, aber er kann auch hart und laut werden. Er ist ein junger Trainer, er lernt sehr viel, aber er macht gerade in diesen Wochen, wo er als Psychologe gefordert ist, einen sehr guten Job. Und bei den vielen Ausfällen, die wir hatten, brauchten wir jeden Mann, er konnte niemanden auf die Tribüne verbannen.

Dass Sie ihm als erfahrener Coach assistieren, ist sicherlich hilfreich. Ist aber diese Doppelfunktion nicht andererseits auch ein Problem? Sie untergraben Aubins Autorität, und Sie können sich nicht mehr ausreichend um Ihre Aufgaben als Sportchef kümmern.

Richer : Dass ich Serges Autorität untergrabe, stimmt nicht. Ich erledige die Aufgaben eines Co-Trainers, Serge ist der Chef und führt das Wort. Was stimmt, ist, dass ich zum Beispiel derzeit nicht dazu komme, neue Spieler zu scouten. Deshalb planen wir mittelfristig ja auch, einen neuen Assistenzcoach zu verpflichten.

Könnte ein neuer Spieler helfen?

Richer : Dafür haben wir kein Budget. Und wir glauben weiterhin, dass wir eine sehr gute Mannschaft haben, mit der wir unsere Ziele erreichen werden.