Sportgespräch: Alexander Barta und John Tripp

"16-jährige Deutsche müssen nach Nordamerika"

Foto: WITTERS

Die Profis der Hamburg Freezers fordern eine neue Ausländerregelung in der DEL und hoffen auf die Reiselust des Nachwuchses.

Hamburg/Vancouver. Alexander Barta (27) und John Tripp (32) ist es vergönnt, für ein paar Tage Abschied zu nehmen vom tristen Alltag der Hamburg Freezers in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Am Donnerstagabend trafen sie in Vancouver ein. Die beiden Nationalspieler wollen sich bei den Olympischen Winterspielen mit der Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes Selbstvertrauen für die WM im April und Mai im eigenen Land holen. Das wird nicht leicht. Mit Schweden (Donnerstag, 18. Februar, 1.30 Uhr MEZ) und Finnland (20. Februar, 6 Uhr MEZ) warten zwei der führenden Eishockey-Nationen auf den sportlichen Absteiger der WM 2009. Weißrussland (21. Februar, 6 Uhr MEZ) ist der dritte Gegner in der Gruppe C.

Abendblatt: Herr Barta, Herr Tripp, wie groß ist die Freude, dem Elend der Freezers entfliehen zu dürfen?

Alexander Barta: Ich freue mich auf Olympia, sehr sogar, auch wenn wir bis zum Montag auf unsere endgültige Nominierung warten müssen. Ich bin aber optimistisch, dass ich den Sprung in den Kader schaffen werde. Die Freude hat nichts damit zu tun, dass ich eine etwaige Flucht vor den Freezers ergreife. Ich habe hier schließlich gerade für drei weitere Jahre unterschrieben, weil ich weiter fest an dieses Projekt und den Eishockeystandort Hamburg glaube. Die Voraussetzungen für eine bessere Zukunft sind gegeben oder werden gerade geschaffen. Von der Infrastruktur passt ohnehin alles. Dass die bisherige Saison für uns enttäuschend verlief, darüber sind wir uns einig. Vancouver wird mich hoffentlich auf ein paar andere, positive Gedanken bringen. Insofern tut diese Abwechslung gut.

John Tripp: Olympia ist etwas Einmaliges, da freut man sich als Sportler uneingeschränkt, egal, ob es im Verein läuft oder nicht.

Abendblatt: Für Sie als gebürtigen Kanadier dürfte Vancouver ein besonderes Erlebnis werden.

Tripp: In der Tat. Eishockey ist in Kanada der Nationalsport, fast jedes Kind kommt schon sehr früh mit ihm in Berührung. Die Begeisterung für die Eishockeyspiele wird riesengroß sein. Für die Kanadier zählt bei Olympia in erster Linie der Sieg im Eishockeyturnier. Am liebsten im Finale gegen die USA. Die Rivalität ähnelt ein bisschen der im Fußball zwischen Deutschland und den Niederlanden. Zu handgreiflichen Ausschreitungen der Fans kommt es allerdings nicht, bloß zu verbalen.

Abendblatt: Werden Ihre Verwandten den deutschen Nationalspieler John Tripp anfeuern?

Tripp: Wenn es nicht gegen Kanada geht, und das wird leider kaum passieren, natürlich. Meine Frau ist schon vor zwei Wochen nach Vancouver geflogen und hat für sich und unsere Familien alles organisiert. Das war nicht einfach. Die Hotels sind extrem teuer, selbst wenig luxuriöse kosten 250 und mehr Euro die Nacht. Sie hat jedoch bei Privatleuten für 20 Euro die Nacht Unterkunft gefunden. Viele Kanadier vermieten in dieser Zeit ihre Zimmer für Touristen. Ich habe nur ein Problem: Wir erhalten pro Spiel nur zwei Eintrittskarten. Ich bräuchte mindestens zehn. Alex, vielleicht kannst du mir deine geben?

Barta: Hallo, und was ist mit meinen vielen Fans in Kanada?

Tripp: Sorry, ich vergaß.

Abendblatt: Die deutsche Mannschaft kann viele neue Freunde gewinnen, wenn sie in Vancouver erfolgreicher auftritt als zuletzt bei Weltmeisterschaften. Was dürfen wir erwarten?

Barta: Wir wollen ins Viertelfinale, das ist immer unser Ziel, doch das wird wie immer schwer genug. Seitdem ich dabei bin, und das ist seit fünf Jahren, haben wir es noch nie unter die besten acht geschafft.

Abendblatt: Das liegt hoffentlich nicht an Ihnen. Aber: Warum geht es mit dem deutschen Eishockey nicht voran?

Barta: Ich habe da eine ganz klare Meinung: Wir brauchen in der DEL eine andere Ausländerregelung, auch wenn dieses Problem wegen der EU-Arbeitsrichtlinien wohl nur auf freiwilliger Basis zu lösen sein wird. Zwölf Ausländer pro DEL-Team sind zu viel, vier oder fünf wären genug, damit die deutschen Spieler mehr Eiszeiten erhalten können. Ohne Spielpraxis kann sich doch kein Talent entwickeln. Seitdem in der Schweiz, zugegeben kein EU-Land, in der Nationalliga nur mit vier Ausländern gespielt werden darf, haben wir kein wichtiges Spiel mehr gegen die gewonnen. Da sehe ich eindeutig einen Zusammenhang.

Abendblatt: Der ehemalige Nationalspieler Peter Draisaitl hat kritisiert, in der DEL laufe zu viel Schrott herum. Hat er recht?

Barta: Bis auf die Ausdrucksweise schon. Menschen sollte niemand als Schrott bezeichnen. Das verbietet der Respekt. Aber: Viele der Ausländer bringen uns einfach nicht weiter. Natürlich sind auch einige darunter, von denen wir lernen können, das sind jedoch eher die Ausnahmen.

Tripp: Ich sehe noch einen anderen Punkt für die sportliche Stagnation der Nationalmannschaft. Viele talentierte Nachwuchsspieler sind mit dem Erreichten zufrieden, wenn sie in irgendeiner Oberligamannschaft ein paar Euro verdienen. Das ist die falsche Einstellung. Die Jungs sollten mehr Mut haben, als 16- oder 17-Jährige nach Nordamerika aufbrechen und dort ihre Erfahrungen sammeln. Nur wer sich früh mit den Besten misst, kann ein Guter werden. Der Deutsche Eishockey-Bund müsste solche Aktivitäten noch viel stärker mit Stipendien unterstützen und Kooperationen mit Klubs, Schulen und Colleges in den USA und Kanada schließen.

Abendblatt: Herr Barta, sind Sie kein Guter?

Barta: Weil ich als Jugendlicher in Berlin geblieben bin? Ich denke, ich bin auch in Deutschland keinen bequemen Weg gegangen, ich war mit dem Erreichten nie zufrieden und habe stets versucht, mich weiterzuentwickeln. Ob ich das Optimale aus mir herausgeholt habe, ist eine hypothetische Frage und deshalb nicht zu beantworten.

Abendblatt: Würde es Sie nicht reizen, in der NHL zu spielen?

Barta: Wen würde das nicht reizen? Aber der Zug ist abgefahren. Und eine Klasse darunter zu spielen, in der AHL, macht für mich wenig Sinn. Das Niveau in der American Hockey League unterscheidet sich nicht groß von dem der DEL, nur die Bezahlung ist schlechter. So viel Pioniergeist, über die AHL für die NHL entdeckt zu werden, steckt dann doch nicht mehr in mir.

Abendblatt: In Vancouver spielen Sie wieder mit den deutschen NHL-Profis in der Nationalmannschaft zusammen. Sieben sollen am Montag zum Team stoßen. Klappt die Integration reibungslos?

Tripp: Da gab es noch nie Probleme. Von denen reklamiert keiner einen Sonderstatus. Das ließe der Bundestrainer nicht zu.

Barta: Die freuen sich auf die Nationalmannschaft, und wir uns auf sie, auch wenn dadurch die interne Konkurrenz größer wird.

Abendblatt: Wird die WM in Deutschland für Eishockey neue Begeisterung wecken?

Barta: Das hängt sicherlich auch vom Erfolg ab. Als wir in Hannover einmal den Deutschland-Cup gewonnen haben, war plötzlich wieder so etwas wie Euphorie für Eishockey zu spüren. Eishockey hat in Deutschland großes Potenzial. Wir müssen nur die Chancen, die uns immer wieder geboten werden, auch mal nutzen. Ich hielte es für hilfreich, wenn wieder mehr Eishockey in den frei empfangbaren Sendern zu sehen wäre. Wir müssen die Jugendlichen erreichen, übers TV wäre das vielleicht am einfachsten.

Tripp: Eishockey passt fantastisch zu diesen vielen superschönen Hallen, die in den vergangenen Jahren in Deutschland gebaut worden sind. Sie sind für uns Verpflichtung und Chance zugleich.

Abendblatt: Herr Barta, ist John Tripp eigentlich Ihr Lieblingsausländer?

Tripp: Ich bin jetzt Deutscher.

Barta: Sie meinen, weil er als ehemaliger Kanadier so gut Deutsch spricht?

Abendblatt: Genau. Dass sich die Ausländer in der DEL zu wenig um das Erlernen der deutschen Sprache bemühen, ist doch eines Ihrer Lieblingsthemen.

Barta: Ich halte es nun einmal für wichtig, dass in einem Team alle eine Sprache sprechen. Das hat auch was mit Identifikation zu tun. Ich mache aber den ausländischen Spielern keinen Vorwurf, vielmehr den Vereinen. Sie müssten die Ausländer, notfalls mit einem Passus im Vertrag, viel stärker in die Pflicht nehmen, Deutsch zu lernen. Das liegt im Interesse aller.