Nordsee-Extremsport

Warum sich Finn Springborn auf die kalten Herbststürme freut

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Maximilian Bronner
Finn Springborn stammt gebürtig aus Flensburg, lebt und surft aber mittlerweile vor allem in Dänemark.

Finn Springborn stammt gebürtig aus Flensburg, lebt und surft aber mittlerweile vor allem in Dänemark.

Foto: Dennis Scholz / Teufel

Wassersport-Serie: Wenn sich andere unter warme Decken verkriechen, fängt an der Nordsee für die Kaltwassersurfer der Spaß erst an.

Hamburg. Ausgesucht, sagt Finn Springborn, habe er sich das Kaltwassersurfen eigentlich nicht. „Ich wurde da eher reingeboren“, erzählt der gebürtige Flensburger und lacht. Nachdem er im Alter von zehn Jahren mit dem Wellenreiten begonnen hatte, war er mit seinen Eltern vor allem an den Küsten von Sylt und Dänemark unterwegs. Als Surfprofi bereist er heute die ganze Welt, könnte sich auch auf Hawaii in die Sonne legen oder die tropischen Temperaturen in Indonesien genießen.

Dass seine Basis aber im oft kalten und stürmischen Klitmøller im Nordosten Dänemarks liegt, war eine bewusste Entscheidung. „Dort gibt es für Europa gute Wellen, oft sehr gute Tage. Es ist noch nicht so überrannt, im Winter ist man immer mit den gleichen Leuten dort“, sagt er.

Kaltwassersurfen: Mit den Herbststürmen fängt der Spaß an

Die Einsamkeit beim Kaltwassersurfen sei etwas ganz Spezielles, sagt der 26-Jährige. „In Schottland oder Norwegen gibt es Weltklassewellen, die wir in Deutschland nicht haben. Natürlich ist es kalt, aber dafür sind dort viel weniger Leute“, sagt Springborn, der mit „re/discover“ einen rund 20-minütigen Kurzfilm über das Surfen im kalten Wasser gedreht hat. „Wenn man an Surfen denkt, hat man in der Regel Palmen und weiße Sandstrände vor Augen. Das Kaltwassersurfen ist das komplette Gegenteil.“

Auch wenn er gerne bei warmen Temperaturen im Wasser sei, sagt Springborn, freue er sich immer auf die sinkenden Temperaturen. Die Saison für das Kaltwassersurfen beginnt, wenn sich die meisten Menschen in ihre Häuser und Wohnungen zurückziehen, ein paar Kerzen anzünden und den ganzen Tag mit einer heißen Tasse Tee auf dem Sofa sitzen. Springborn verkriecht sich nicht unter einer warmen Decke, sondern freut sich auf die ungemütlichen Stürme im Herbst und Winter. „Für die besten Wellen braucht man hier richtigen Sturm“, weiß er.

„In Deutschland ist Sylt der Hotspot“, sagt Springborn. „Die Ostsee ist dagegen sehr speziell. Dort gibt es auch Wellen, die hängen aber sehr stark vom Wind ab.“ Dies liege vor allem an der geringen Größe und den schwächeren Strömungen des Gewässers. „Die Ostsee ist noch deutlich kälter als die Nordsee, weil sie keinen Einfluss vom Golfstrom hat und der Salzgehalt niedriger ist. Dort braucht man auch über zwei, drei Tage richtig Sturm, damit etwas geht. Die Nordsee produziert hingegen konstant Wellen“, weiß Springborn.

Die Bedingungen können sich in Deutschland und Europa witterungsbedingt schnell ändern, Entscheidungen müssen oft kurzfristig getroffen werden. So wie bei den Dreharbeiten zu seinem Film im Herbst 2019, als der Surfprofi seine Zelte in Norwegen kurzfristig abbrach, weil sich vor Schottland ein Sturm zusammenbraute. „Man muss immer spontan sein. Selbst in Frankreich muss man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein“, erklärt er.

Anfängern rate er jedoch, zunächst die kleineren Wellen im Sommer in Kauf zu nehmen, um bei angenehmen Temperaturen mit dem Sport zu beginnen. „Man hat mehr Spaß daran, wenn man im Sommer anfängt, weil man da deutlich mehr von den Wellen gewaschen wird“, sagt Springborn. Häufig benötige man aber auch zu wärmeren Jahreszeiten einen Neoprenanzug. Wichtig sei dabei, die richtige Materialstärke (Unterteilung in Millimeterdicke) auszuwählen. Im Winter seien zudem Schuhe, Handschuhe und eine Haube aus Neoprenmaterial elementar. „Mittlerweile sind die Neoprenanzüge viel besser geworden, sodass man im Winter fast genauso gut surfen kann wie im Sommer. Die einzige Limitierung ist dann das Tageslicht“, erklärt Springborn.

Beim Kaltwassersurfen ist das Material entscheidend

Zu Beginn sei es zudem besonders wichtig, die richtige Surfbrettgröße zu wählen. „Man sollte darauf achten, dass man ein Board hat, das groß genug ist. Viele machen den Fehler, dass sie mit einem zu kleinen Board anfangen. Je größer das Surfbrett ist, desto mehr Auftrieb hat man und desto einfacher kann man in die Wellen reinpaddeln“, weiß Springborn, der selbst zwischen 15 und 20 Bretter in der Garage hat, davon zwischen fünf und sechs pro Jahr verschleißt. Anfängern rät er zunächst zum Leihen der Ausrüstung.

Wenn Springborn nicht für Surffilme oder Magazinauftritte die Welt bereist, nimmt er auch an Surfwettbewerben (Contests) teil. „Beim Surfen unterscheidet man in der Regel zwischen Contest- und Free-Surfer. Dann gibt es noch einen kleinen Teil, die beides machen“, sagt er. Erst im Oktober gewann Springborn die dänische Surftour. Trotz der erfolgreichen Saison freue er sich nun aber auf den Winter. Schocken kann ihn ohnehin kaum mehr etwas. „In Island hatten wir nachts mal minus 22 Grad, tagsüber minus zehn. Das Wasser hatte da mit sechs bis sieben Grad richtig angenehme Temperaturen“, sagt Springborn.

In Klitmøller beträgt die Wassertemperatur aktuell sogar 13 Grad – für Springborn dürfte sich das fast so tropisch wie auf Hawaii oder in Indonesien anfühlen.

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