Beachvolleyball

Frauenrechte in Katar: Bikini-Verbot sorgt für Diskussionen

Lesedauer: 5 Minuten
Karla Borger und Julia Sude(l.) sind aktuell das beste deutsche Team.

Karla Borger und Julia Sude(l.) sind aktuell das beste deutsche Team.

Das beste deutsche Beachvolleyball-Frauenduo verzichtet auf das Turnier in Doha. Drei Hamburger Teams spielen trotz allem.

Hamburg. Andreas Scheuerpflug dankte für die Anfrage, Anlass zu ihrer Beantwortung sah er allerdings nicht. Das Viersterneturnier in Doha, das vom 8. bis 12. März die Weltspitze der Frauen und Männer zum ersten Mal in der Saison 2021 zusammenführt, sei ein ganz normales Event, bei dem Punkte für die Olympiaqualifikation verteilt werden. Insofern gebe es keinerlei Überlegungen, das von ihm gemanagte Team nicht nach Katar reisen zu lassen. Das HSV-Duo Laura Ludwig (35)/Margareta Kozuch (34), das noch bis zum kommenden Wochenende auf Teneriffa trainiert, werde am 4. März in Doha einschweben.

Die Meinung des Olympiafünften von Athen 2004 teilen viele – aber nicht alle. Nachdem das in Stuttgart trainierende Duo Karla Borger (32)/Julia Sude (33) am vergangenen Wochenende im „Spiegel“ seine Absage öffentlich gemacht hatte, ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob der Weltverband FIVB seine weiblichen Aktiven ausreichend unterstützt oder den Befindlichkeiten seiner Partner zu hohen Stellenwert einräumt. Immerhin ist der Hauptgrund für den Verzicht des aktuell besten deutschen Duos – Nummer zehn des Olympiarankings und in der Weltrangliste an Position 16 notiert – ein pikanter.

Bekleidungsvorschrift: Shirts und Hosen statt Bikinis

Aus religiösen Gründen schreiben die Organisatoren den weiblichen Turnierteilnehmern, die zum ersten Mal am Katara Beach ans Netz gehen dürfen, eine Kleiderordnung vor. Statt des gewohnten Sportbikinis müssen die Frauen knielange Hosen und die Schultern bedeckende Shirts tragen. Ob es eine Kopfbedeckungspflicht geben wird und ob dann eine Kappe ausreicht oder ein Kopftuch die gesamte Haarpracht bedecken muss, wird erst vor Ort in der finalen Regelbesprechung geklärt werden.

Fakt ist: Borger/Sude wollen das nicht mittragen. „Das ist wirklich das einzige Land und das einzige Turnier, wo wir von einer Regierung vorgeschrieben bekommen, wie wir unsere Arbeit auszuüben haben. Das kritisieren wir“, sagte Borger dem „Deutschlandfunk“. Bei den zu erwartenden Temperaturen von bis zu 30 Grad sei die vorgeschriebene Kleidung zu warm, zudem könne ein luftiges T-Shirt die gewohnten Bewegungsabläufe negativ beeinflussen.

FIVB setzte Sonderregel bei Leichtathletik-WM 2019 durch

Inwieweit die sportlichen Resultate von der Kleiderordnung tatsächlich beeinflusst werden könnten, bleibt dahingestellt. Bei Turnieren in Europa, bei denen die Außentemperatur unterhalb von 15 Grad lag, kam wärmere und längere Schutzkleidung früher regelmäßig zum Einsatz. Und bei den Sommerspielen in Tokio, wo Ende Juli dieses Jahres bis zu 40 Grad und eine deutlich höhere Luftfeuchtigkeit als in Katar erwartet werden, dürfte es selbst im Sportbikini deutlich unangenehmer werden.

Umso wichtiger ist die Frage, warum es der FIVB nicht gelungen ist, eine Sonderregel für die Bekleidung der Sportlerinnen durchzusetzen, wie es sie für die Leichtathletik-WM 2019 an selber Stelle gegeben hatte. „Wir hinterfragen, ob es nötig ist, dass man in Doha ein Turnier stattfinden lässt. Ich glaube, dass unser Weltverband sehr weit hintendran ist, überhaupt auf die Athleten und Athletinnen zu hören“, sagte Borger.

Hamburger Teams teilen Bedenken nicht

Sie werfe aber keinem Team vor, die Reise nach Katar anzutreten. Da unsicher ist, wie viele Möglichkeiten es in der Corona-Krise überhaupt geben wird, um Punkte für die Tokio-Qualifikation zu sammeln, seien andere deutlich mehr darauf angewiesen anzutreten. „Wenn es nicht um ein normales Turnier ginge, sondern um Olympia, würden wir wahrscheinlich auch spielen“, sagte sie.

Lesen Sie auch:

Tatsächlich teilen neben Ludwig/Kozuch, die als 15. des Olympiarankings sehr gute Chancen auf einen der 16 Plätze haben, auch die anderen Hamburger Teams die Bedenken nicht. Victoria Bieneck (29)/Isabel Schneider (29), mit 780 Punkten Rückstand auf Ludwig/Kozuch unter Zugzwang, stehen im Hauptfeld und haben nach Rücksprache mit den Männerteams und ihrer Physiotherapeutin, die die Verhältnisse vor Ort kennen, entschieden zu spielen. „Wir wollen die Chance auf Olympiapunkte nutzen“, sagt Victoria Bieneck. Leonie Körtzinger (23) und Sarah Schneider (25) werden in der Qualifikation antreten.

Volleyball-Verband: „Wir respektieren alle Sichtweisen“

Im Deutschen Volleyball-Verband gibt man sich salomonisch. „Wir respektieren alle Sichtweisen und werden nie ein Team überreden, zu einem Turnier anzutreten“, sagt Niclas Hildebrand (40), der Sportdirektor der Beachsparte. Auch die Hamburger Bundestrainerin Helke Claasen (43) hatte beim DVV darum gebeten, die Reise nicht antreten zu müssen, weil sie sich als Frau in Katar nicht ausreichend respektiert fühle. „Dem haben wir selbstverständlich auch entsprochen“, sagt Hildebrand.

Zwei zusätzliche Probleme, glaubt er, werden künftig entstehen. Zum einen wird es vermehrt große Sportevents an Orten geben, an denen Menschenrechte nicht am westlichen Standard ausgerichtet werden, weil es dort viel Geld und wenig Widerstand gibt. Zum anderen müsste, wer in Katar nicht spielt, schon jetzt auch um Länder wie China oder Russland einen Bogen machen. Es dürfte schwieriger werden in der Zukunft, sich derlei Diskussionen zu entziehen.