Tennis

Daniil Medwedew: ein erstaunlich netter Bösewicht

Der Russe Daniil Medwedew (24) hat in seiner Karriere bislang sieben ATP-Turniere (alle auf Hartplatz) und 12.128.733 US-Dollar Preisgeld gewonnen.

Der Russe Daniil Medwedew (24) hat in seiner Karriere bislang sieben ATP-Turniere (alle auf Hartplatz) und 12.128.733 US-Dollar Preisgeld gewonnen.

Foto: imago sport / imago images/AAP

Der russische Tennisprofi ist am Rothenbaum an Nummer eins gesetzt und möchte endlich auch auf Sandplatz Titel gewinnen.

Hamburg. Dass Daniil Medwedew sich gern mit Siegern umgibt, zeigt die Auswahl seines liebsten Fußballteams. „Als ich sechs Jahre alt war, habe ich Bayern München in der Champions League spielen sehen. Seitdem bin ich Bayern-Fan“, sagte der 24 Jahre alte Russe, als er am Sonntagnachmittag am Rothenbaum der Presse vorgestellt wurde.

Bei seiner zweiten Teilnahme am Hamburger Tennisturnier nach 2016, als er im Achtelfinale am Spanier Daniel Gimeno-Traver scheiterte, ist der Weltranglistenfünfte topgesetzt, am Dienstag spielt er in Runde eins gegen den Franzosen Ugo Humbert (22). Als seine Bayern Ende August die Champions League gewannen, twitterte er aus den USA „Mia san mia!“

Komisches, schlampiges Spiel

Warum die Gegner auf der ATP-Tour gegen den Rechtshänder genauso ungern spielen wie die im Fußball gegen den deutschen Rekordmeister, erklärte der amtierende ATP-Weltmeister Stefanos Tsitsipas (22/Griechenland), der in Hamburg in diesem Jahr seine Premiere feiert, kürzlich so: „Er hat ein sehr komisches Spiel, irgendwie schlampig, aber in einer guten Art und Weise.“

Mit seiner Körperlänge von 1,98 Metern verfügt Medwedew über einen sehr guten Aufschlag und deckt den Platz gut ab, verschleppt aber immer wieder das Tempo und spielt einen sehr defensiven Stil fast ohne Spin, mit dem er die Kontrahenten aus deren Rhythmus zu bringen versteht. „Ich versuche, die Gegner zu Schlägen zu zwingen, die sie normalerweise nicht machen müssen. Ich mag es, meine Gegner damit verrückt zu machen“, sagte der Russe, der sich seinen Spielstil bereits im Juniorenalter angewöhnt und von Jahr zu Jahr perfektioniert hat.

Seine Freundin passt gut auf das Genie auf

Im Teenageralter hätte die sportliche Karriere des Moskowiters auch einen anderen Verlauf nehmen können. Mit 14 startete er bei den russischen Landesmeisterschaften für das Playstation­spiel „Fifa“, das er bis heute als eine seiner größten Leidenschaften bezeichnet. „Mein perfektes Wochenende wäre, komplett an der Playstation durchzuspielen“, verriet er einmal in einem Interview des russischen Verbands. Allerdings hat er das Gaming, das ihn früher sogar vor Matches bis tief in die Nacht wachhielt, mittlerweile eingeschränkt. Seit er 2018 seine Freundin Daria heiratete, die ihn oft zu Turnieren begleitet, sei er professioneller geworden. „Sie nimmt mir viele kleine Aufgaben ab und passt gut auf mich auf“, sagte er.

Den wichtigsten Schritt zur Professionalisierung ging Daniil Medwedew im Alter von 18 Jahren. Weg aus Moskau, „wo 24 Stunden am Tag alles offen hat und es viel Ablenkung gibt“, nach Frankreich. An der Tennisakademie des französischen Ex-Profis Jean-René Lisnard (40) nahe Cannes traf er seinen heutigen Trainer Gilles Cervara (39), der seinen Schützling als Genie bezeichnet. „Genies sind nicht immer einfach zu handhaben, weil man sie nicht immer versteht“, sagte Cervara, „aber Daniil ist klug genug, seine Fehler selbst zu erkennen.“

Und Fehler machte der junge Russe, der mittlerweile in Monte Carlo lebt, einige in seiner Karriere. 2016 wurde er auf einem Challengerturnier in Savannah (US-Bundesstaat Georgia) disquali­fiziert, nachdem er der schwarzen Schiedsrichterin vorgeworfen hatte, sie würde seinen Gegner Donald Young (USA) bevorzugen, weil er dieselbe Hautfarbe wie sie habe. Ein Jahr später warf er nach seinem Zweitrundenaus in Wimbledon gegen den Belgier Ruben Bemelmans der Schiedsrichterin Kleingeld vor ihren Stuhl, weil er mit einigen Entscheidungen unzufrieden war.

Er behandelte Balljungen rüde

Obwohl Daniil Medwedew bereits im Juli 2019 in die Top Ten der Weltrangliste vorgedrungen war, nahm ihn die breite Masse der Sportfans erst acht Wochen später wahr, als er sich bei den US Open in New York bis in sein erstes Grand-Slam-Endspiel vorkämpfte.

Auch das ging allerdings nicht ohne Eklat. Bei seinem Drittrundensieg über den Spanier Feliciano Lopez wurde er vom Publikum ausgepfiffen, nachdem er einen Balljungen rüde behandelt und seinen Schläger zertrümmert hatte. Daraufhin zeigte er den „Stinkefinger“ und erklärte später, dass die Pfiffe ihm erst die nötige Energie gegeben hätten. „Wenn ihr heute schlafen geht, denkt daran, dass ich nur wegen euch gewonnen habe“, sagte er im Siegerinterview auf dem Platz.

Sein Namensvetter siegte in den 90ern dreimal

Zur ganzen Geschichte gehört aber auch, dass das New Yorker Publikum ihn nach seiner Fünfsatzniederlage im Finale gegen Spaniens Topstar Rafael Nadal (34) feierte. „Ich versuche nie, so zu tun, als sei ich ein guter Mensch. Ich will aber auch kein böser Mensch sein. Ich bin, wie ich bin, und versuche einfach, so gut wie möglich zu sein“, sagte er. Die Erfahrung, ein Grand-Slam-Finale erreicht zu haben, habe ihn als Menschen nicht verändert, „aber ich habe dadurch das Selbstvertrauen gewonnen, mit den Besten mithalten zu können“.

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2009 war Nikolaj Dawidenko (39) der erste und bislang einzige Russe, der am Rothenbaum den Titel gewinnen konnte. Andrej Rubljow (22) schaffte es im vergangenen Jahr immerhin ins Finale. Der Name Medwedew indes hat in Hamburg noch immer einen guten Klang, seit der Ukrainer Andrej Medwedew in den 90er-Jahren dreimal siegte. Sein Namensvetter will, obwohl er keinen seiner bislang sieben ATP-Titel auf Sand holte, in dieser Woche versuchen, ihm nachzueifern. Daniil Medwedew ist schließlich auch selbst gern ein Sieger.