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Was der neue Termin für das Rothenbaum-Turnier bedeutet

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Björn Jensen und Rainer Grünberg
Veranstalter Peter-Michael Reichel und Turnierdirektorin Sandra Reichel auf dem Centre-Court am Rothenbaum.

Veranstalter Peter-Michael Reichel und Turnierdirektorin Sandra Reichel auf dem Centre-Court am Rothenbaum.

Foto: TayDucLam / WITTERS

Die Suche nach einem Platz für die Hamburger European Open war schwierig. Jetzt profitiert das Turnier trotz kleineren Etats.

Hamburg. Die Österreicherin Sandra Reichel kennt sich in Hamburg inzwischen ganz gut aus. Im vergangenen Jahr bezog sie eine Wohnung in Eimsbüttel, richtete sich im zweiten Stock des Tennisstadions in Harvestehude ihr Büro ein. Wer etwas über die Durchschnittstemperaturen in der Stadt in den zurückliegenden zehn Jahren wissen will, über Niederschlagsmengen und Sonnentage, ist bei der Direktorin des Herrentennisturniers am Rothenbaum an der richtigen Adresse. „Ende September ist es noch schön, im Oktober kann es schon sehr kalt werden“, sagt die 49-Jährige.

Diese Expertise ist für sie und ihren Vater Peter-Michael Reichel (67) von großem Nutzen, galt es doch, den besten Termin für die Traditionsveranstaltung zu finden, die am heutigen Sonnabend mit der Qualifikation beginnt und am 27. September mit dem Finale endet. Dann allerdings könnte es bei Temperaturen um 16 Grad Celsius regnen, das zumindest lassen die Wetterprognosen befürchten. Das erneuerte mobile Dach bietet Spielern und Publikum jedoch ausreichend Schlechtwetterschutz.

Große Auswahl, das geeignete Datum zu orten, hatten die Reichels nicht. Sie waren Getriebene. Die Hamburg European Open, ein Turnier der dritthöchsten Kategorie (500 Punkte für den Sieger), das ursprünglich vom 11. bis 19. Juli gespielt werden sollte, musste seinen Platz zwischen ebenfalls verschobenen Grand-Slam- und Mastersturnieren suchen. Zahlreiche Termine zwischen Anfang September und Ende Oktober waren in den Videokonferenzen und Calls mit der Herrentennisorganisation ATP wochenlang im Gespräch.

Rothenbaum profitiert vom neuen Termin

Nun sind es die Tage bis 27. September, das letzte Vorbereitungsturnier auf Sand vor den anschließenden French Open in Paris (2000 Punkte dem Sieger). „Wir sind sehr zufrieden mit dieser Entscheidung“, sagt Peter-Michael Reichel, der 2018 als Nachfolger des Wimbledonsiegers Michael Stich (51) die Turnierlizenz vom Deutschen Tennis-Bund (DTB) kaufte.

Das Teilnehmerfeld gibt ihm recht. Mit fünf Top-Ten-Spielern, elf aus den Top 20, ist es das beste seit zwölf Jahren. 2008 hatte der Rothenbaum seinen langjährigen Mastersstatus (1000 Punkte dem Sieger) verloren, der die Teilnahme von Weltklassespielern garantierte.

Dass in diesen Tagen überhaupt in Hamburg zu einem der attraktivsten Tennisturniere der Welt aufgeschlagen wird, daran ist am 13. März, dem ersten Tag des bundesweiten Lockdowns, nicht zu denken. Sandra Reichel hat ihren Skiurlaub gebucht, fliegt von Hamburg zurück nach Linz. Das benachbarte oberösterreichische Wels ist ihre Heimatstadt. „Im ersten Moment konnten wir gar nicht einordnen, was alles auf uns zukommen würde“, sagt sie. Die erste positive Nachricht sollte aber alsbald folgen. Die Tests auf das Sars-CoV-2-Virus fallen bei Vater und Tochter negativ aus. Daran hat sich bis heute nichts geändert, „bei mir konnten bislang nicht mal Antikörper gegen Corona im Blut nachgewiesen werden“, erzählt Peter-Michael Reichel, der in Andermatt (Schweiz) lebt.

Rothenbaum entwirft 40 verschiedene Etats

Als Anfang April die Organisatoren von Wimbledon ihr Rasenturnier absagen, das vom 29. Juni bis 12. Juli geplant war, sind die Reichels noch optimistisch, dass die weltweiten (Reise-) Einschränkungen rechtzeitig vor dem Rothenbaum gelockert werden. „Ich gehe zu 60 Prozent davon aus, dass wir unseren Termin halten können“, sagt Peter-Michael Reichel damals dem Abendblatt. Von Woche zu Woche schwindet diese Zuversicht, von Videokonferenz zu Videokonferenz, nachdem ein Turnier nach dem anderen aus dem globalen Tourkalender gestrichen wird. 66 Veranstaltungen waren für dieses Jahr geplant, 28 werden es wohl noch, die ersten 17 fallen in die Zeit von Januar bis Mitte März. Alle potenziellen Organisatoren müssen für die ATP lange Fragebögen ausfüllen, wann, wie und unter welchen Umständen sie noch 2020 ihr Turnier veranstalten könnten.

Am 20. April verbietet die Bundesregierung alle Großveranstaltungen bis zum 31. August, Anfang Juli gibt die ATP bekannt, mit einem Restart sei nicht vor Mitte August zu rechnen. Mut macht den Reichels die Ankündigung des Hamburger Sportsenators Andy Grote (SPD), die Stadt werde alles versuchen, um ausgefallene Sportveranstaltungen im Herbst nachzuholen. Beim Triathlon (Doppel-WM Anfang September) und Tennis klappt das. „Ich habe in dieser Zeit regelmäßig neue Budgets aufgestellt, am Ende waren es 40 verschiedene“, sagt Sandra Reichel. Geplant werden muss mit und ohne Zuschauer, mit Sponsoren und Partnern ist neu zu verhandeln. Fast alle bleiben, einige zu finanziell reduzierten Konditionen. Das größte Problem besteht weiter: Es fehlt ein neuer Termin.

Hallenpläne werden verworfen

Alles hängt jetzt an den US Open, die am 29. August beginnen sollen – und dann auch beginnen. Selbst wenn wochenlang gegenteilige Gerüchte kursieren, Peter-Michael Reichel glaubt immer an deren Austragung. Dafür steht für die Amerikaner zu viel Geld auf dem Spiel. Macht das Turnier normalerweise rund 150 Millionen Dollar Gewinn, sind es in diesem Jahr noch geschätzte 40 Millionen. Das sind Zahlen, von denen die Reichels nur träumen können.

Bei ihrer Rothenbaum-Premiere im Juli 2019 klaffte bei einem Etat von 5,5 Millionen Euro trotz rund 60.000 zahlender Zuschauer eine Deckungslücke von etwa 500.000 Euro. „Wir haben das als Investition angesehen“, sagt Peter-Michael Reichel. Anfang des Jahres scheint sich diese auszuzahlen. Drei neue Großsponsoren stehen bereit, die Verträge sind unterschriftsreif. Dann kommt Corona – aber auch die Zusage der Unternehmen, nun 2021 einsteigen zu wollen. Auch 10.000 Eintrittskarten sind schon verkauft. Die gelten aus organisatorischen Gründen nun nicht für den neuen Termin, sondern auf Wunsch der Käufer fürs nächste Jahr. Andernfalls wird das Geld zurückgezahlt.

Bilder vom renovierten Rothenbaum:

Die ATP macht den Reichels Ende Juni zwei neue Terminvorschläge: In der Woche nach den French Open vom 12. Oktober an oder vom 26. Oktober an anstelle des Turniers in Basel, das die Organisatoren wegen fehlender Zuschauereinnahmen, auf die sie in großem Maße angewiesen sind, ausfallen lassen müssen. Ein Datum im Oktober, das weiß Sandra Reichel aus ihren Wetterstudien, bedeutet für Hamburg den Umzug vom Rothenbaum in eine Halle. Sie schaut sich die Sporthalle Hamburg in Winterhude an, die Messehallen am Fernsehturm und die edel-optics.de Arena in Wilhelmsburg, die Spielstätte der Basketballer der Hamburg Towers. Ihr Urteil: entweder zu teuer oder zu klein. Die große Barclaycard Arena am Volkspark wäre als Austragungsstätte ebenfalls kaum finanzierbar.

„Wir wollten das Turnier unbedingt noch in diesem Jahr austragen, aber es sollte schon der Rothenbaum sein, der nun gerade für zehn Millionen Euro modernisiert worden war und jetzt eines der schönsten Tennisstadien der Welt ist. Alles andere wäre fast einem Verrat gleichgekommen. Auch deshalb haben wir die Hallenpläne schnell verworfen“, sagt Sandra Reichel. Gespräche mit der Stadt, mit dem Sportamt, mit Staatsrat Christoph Holstein (SPD) sowie mit dem Unternehmer (ECE) und Sportmäzen Alexander Otto, der mit acht Millionen Euro maßgeblich zur Renovierung der Arena beigetragen hat, bestärken die Reichels in ihrer Meinung. „Aufzugeben kam uns nicht in den Sinn. Dazu ist viel zu viel Herzblut dabei“, sagt Sandra Reichel rückblickend, auch wenn es Phasen gibt, in der es großen Durchhaltewillens bedurfte. „Sie brauchten in dieser Zeit schon hin und wieder Unterstützung und Zuspruch“, erinnert sich Holstein.

Die Lösung naht Ende Juli. Dem Masters in Madrid, das vom 14. bis 20. September in die Woche nach den US Open verschoben worden war, droht wegen dramatisch steigender Neuinfektionen in Spanien die Absage. Am 4. August kommt sie. Hamburg steht als Alternative sofort bereit, die ATP stimmt zu. Einzige Änderung: Das Masters in Rom rückt in die Madrid-Woche, Hamburg auf den bisherigen Rom-Termin.

Preisgeld wird von 1,855 auf 1,113 Millionen Euro reduziert

Bleibt die Zuschauerfrage zu klären. Am 31. August um 11.30 Uhr versammeln sich im Rathaus Sport-, Gesundheitsbehörde und das Bezirksamt Eimsbüttel. Sandra Reichel präsentiert ihre Varianten: 1000, 2300, 3150 oder 4000 Besucher am Tag. Das modernisierte Stadion bietet 10.000 Zuschauern Platz, vorher waren es 13.200. Die Runde einigt sich schnell auf 2300, das professionelle Hygienekonzept überzeugt alle. Bloß Peter-Michael Reichel scheint unzufrieden, simst aus der Schweiz: „Nur 2300? Das kann ja wohl nicht wahr sein!“

Inzwischen hat auch er diese Zahl akzeptiert – und den Turnieretat mit seiner Tochter neu kalkuliert. Statt 5,5 Millionen wie im vergangenen Jahr summieren sich die Kosten diesmal auf rund 3,7 Millionen Euro. Die Reduzierung des Preisgeldes um 40 Prozent von 1,855 auf 1,113 Millionen Euro, ein Vorschlag der ATP, weil ein Großteil der Zuschauereinnahmen wegfällt, hilft dabei. Zudem überweist die ATP einmalig 100.000 Dollar (84.500 Euro). Der Hamburger Senat hält seine Unterstützung aufrecht, zahlt über den lange zugesagten Turnierzuschuss von einer halben Million hinaus weitere 200.000 Euro für coronabedingte Zusatzmaßnahmen. Sollte die Stadt einen zweiten Nothilfefonds Sport auflegen, der erste lief zur Jahresmitte aus, dürften die Reichels im Bedarfsfall mit weiteren Mitteln rechnen. Alexander Otto stellt dazu einen mittleren sechsstelligen Betrag bereit. „Wir hoffen jetzt auf eine schwarze Null“, sagt Peter-Michael Reichel.

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Einen Wunsch kann er der ATP dennoch nicht erfüllen, die Aufstockung des Teilnehmerfeldes von 32 auf 56 oder 64 Spieler. „Bei allem Verständnis für die Nöte der Profis, denen die Turniere fehlen, das war in diesem Jahr beim besten Willen nicht von uns zu leisten.“