Boxen

Hafen-Basti: Traumreise von Hamburg nach Los Angeles

Hafen-Basti: Sebastian Formella nach dem Sieg über Thulani Mbenge mit dem Gürtel des IBO-Weltmeisters.

Hafen-Basti: Sebastian Formella nach dem Sieg über Thulani Mbenge mit dem Gürtel des IBO-Weltmeisters.

Foto: Witters

HHLA-Arbeiter und Profiboxer Sebastian Formella krönt seine Karriere mit einem Kampf gegen US-Superstar Shawn Porter.

Hamburg. Das Schlimmste, was passieren könnte, sagt Sebastian Formella, wäre ein Knock-out in der ersten Runde. Der kann zwar immer passieren im Profiboxen, wo jeder Kampf in jeder Sekunde vorbei sein kann, weil es nur einen kurzen Moment der Unachtsamkeit braucht, um diesen einen Schlag des Gegners zu übersehen, der alles entscheidet. „Aber wenn mir das in der ersten Runde passieren würde, wäre das richtig bitter. Zwölf Wochen harte Arbeit, der ganze Aufwand, mein großer Traum – so darf es nicht enden.“

Dass es so endet, wenn Formella an diesem Sonntagmorgen (ca. 2 Uhr MESZ) im Microsoft Theater in Los Angeles in den Ring steigt, damit rechnen viele. Schließlich zählt der Mann, der dem 33 Jahre alten Weltergewichtler vom Hamburger Profistall EC Boxing gegenüberstehen wird, zu den Superstars des Gewichtslimits bis 66,678 Kilogramm. Der US-Amerikaner Shawn Porter (32) war Weltmeister der Verbände WBC und IBF, und auch wenn er drei seiner 34 Profikämpfe verloren hat, ist er mit allen Topleuten, die das Weltergewicht zu bieten hat, in bisweilen brutalen Ringschlachten über die Runden gegangen. „Wir brauchen gar nicht darum herumzureden, dass ich krasser Außenseiter bin“, sagt Sebastian Formella.

Nervös macht ihn das nicht. Er kennt sie ja, diese Rolle. Dass er es jemals so weit bringen würde, gegen einen Mann vom Kaliber Porters im gelobten Box-Land USA antreten zu können, hat ihm niemand zugetraut, nicht einmal er selbst. „Ich habe mir über so etwas überhaupt keine Gedanken gemacht. Nicht als Kind, nicht als Amateur, noch nicht einmal, als ich Profi wurde“, sagt er. „Ich wollte einfach so gut werden wie möglich.“ Auch Erol Ceylan, Chef des EC-Stalls und seit Februar 2017 Formellas Promoter, sagt: „Ich wusste, dass er ein Guter ist. Aber dass wir mal gemeinsam in den USA so einen Kampf machen würden, hätte ich nicht gedacht.“

Sebastian Formella hat Träume durch Arbeit ersetzt

Viele, die das Berufsboxen als Lebensunterhalt wählen, träumen groß und fallen tief. Sebastian Formella ist, seit er 2014 Profi wurde, einen anderen Weg gegangen. Er hat Träume durch Arbeit ersetzt, hat die kleinen Schritte den großen Sprüngen vorgezogen, hat in den Anfangsjahren, in denen er keinen Promoter hatte und seine Kämpfe selbst organisieren musste, Geld in seine Karriere investiert, anstatt es mit ihr zu verdienen. Und ist deshalb, obwohl nun die beste Kampfbörse seines Lebens auf sein Konto fließt, mit beiden Beinen fest auf dem Boden geblieben. „Ich weiß, woher ich komme und was nötig war, um bis hierher zu kommen“, sagt er. „Es gibt keinen Grund, durchzudrehen.“

Sebastian Formella, dessen Eltern Renata (54) und Zdzislaw (59) aus Polen stammen, war in der Jugend Kunstturner beim TV Fischbek, gewann 49 Medaillen, ehe er als 14-Jähriger zum Boxen wechselte. Sein Bewegungstalent im Ring war schon damals zu sehen, die Beinarbeit hervorragend, die Hände schnell. Siege im Ring feierte er mit Handstandüberschlag aus dem Stand. Zu internationalen Meriten reichte es in knapp 150 Amateurkämpfen allerdings nicht, auch weil der 1,74 Meter große Rechtsausleger (Führhand rechts, Schlaghand links) sein Leben nicht dem Sport unterordnete – und dies bis heute nicht tut.

Im Hauptberuf arbeitet Formella als Brückenfahrer im Hamburger Hafen

Im Hauptberuf, der für einen Profiboxer in aller Regel das Boxen ist, arbeitet Formella als Brückenfahrer für die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA). In Vollzeit, Acht-Stunden-Schichten, stets konzentriert auf die nicht selten millionenschwere Ladung in den Containern, die er an seinem Kran in mehr als 40 Metern Höhe über dem Burchardkai balanciert. Er liebt diesen Job, der ihm seinen Kampfnamen „Hafen-Basti“ eingebracht hat. Weil er, wie das Boxen, Aufmerksamkeit in jeder Sekunde erfordert. Und weil die Kolleginnen und Kollegen im Hafen wie eine Familie sind, die ihm bedingungslos den Rücken stärkt. Wer die Atmosphäre kennt, die bei Heimkämpfen in Hamburg herrscht, wenn Formella in den Ring marschiert, der kann ermessen, dass das Wort „Publikumsliebling“ manchmal nur unzureichend beschreibt, wie eng die Beziehung zwischen Fans und Sportlern sein kann.

Ob er ein besserer Boxer geworden wäre ohne die Doppelbelastung? Erol Ceylan ist davon überzeugt. „Er ist ein toller Typ, kommt beim Publikum gut an und wäre noch stärker, wenn er sich aufs Boxen konzentriert hätte.“ Formellas Manager Steffen Soltau, der in Kalifornien das vierköpfige Team komplettiert, sieht das anders. „Basti braucht diese Action. Für ihn ist der Job Ausgleich zum Sport. Ihm tut das gut“, sagt er. Und Formella? Hat sich bewusst für diesen Weg entschieden und ihn nie bereut.

In seinem zweiten Auslandskampf – 2017 bestritt er einen Vierrunder auf einer unbedeutenden Veranstaltung im schwedischen Malmö – wird Formella auf die Unterstützung von Fans und Familie verzichten müssen, die stattdessen eine Kneipe in Eißendorf gemietet haben, um den Kampf gemeinsam im Live­stream auf ranfighting.de (9,99 Euro Gebühr) zu schauen. Zuschauer sind im Microsoft Theater nicht zugelassen, und sie hätten auch gar nicht kommen dürfen. Weil die USA Personen, die sich innerhalb eines Zeitraums von 14 Tagen in einem Schengenstaat aufgehalten haben, nicht einreisen lassen, absolvierten Formella und sein Coach Mark Haupt zwei Wochen Vorbereitung in der Türkei, ehe es Anfang August nach Übersee ging.

Formella ist in den USA nicht hoch angesehen

Dass sein Vater, der den Großteil seiner Kämpfe privat gefilmt und ein umfangreiches Archiv dazu angelegt hat, nicht dabei sein kann, schmerzt Formella ebenso wie das Fehlen seines besten Kumpels Peter Cwielong, der bislang in all seinen 22 Profifights in der Ecke dabei war. „Natürlich hätte ich mir andere Umstände für mein US-Debüt gewünscht. Aber ich bin 33. Ob so eine Chance noch einmal wiedergekommen wäre, weiß man nicht. Also mache ich das Beste draus“, sagt er.

Was das Beste sein kann, darüber gehen die Meinungen auseinander. Formella ist, seit er im Juli vergangenen Jahres den Südafrikaner Thulani Mbenge besiegte, Weltmeister der IBO. Doch weil diese nicht zu den bedeutenden vier Weltverbänden zählt, hat der Titel eher ideellen Wert. Porter interessiert sich so wenig dafür, dass der Gürtel am Sonntag nicht auf dem Spiel steht. Er braucht einen überzeugenden Aufbaukampf, um schnellstmöglich den Rückkampf gegen WBC-Champion Errol Spence Jr. (30/USA) zu bestreiten, dem er im September 2019 umstritten nach Punkten unterlegen war. Der Sieger vom Sonntag soll diese Chance bekommen.

Wie gering Formellas Ansehen in den USA ist, unterstreicht die Einschätzung des Fachportals „Fighthype“, das feststellte: „Aufgrund der obskuren und unterklassigen Gegner, die Formella bislang besiegt hat, ist es ein Wunder, dass er in den Top 15 der Weltrangliste geführt wird.“ Porter sprach in diversen Interviews über die großen Kämpfe, die nach dem Sieg über den unbekannten Deutschen warten würden. „Ich sehe wirklich keinen Weg, wie dieser Kampf über die Runden gehen sollte“, sagte er.

Er ist gern der Underdog

Erol Ceylan wehrt sich gegen den Vorwurf, er würde seinen Mann nur zum Abkassieren in die USA schicken. „Wir haben einen hohen finanziellen Aufwand, Basti hat zwölf Wochen trainiert. Wir kommen mit Sicherheit nicht zum Verlieren“, sagt er. Dass deutsche Boxer, auch manche von Ceylan vermarktete, im Ausland zuletzt oft Kanonenfutter waren, ist zwar Fakt. „Aber genau das müssen wir lernen: dass wir uns zutrauen, auch im Ausland zu gewinnen“, sagt Ceylan. „Basti ist einer, der sich das zutraut. Und ich traue es ihm auch zu.“

Sebastian Formella freut sich über solcherlei Wertschätzung ebenso wie über die Geringschätzung der Amerikaner. Er ist gern der Underdog, der nichts zu verlieren hat. Zwar gab es aufgrund der Corona-Richtlinien bislang noch kein persönliches Aufeinandertreffen mit Porter; erst beim Wiegen, das am Freitag nach Redaktionsschluss stattfand, sollten sich die Kontrahenten erstmals in die Augen schauen. Aber er weiß, dass sein Rivale ihn nicht ernst nehmen wird. „Und das ist meine Chance. Weil er nicht weiß, was ihn erwartet.“

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An diese Chance glaubt Sebastian Formella. Natürlich wird es ihm kaum gelingen, nach Punkten zu gewinnen im Wohnzimmer des Superstars. Und dass er ihn ausknocken kann, ist bei nur zehn vorzeitigen Siegen in seiner makellosen Kampfbilanz fast auszuschließen.

„Aber ich kann ihm das Leben schwer machen, weil ich beweglicher bin. Ich werde nicht mit ihm mitschlagen, dann überrollt er mich. Aber ich werde mich auch nicht verstecken. Ich will alles zeigen, was ich kann“, sagt er. Gelingt ihm das, braucht es keinen Sieg, um Gewinner zu sein. Was aber wäre, wenn er es tatsächlich schafft? Wenn nicht er den Ring als Verlierer verlässt, sondern Shawn Porter? „Ich weiß es nicht“, sagt Sebastian Formella, „damit habe ich mich nicht beschäftigt.“ Seinen Job im Hafen wird er nicht aufgeben, die Bodenhaftung nicht verlieren. Sollten weitere große Kämpfe möglich sein, wird er sie machen. Wenn nicht, wird er trotzdem ein glücklicher Mensch sein.