Hamburg

Nonstop um die Welt segeln: Herrmanns Weg zur Vendée Globe

Skipper Boris Herrmann  auf der „Seaexplorer“.

Skipper Boris Herrmann auf der „Seaexplorer“.

Foto: Team Malizia

Solosegler Boris Herrmann hat die Generalprobe zur geplanten Weltumseglung trotz eines Bruchs an Bord erfolgreich beendet.

Hamburg. Der erst seit Kurzem leicht ergraute Elf-Tage-Bart wirkt im Scheinwerferlicht etwas struppig. Die Haare sind zerzaust, das Gesicht von der Erschöpfung gezeichnet. Doch Boris Herrmanns ozeanblaue Augen funkeln trotzdem glücklich, als er am frühen Mittwochmorgen in bretonischen Gewässern die Ziellinie des neuen Nordatlantik-Rennens kreuzt. Hinter ihm liegen ein 3300-Seemeilen-Rennen (6100 Kilometer), ein Höhenflug zum Auftakt, das technische Beinahe-Aus, ein Reparatur-Coup, das sehenswerte Comeback und der zehrende Endspurt.

Knapp 250 Stunden höchster Konzen­tration, unterbrochen nur von wenigen zehn- bis 20-minütigen Schlafpausen, stecken dem 39 Jahre alten Skipper der „Seaexplorer – Yacht Club de Monaco“ in den Knochen. Seine Zeit: Zehn Tage, neun Stunden, 42 Minuten und 54 Sekunden. Der Lohn für den Soloeinsatz: Platz sieben bei der Premiere der Regatta Vendée-Arctique.

Vendée Globe: Königsrennen der weltbesten Einhandsegler

Die im segelaffinen Frankreich geborene Langstrecke führte den Atlantik hinauf nach Island und zurück in den bretonischen Start- und Zielhafen Les Sables-d’Olonne. Vier Frauen und 16 Männer hatten die Herausforderung angenommen, drei mussten aufgeben. Der Franzose Jérémie Beyou auf „Charal“ siegte vor seinen Landsleuten Charlie Dalin auf „Apivia“ und Thomas Ruyant auf „LinkedOut“. Als erfolgreichste Frau segelte die Britin Samantha Davies auf Platz vier.

Sie alle eint ein Ziel: der Gipfelsturm in der Vendée Globe. Die Nonstop-Weltumseglung ist das Königsrennen, das die weltbesten Einhandsegler trotz Ausfallquoten von bis zu 50 Prozent alle vier Jahre magisch anzieht. Die neunte Auflage der gut zwei Monate währenden erbarmungslosen Hatz durch die Weltmeere startet am 8. November und gilt als Mount Everest für Segelsolisten. Neben dem America’s Cup, The Ocean Race und Olympia zählt dieser Meeresmarathon zu den „Großen Vier“ des Segelsports.

Herrmann will erster deutscher Starter werden

Mit Boris Herrmann will erstmals in der 31-jährigen Renngeschichte ein deutscher Starter dabei sein. Eine seiner Motivationen: „Rund 8000 Menschen haben den Mount Everest bezwungen. Etwa 500 waren im All. Aber nur rund 100 haben die Welt alleine und nonstop segelnd bezwungen. Ich will einer von ihnen werden.“

Herrmanns eigene Wassersportwiege ist das ostfriesische Wattenmeer, sein Arbeitsplatz sind die Weltmeere. Seine Segelleidenschaft hat der gebürtige Oldenburger als kleiner Junge an der Seite des Vaters entdeckt. Im Teenageralter kam die Wettkampflust dazu. „Das Segeln“, sagt Herrmann, „hat mir eine starke Beziehung zur Natur und Selbstvertrauen geschenkt.“

Seit dem Thunberg-Törn ist Herrmann bekannter

Dreimal schon hat er die Welt umrundet, aber noch nie alleine. Als der Deutsche im vergangenen Jahr ein Zeichen im Kampf gegen den Klimawandel setzte und die schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg gemeinsam mit Wegbegleiter Pierre Casiraghi über den Atlantik nach New York brachte, berichteten Medien in aller Welt.

„Es ist bemerkenswert, dass unsere Geschichte so symbolträchtig und historisch wahrgenommen wurde“, sagt er heute. Herrmanns internationaler Bekanntheitsgrad ist seitdem stark gestiegen, das lange vor dem Thunberg-Törn gelebte Umweltbewusstsein in Herrmanns Team Malizia geblieben. Das gilt sowohl für das Kinder- und Jugend-Ausbildungsprogramm „My Ocean Challenge“ als auch für die Sammlung von Messdaten während der Regatten in Revieren, in die andere nicht leicht kommen. Herrmann erklärt: „Wir werden mit dem Vendée-Projekt die erste zusammenhängende CO2-Messreihe um die Welt liefern. Das hat es noch nie gegeben.“

Herrmann zählt zum erweiterten Vendée-Favoritenkreis

Das gerade beendete Nordatlantikrennen hat Herrmann im regattaarmen Corona-Jahr wie die Konkurrenz als letzten großen Test vor dem Beginn des Königsrennens genutzt. Die Chance, die traditionelle Einhand-Dominanz der Franzosen zu erschüttern, konnte er bei diesem Vorspiel trotz des imposanten Geschwindigkeitspotenzials seiner Yacht noch nicht in einen Podiumsplatz umsetzen. Aber er war nah dran. Mit guten Allroundfähigkeiten und McGyver-Blitzreparatur-Qualitäten hat er sich in den erweiterten Vendée-Favoritenkreis katapultiert.

Kurz nach der Halbzeit der Nordatlantik-Prüfung hatte Herrmann die Flotte der gut 18 Meter langen Imoca-Yachten einen Tag lang angeführt. Dann aber brach an Tag acht das Schloss der Großsegelaufhängung, in das der Großsegelkopf nach dem Hochziehen einrastet, um die Lasten von bis zu zehn Tonnen aufs Rigg zu verteilen. Völlig unerwartet rauschte das 152 Quadratmeter riesige Großsegel herab. Ein Schock. Nach zehnstündiger Reparatur auf See konnte Herrmann sein Großsegel nur noch verkleinert mit zwei Reffs fahren. Weshalb er in leichteren Winden nicht mehr so viel Gas geben konnte wie die Konkurrenz, den Gegnern aber in stärkeren Winden Paroli bot. Herrmanns Topspeed: mehr als 34 Knoten (63 km/h)! Oft war er der Schnellste der Flotte.

Vier Monate bleiben für die Bootsoptimierung

Diese Erkenntnis motiviert ihn auf der Zielgeraden zur Vendée Globe. Den Bruch, der ihn um die mögliche Top-Drei-Platzierung gebracht hat, bezeichnet Herrmann als Weckruf: „Es ist gut, dass es jetzt passiert ist. Es wäre mein schlimmster Albtraum, wenn das bei der Vendée Globe passieren würde. Diese Schwachstelle können wir jetzt beheben.“

Vier Monate bleiben für die Bootsoptimierung, bevor der Vendée-Startschuss im Herbst vor Les Sables-d’Olonne fällt. Herrmann und sein Team Malizia, das vom Logistikunternehmen Kühne + Nagel im aktiven Kampf gegen den Klimawandel unterstützt wird, dürfen nach dem Testlauf selbstbewusst sein. Der Skipper sagt: „Wenn das Vendée morgen beginnen würde: ich wäre bereit.“

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In der Bretagne wird das Boot wieder neu präpariert

Aktuell aber freuen sich Ehefrau Birte, die am 13. Juni geborene gemeinsame Tochter Marie-Louise und Familienhund Lilly darüber, dass Boris Herrmann nach rekordverdächtiger Heimfahrt aus der Bretagne schon am Donnerstag wieder zu Hause in der Hamburger HafenCity angekommen ist. Dort darf er dreieinhalb Wochen lang sein vorher nur zwei Tage erlebtes Vaterglück genießen.

Im französischen Lorient versetzt zeitgleich die Landmannschaft das Boot wieder in Optimalzustand. Dirigiert wird das Team dabei aus Herrmanns Hauptquartier in der HafenCity vom Skipper selbst. Bis zum Vendée-Start stehen noch vier Trainingsblöcke und eine 500-Seemeilen-Regatta in Frankreich an. Boris Herrmann wird weiter zwischen zwei Welten pendeln: dem Heimathafen Hamburg und der bretonischen Wiege des Solosegelns am Atlantik.