Segeln

„Hamburg hat das schönste Stadion – die Alster!“

Seit 1932 ist die Schöne Aussicht 37 die Heimat des Norddeutschen Regatta Vereins. Zwischen April und Oktober finden normalerweise so gut wie an jedem Wochenende Regatten statt.

Seit 1932 ist die Schöne Aussicht 37 die Heimat des Norddeutschen Regatta Vereins. Zwischen April und Oktober finden normalerweise so gut wie an jedem Wochenende Regatten statt.

Foto: Sven Jürgensen / NRV

Hausbesuch beim Norddeutschen Regatta Verein: Der Segelclub will sich neu aufstellen – und sein elitäres Image loswerden.

Hamburg.  Tobias König sitzt im sonnendurchfluteten Clubhaus, nur ein paar Meter entfernt von der friedlich dahinplätschernden Alster. Doch statt die grandiose Aussicht zu genießen, lässt der 57-Jährige seine Gedanken in die vergangenen Monate schweifen und bleibt am 20. Februar hängen. Wenige Tage nach den Weltmeisterschaften in Australien feierte der Norddeutsche Regatta Verein (NRV) an der Schönen Aussicht 37 seine Medaillengewinner vom „NRV Olympic Team“ mit einem großen Empfang. Mitglieder, Freunde, Familie, selbst Senator Andy Grote – alle gratulierten.

Während der gebürtige Allgäuer Philipp Buhl (30) sensationell den WM-Titel im Laser Standard gewinnen konnte, sicherten sich Erik Heil (30, Berlin) und Thomas Plößel (32, Oldenburg) die Bronzemedaille im 49er. Doch das sollte erst der Anfang sein. Dachten alle.

„Auch 2019 war schon ein super Jahr, es hat gebrummt ohne Ende“, sagt König, der im März 2019 das Amt des Vorsitzenden beim NRV von Andreas Christiansen übernommen hatte. „Wir haben den Hafenausbau finanziert und fertiggestellt, neue Boote bestellt und in 2020 so viele Events wie noch nie geplant.“ Und natürlich ging der Fokus im Leistungssport Richtung Olympische Spiele im Sommer in Tokio. Der NRV stellt alle Athleten aus dem Hamburger Kader, gut die Hälfte der Segel-Nationalmannschaft.

NRV – Unternehmen mit Millionenumsatz

Dann kam Corona. Die Welt sah auch im NRV plötzlich ganz anders aus – und für den ehrenamtlich arbeitenden König ging die Arbeit erst so richtig los. Innerhalb kürzester Zeit verlegte der 1868 gegründete Verein seine Aktivitäten für seine über 2000 Mitglieder in die digitale Welt. Zweimal täglich konnten sich Jugendliche auf YouTube im „NRV Sportstudio“ fit halten, regelmäßig wurden Gäste im „NRV Treffpunkt“ begrüßt. Über den Anbieter Virtual Regatta konnten sich die Mitglieder online im eSailing messen. Es zahlte sich aus, dass der Vorstand 2019 auch das Thema Digitalisierung vorangetrieben hatte.

Das Krisenmanagement umfasste aber schwerpunktmäßig auch eine neue Budgetplanung. Der Norddeutsche Regatta Verein ist nicht nur einer der ältesten und größten deutschen Segelclubs, sondern auch längst zu einem mittelständischen Unternehmen gewachsen mit einem Umsatz von mehreren Millionen Euro. Der Club beschäftigt elf Festangestellte, die von über 180 (!) ehrenamtlichen Helfern aktiv unterstützt werden.

Eine Säule des Geschäftsbetriebs sind Veranstaltungen in den Räumen des 2014 nach einem Brand neu gebauten Clubhauses. Hochzeiten, Empfänge, Vertriebstagungen, Segelevents – alles abgesagt, was der NRV-Ökonomie bisher schon einen sechsstelligen Verlust bescherte. Und ein Ende der Einnahmeverluste ist nicht in Sicht, auch wenn das den Mitgliedern vorbehaltene Restaurant wieder geöffnet hat.

Noch schmerzhafter trifft den NRV der Wegfall der Wettfahrten als wichtige Einnahmequelle. Ab April bis Oktober gibt es praktisch an jedem Wochenende Wettkämpfe. Das Problem: Um die Gemeinnützigkeit nicht zu gefährden, darf der Club normalerweise keine Mitgliederbeiträge umleiten, um Etatlöcher zu stopfen. 2020 ist dies jedoch angesichts der Ausnahmesituation erlaubt.

Auch um diese Themen ging es in dieser Woche, als der Vorstand interessierte Mitglieder in Videokonferenzen über die finanzielle Situation informierte und mit ihnen über unangenehme Maßnahmen wie eine Corona-Umlage und eine Beitragserhöhung diskutierte.

Derzeit prüft der Verein Optionen, ob und wie eine Mitgliederversammlung unter den gegebenen Umständen durchgeführt werden kann, zum Beispiel in einer Sporthalle oder im CCH. Bei einer virtuellen Mitgliederversammlung hingegen würde die Clubführung ein Quorum von 50 Prozent benötigen, um die Finanzplanungen und vor allem neue Projekte auch angehen zu können – und davon, das wird sehr schnell deutlich beim „Hausbesuch“ des Abendblatts, gibt es eine ganz Menge.

NRV schreibt sich Inklusion auf die Fahnen

Um den Segelsport näher an die Menschen zu bringen, will der NRV in der Bundesliga und auch zum Beispiel beim in den Oktober verlegten Helga-Cup, der größten reinen Frauen-Regatta weltweit, ein Broadcasting-Angebot mit Livestream einführen. Dabei könnten unter anderem Kameras an Bord und Drohnen für mehr Spannung bei den Wettbewerben sorgen. Um mehr Zuschauer anzulocken, wäre der Bau von schwimmenden Tribünen eine schöne Idee, die an anderen Wasserstrecken weltweit bereits umgesetzt wird, vor allem bei Rudern. Diese ist aber noch weit entfernt von der Umsetzung.

„Wir haben hier in Hamburg das schönste Stadion: die Alster“, schwärmt König. „Dem Senat ist es bekanntlich wichtig, mit sportlichen Veranstaltungen von überregionaler Strahlkraft ein positives Image von Hamburg zu transportieren. Bei diesem Vorhaben wollen wir gerne mitwirken.“

Dass die seit einem Unfall querschnittsgelähmte frühere Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel beim Helga-Cup als Schirmherrin fungiert, ist auch kein Zufall. Alle Menschen zusammen segeln zu lassen, ist ein zentrales Ziel, das in dem zehnseitigen Konzept des NRV mit dem Titel „Verantwortung für Morgen“ niedergeschrieben ist. Darin heißt es, dass der NRV ein Leuchtturm sein will hinsichtlich Inklusion und Integration: „Segeln soll für alle möglich sein, ob mit Behinderung oder ohne, ob mit körperlichen Einschränkungen oder ohne, ob jung, alt, ob Frau, ob Mann.“

Inklusive WM im Oktober geplant

Und das Thema „Inklusives Segeln“ hat mächtig Fahrt aufgenommen. Mit anderen Segelclubs hat sich der NRV auf einen Bootstyp geeinigt, um bei Regatten eine gewisse Chancengleichheit herzustellen und auch bereits vier Boote angeschafft für rund 35.000 Euro. Dass die Stege barrierefrei umgebaut werden, versteht sich von selbst. Insgesamt besitzt der Verein 80 Boote, die den Mitgliedern zur Verfügung gestellt werden.

Wie ernst es der NRV meint, lässt sich am Vorschlag erkennen, Inklusions-Weltmeisterschaften mit diversen Sportarten auszutragen. „Wir planen im Oktober eine inklusive Segel-WM durchzuführen“, sagt Sven Jürgensen, der als Delegierter des Vorstands das Eventmanagement und das Thema Inklusion verantwortet. „Stellen Sie sich vor, wie cool das wäre, wenn beispielsweise ein Vater mit seiner Tochter, die am Downsyndrom leidet, lossegeln kann.“

Auch mit Segeln für Blinde hat sich der Verein schon beschäftigt. Wie schwer es aber ist, starre Strukturen und starres Denken im Inklusionssport zu knacken, gehört indes zu den unliebsamen Erfahrungen.

NRV bietet zusätzliche Kurse für Schüler

Ein zweites großes Thema ist die Nachhaltigkeit. Den kompletten Verkehr der Motorboote auf der Alster auf E-Mobilität umzurüsten, ist ein erklärtes Ziel des NRV. 75 diverse Motor-Genehmigungen (inklusive der weißen Alsterflotte) liegen vor, nach Einschätzung des NRV kämen im ersten Schritt 45 Boote für einen Verzicht auf einen Verbrennungsmotor infrage. Der Verein selbst erwartet in den kommenden Wochen die Ankunft des ersten E-Boots – sukzessive sollen alle vier Trainerboote mit E-Motoren ausgestattet sein. Welche Fortschritte der Wasserverkehr auf Dauer beim Thema Nachhaltigkeit machen kann, ist Thema der Klima-Tage 2021, die der NRV als Auftakt für regelmäßige Events dieser Art sieht.

Wer in diesen Tagen am NRV-Clubhaus vorbeikommt, wundert sich über die vielen Kinder und Jugendlichen. Derzeit ist nach den aktuellen Hygiene- und Abstandsregelungen zwar nur Segeln für maximal zwei Personen erlaubt (oder Personen eines Haushalts), doch weil der Schulunterricht zuletzt so häufig ausgefallen ist, bietet der NRV jeden Tag zwischen 10 und 20 Uhr Kurse an. 160 Kinder und Jugendliche können zurzeit betreut werden, auch für Einsteiger zu Schnupperpreisen (130 Euro pro Trimester). Um die Hygiene zu gewährleisten, wurden 100 Schwimmwesten gekauft.

Ein erhoffter Nebeneffekt der gezielten Nachwuchsarbeit: Nach den Kindern sollen auch die Eltern zum Segelsport animiert werden, auch wenn eine Mitgliedschaft der Erwachsenen ausdrücklich keine Bedingung ist. „Uns fehlen Mitglieder in der Altersspanne 30 bis 50 Jahre“, sagt König. „Wir müssen Anreize schaffen für moderne Menschen. Aufgrund unserer Altersstruktur benötigen wir im Jahr 50 bis 100 Neueintritte.“

Kooperation mit Towers und St. Pauli

Dass dies kein Automatismus ist, macht der selbstständige Schiffskaufmann auch sofort deutlich: „Wir konkurrieren um die Zeit des Menschen, haben immer mehr Wettbewerb.“ Um mit dem noch weit verbreiteten Image, der NRV sei der elitärste Verein überhaupt, aufzuräumen, hat der Verein längst Kontakt zu Clubs anderer Sportarten aufgenommen wie den Hamburg Towers. Den Kindern und Jugendlichen des Basketballclubs sollen Segelkurse mit Optimisten angeboten werden. Auch eine Kontaktaufnahme mit der Segelabteilung des FC St. Pauli ist längst erfolgt. „Wir sehen uns weltoffen“, betont König.

Selbstverständlich liegt der Fokus aber auch auf der Förderung und Weiterentwicklung des Leistungssports. Weiter soll das NRV Olympic Team mit einem sechsstelligen Betrag unterstützt werden, mit dem Bereitstellen von Booten oder Material. „Das läuft, aber wir wissen ehrlich gesagt nicht, wofür“, räumt König ein. Die Situation sei schwierig, schließlich stehe ja noch nicht einmal fest, ob die Spiele 2021 überhaupt stattfinden können.

NRV will auch Windsurfen fördern

Der Deutsche Segler-Verband hat einige Athleten aus den Förderprogrammen genommen, olympische Karrieren stehen auf dem Spiel. Außerdem stehen Veränderungen an. Einige Bootsklassen wird es bei Olympia in Paris nicht mehr geben. Zudem dürfen dann Frauen und Männer gemeinsam segeln.

Weltmeister Buhl, erzählt König, arbeitet an der Athletik, an Grundfähigkeiten, probiert auch einmal andere Bootsklassen aus. Die Mitglieder des Olympic Teams trainieren derzeit im Olympiastützpunkt in Dulsberg und in Kiel. „Sie halten sich so einigermaßen über Wasser. Aber das ist wie beim Fußball. Wenn du da drei Monate nicht gespielt hast, musst du im Prinzip wieder neu anfangen, bist aus dem Modus raus.“

Lesen Sie auch:

Dass der NRV in Zukunft auch als Hotspot der olympischen Surfszene auftreten will, ist ein weiteres Thema von vielen. Wenn denn alles, wie vor Corona, bald wieder vollumfänglich möglich ist. Der NRV ist jedenfalls bereit.