Zukunft nach Corona

Soziologe: Coronakrise ist auch eine Chance für den Sport

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Rainer Grünberg
Sportanlagen wie die Jahnkampfbahn im Hamburger Stadtpark sind derzeit geschlossen.

Sportanlagen wie die Jahnkampfbahn im Hamburger Stadtpark sind derzeit geschlossen.

Foto: WITTERS/Tim Groothuis

Prof. Hans-Jürgen Schulke über die Lehren aus der Pandemie, Konsequenzen für die Sportwelt und ein bewussteres gesundes Leben.

Hamburg. Kontaktsperren, gesperrte Plätze, geschlossene Hallen, die Bewegungsmöglichkeiten der Bevölkerung sind derzeit massiv eingeschränkt. Das sei ein Fehler, sagt der Reinbeker Sportsoziologe Prof. Hans-Jürgen Schulke (74), der ehemalige Direktor des Hamburger Sportamtes, im Gespräch mit dem Abendblatt.

Sportvereine könnten jetzt und in Zukunft einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsprävention leisten und die dramatischen Folgen einer Pandemie abmildern helfen.

Hamburger Abendblatt: Herr Prof. Schulke, lassen Sie uns ein paar Wochen, vielleicht ein paar Monate vorausblicken. Wie wird die Sportwelt nach der Coronaviruspandemie aussehen?

Prof. Hans-Jürgen Schulke: Zukunftsforschung nach Corona hat ja Konjunktur, Sport taucht dabei aber kaum auf. Die Einschränkungen der Pandemie hat die Sportwelt komplett getroffen: Großveranstaltungen, Profisport, Vereins- und Schulsport, Bewegungskindergärten. Formen und Strukturen des Sports sind unterbrochen. Olympia, das größte Fest der Welt, wird dieses Jahr nicht gefeiert. Wert und Weiterentwicklung des Sports sind neu zu bestimmen.

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Was könnte sich dadurch in der künftigen Wahrnehmung des Sports ändern?

Schulke: Vorrangig wird derzeit der Spitzensport diskutiert. Es kann sein, dass es nach Ende der Krise, von Medien und Akteuren der Unterhaltungsindustrie forciert, über kurz oder lang wieder „Business as usual“ gibt. Wahrscheinlicher ist, dass Menschen die Krise wie die Erfahrung der Entschleunigung des Alltags, die erlebte Solidarität reflektieren. Auch ihre Finanzen. Künftig mehr zu Veranstaltungen in ihren Stadtteilen oder ihrem Quartierverein gehen, Kinder mehr zu deren Sportterminen begleiten. Es besteht die Chance zur Rückbesinnung auf die Idee des Sports als bewegendes soziales Miteinander mit mehr Bescheidenheit, Fairness, Respekt vor Spielern und Zuschauern, Achtsamkeit, Gesundheit, Selbstorganisation. Mehr Miteinander statt Massenveranstaltung. Das muss dann auch von Verbänden, Veranstaltern, Politik gelebt und belebt werden.

Derzeit hat der Sport, weil angeblich nicht systemrelevant, massiv an Bedeutung verloren. Er wird konsequent der Coronavirus-Bekämpfung unterstellt. Wie erlangt er wieder gesellschaftliche Bedeutung?

Schulke: Der Sport kann wiedererstarken oder sogar durch die Krise stärker werden, wenn er sich zukunftsgerichtet als Feld versteht, in dem Menschen ihre körperliche und soziale Immunkompetenz, sprich Resilienz stärken. Das fehlt mir derzeit in der öffentlichen Debatte: Welche Traditionen, Strukturen, Potenziale, welche Stärken hat der Sport, die er präventiv für solche Krisen einbringt.

Die öffentliche Diskussion wird im Moment weitgehend darauf verengt, wie die Ausbreitung des Virus gestoppt werden kann. Dem wird derzeit alles andere radikal untergeordnet. Haben Sie dafür Verständnis?

Schulke: Bedingt. Der Erfolg muss sich noch zeigen. Wichtige Aspekte der Pandemiebekämpfung werden meist noch ausgeblendet. Wir müssen die aktuelle Versorgungslogik um eine Präventionslogik ergänzen. Hier ist Sport wichtig. „Körperliche Bewegung an frischer Luft kostet nichts, ist aber das beste Heilmittel gegen Erkrankungen.“ Das hat Turnvater Jahn schon vor 200 Jahren gesagt. Dieser Gedanke sollte stärker in den Vordergrund rücken neben dem Warten auf Impfstoffe oder Medikamente. Die Erkenntnis, dass auf Widerstandsfähigkeit (Resilienz) ausgerichtete Lebensführung ein wesentlicher Faktor bleibt, um virale Krisen zu bestehen, vermisse ich in der aktuellen Diskussion.

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Sport kann krankheitsvorbeugend und auch heilend wirken. Das ist bewiesen. Deshalb erscheint es doch kontraproduktiv, Menschen jetzt in ihren Bewegungsmöglichkeiten stark einzuschränken.

Schulke: Virale Attacken sind ja nicht zwangsläufig mit langen Krankheiten oder tödlichem Ausgang verbunden. Dramatische Verläufe betreffen vor allem Ältere oder Menschen mit Vorerkrankungen – oder riskantem Lebensstil. Ein Infekt kann von einem gesunden, widerstandsfähigen Menschen eher überwunden werden. Da muss sich jeder selbst fragen: Ernähre ich mich gesund, nehme ich genug Vitamine zu mir, treibe ich genug Ausdauersport, um meine Immunkompetenz zu erhöhen? Auch die sozialen Kontakte, die einem guttun, die psychisch stabilisieren, sind ein wichtiger Faktor – genauso wie der persönliche Umgang mit Stress. Auch deswegen haben wir seit einigen Jahren ein Präventionsgesetz, das entsprechende Angebote fördert.

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Wie können die rund 90.000 Sportvereine in Deutschland daran mitwirken?

Schulke: Sie sollten sich konsequent als Organisator qualifizierter Gesundheitsangebote, nach der WHO als „gesunder Lebensort“ darstellen. Der Vereinssport mit 27 Millionen Mitgliedschaften ist in Deutschland die größte zivilgesellschaftliche Organisation. Er ist traditionell und strukturell der ideale Partner für Prävention und Gesundheitsförderung. An jedem Ort gibt es einen Sportclub, Hunderttausende Trainer sind gesundheitsrelevant ausgebildet, die Zahl der Angebote für Fitness, Gesundheit, Entspannung ist enorm. Zehn Millionen Vereinsmitglieder, Kleinkinder bis Hochbetagte, besuchen präventive Angebote, finden soziale Kontakte. Hamburgs Sportsenator Andy Grote hat als erster Politiker in der Krise auf die Bedeutung der Vereine verwiesen. Die Stadt stellt unkompliziert Mittel für unbeschäftigtes Personal, Mieten, Infrastruktur bereit. Das ist lobenswert. Im Milliardenpaket der Bundesregierung habe ich allerdings nichts zur dringenden Sportstättensanierung gefunden.

Eine fitte Gesellschaft bräuchte nicht zwangsläufig weggesperrt zu werden, sagen Sie, weil dramatische Krankheitsverläufe in ihrer Zahl geringer ausfallen könnten und von unserem Gesundheitssystem dann eher beherrschbarer wären.

Schulke: Mir fehlt die Ideenschmiede, was wir präventiv im Sinne breiter Gesundheitsstabilität tun können. Vereine sind kre­ativ, arbeiten verantwortungsvoll und lösungsorientiert. Der SC Poppenbüttel macht Einkaufsdienste für die Nachbarschaft, dito der FC St. Pauli. Grün-Weiß Eimsbüttel zum Beispiel stellt derzeit täglich Videos mit Übungen für zu Hause ins Internet. Ähnliches passiert in Tausenden Vereinen – in der Stadt, auf dem Land. In Kleinstgruppen wird mit Abstand gewandert und gejoggt. Vielleicht kann ein desinfiziertes und räumlich gut aufgeteiltes Fitnessstudio oder der Gymnastikraum von Partnern genutzt werden statt pauschal alles zu schließen. Künftig sollten Vereine im Sinne präventiver Netzwerke ihr Engagement in Schulen und Kindergärten verstärken, gefährdete Gruppen gezielt ansprechen.

Welche Rolle könnten dabei die aktuell 105 Krankenkassen spielen?

Schulke: Krankenkassen, Gesundheitsämter, Gesundheitswirtschaft wären geradezu berufen, die gesundheitlichen Aspekte des Sports vor Ort stärker zu fördern, in kooperativen Netzwerken den Weg in eine sozial solidarische und körperlich widerstandsfähige Gesellschaft zu unterstützen. Das würde der Gesundheit dienen, Milliarden im Gesundheitssystem einsparen helfen. Die tägliche Sportstunde in Schulen wäre dafür eine gute Möglichkeit. Untersuchungen zeigen, dass die Schülerinnen und Schüler in diesem Fall auch in anderen Fächern leistungsfähiger werden. Wir sollten in den Kindergärten stärker noch als bisher Bewegungseinheiten einbringen und die Kooperationen zwischen Schule/Verein verstärken, Betriebs- und Rentnersport erweitern. Das Ziel wäre: Vereine als Hotspots der Gesundheitsprävention.

Haben Sie die Hoffnung, dass diese Diskussion demnächst aufgenommen wird?

Schulke: Es führt kein Weg an dieser Debatte vorbei, wenn das Land nachhaltig krisenfester werden soll. Indem die Politik den Präventionsgedanken ernst nimmt, um damit die Gesundheit für alle, dazu gehört das soziale Miteinander, zu stärken, Gesundheitspolitik nicht nur eng als Abwehr von Krankheiten sieht, wird Sport künftig eine noch größere Rolle spielen.

Merkliche Fortschritte sind in Zukunft wohl nur mit einem gestiegenen Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung zu erreichen. Daran mangelt es oft noch.

Schulke: Die jetzige Krise beinhaltet für jeden die Herausforderung, zu reflektieren, was er oder sie vom Sport für seine Gesundheit erwartet, was er oder sie mitgestalten will. Vereine sind für viele Menschen ein Stück Heimat, in der man Unterstützung erfährt. Wenn diese Entwicklungen von der Politik, den Sportorganisationen, auch von der Wirtschaft aufgenommen werden, kann das zum Gesundheit fördernden, humaneren Sporttreiben führen. Garantie gibt es dafür nicht. Es liegt an den Menschen und den gesellschaft­lichen Institutionen, diese Perspektive zu unterstützten.

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Welche Folgen wird die Krise für den Profisport haben? Wird er an Bedeutung verlieren, weil wir gelernt haben könnten, wie wir auch gut ohne ihn auskommen?

Schulke: Profisport bleibt ein attraktives Element der modernen Unterhaltungsindustrie. Er wird seine Bedeutung behalten. Zuschauen, sich mit guten Leistungen identifizieren, sich von ihnen begeistern zu lassen, ist js nichts Verwerfliches. Was sich ändern könnte, ist, dass die exorbitanten Summen, die im Profisport gezahlt werden, sich relativeren. Eine Hoffnung ist, dass die soziale Verantwortung der Akteure, von den Spielern über die Vereine bis zu den Spielerberatern, die diesen Geldkreislauf befeuern, zunimmt, dass sich Berufssportler nicht als abgehobene Gruppe empfinden, sich den Zuschauern, den Nachwuchsspielern, den sozialen Defiziten, die es in jeder Gesellschaft gibt, verstärkt zuwenden. Und Veranstalter ihr Event auch als gesunden Lebensort gestalten. Wenn das dabei herauskommt, und Ansätze gibt es derzeit viele, wäre das ein positiver Anstoß, den die Coronakrise hervorgerufen hat.

Momentan sind Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte die Helden des Alltags. Geraten sie schnell wieder in Vergessenheit, wenn die Krise überwunden ist? Huldigen wir dann wieder Fußball- und Popstars?

Schulke: Die jetzigen Erfahrungen mit unserer Gefährdung und Verletzlichkeit könnten dazu beitragen, dass wir Unterhaltungsbedürfnisse bewusster in den gesamten Lebensalltag einordnen, sie nicht als Mittelpunkt des Lebens betrachten. Die Chance besteht, dass wir künftig den Zusammenhang sehen zwischen Profi-, Kinder- und Vereinssport und dann keine isolierte Heldenverehrung mehr betreiben. Im Übrigen finden wir im Sport wie in anderen Freiwilligenorganisationen tausendfach Helden des Alltags – als Trainer, Gerätewart, Fahrer, Tröster.

Die Erfahrung lehrt, dass gute Vorsätze in besseren Zeiten alsbald vergessen werden, die Menschen, die gesamte Gesellschaft in alte, bequemere Verhaltensmuster zurückfällt. Fürchten Sie das?

Schulke: Diese Krise ist nicht wie viele andere, sie greift entscheidend in unser Leben ein. Die Bereitschaft und Sensibilität für Themen der Gesundheit werden bleiben. Es ist wichtig, dass von Sportorganisationen und Politik konkrete Maßnahmen ergriffen werden, die diese Bereitschaft in einem dialogischen Prozess aufgreift und weiterentwickelt. Es gibt ja bereits eine ausgeprägte Kultur des Mitmachens, der Toleranz, der Unterstützung der Schwächeren. Man denke an den Beitrag der Vereine zur Flüchtlingsintegration, im Reha-, dem Behindertensport, für Hochbetagte. Ich persönlich erhoffe mir, dass 2023 die Weltspiele der Special Olympics in Berlin, das Olympia der geistig behinderten Menschen ein Beispiel geben, wie man im Sport miteinander umgehen kann, dass sie ein Vorbild geben an Fröhlichkeit, Gemeinsamkeit, Gesundheitsförderung, kultureller Bereicherung, wie wir es im Sport schon lange nicht mehr erlebt haben. Sie sollen in ganz Deutschland stattfinden, in Hamburg mit Delegationen aus zwölf Ländern. Das sind sie wert.

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