Hockey

Tim Jessulat: „Unser Weg scheint richtig zu sein“

| Lesedauer: 7 Minuten
Björn Jensen
Hockeyvorstand Tim Jessulat (l.) feiert mit Talenten des Clubs an der Alster, Präsident Carsten Lütten (oben r.), Jugendkoordinator Michi Behrmann (oben l.) und Jugendvorstand Eva Grigoleit die Auszeichnung zum Club des Jahres durch den Europaverband EHF.

Hockeyvorstand Tim Jessulat (l.) feiert mit Talenten des Clubs an der Alster, Präsident Carsten Lütten (oben r.), Jugendkoordinator Michi Behrmann (oben l.) und Jugendvorstand Eva Grigoleit die Auszeichnung zum Club des Jahres durch den Europaverband EHF.

Foto: Club an der Alster 

Hockeyvorstand Tim Jessulat spricht vor dem Viertelfinale der Hallen-DM über die Entwicklung des Clubs an der Alster.

Hamburg. Er steht zwar nicht mehr selbst auf dem Feld, aufgeregt ist Tim Jessulat dennoch, wenn an diesem Sonnabend die Bundesliga-Hockeyteams des Clubs an der Alster um den Einzug in die Final-Four-Endrunde um die deutsche Hallenmeisterschaft (8./9. Februar) in Stuttgart kämpfen. Die Damen empfangen im Viertelfinale um 14.30 Uhr die Zehlendorfer Wespen, die Herren sind um 17 Uhr gegen TuS Lichterfelde gefordert. Und Jessulat (40), Mitglied der Geschäftsleitung der Werbe- und Marketingagentur Upljft, wird in der ausverkauften Halle an der Hallerstraße mitfiebern, schließlich ist der ehemalige Nationaltorhüter als ehrenamtlicher Hockeyvorstand bei Alster involviert.

Herr Jessulat, seit Sie im Oktober 2018 Hockeyvorstand wurden, gab es den Feldmeistertitel für die Damen und den Hallenmeistertitel für die Herren zu feiern. Welchen Stellenwert hat da ein Viertelfinale wie das am Sonnabend?

Tim Jessulat Für uns als Verein ist das ein Highlight, weil unsere Teams gemeinsam im Fokus stehen. Das unterstreicht den Spirit im Club, der seit einiger Zeit herrscht. Alster wurde oft belächelt, wenn wir behauptet haben, ein Familienclub zu sein, und wahrscheinlich haben das auch manche Mitglieder nicht geglaubt. Aber unsere Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen im vergangenen Jahr haben den Club noch mal neu zusammengeführt. Wir hätten für die Viertelfinalspiele auch 3000 Karten verkaufen können. Dieser Zusammenhalt ist enorm wichtig, um Erfolg zu haben.

Es ist selten im Hockey, dass ein Verein Damen- und Herrenteams hat, die gleichzeitig deutscher Meister werden. Warum gelingt das bei Alster?

So ganz kriegen wir es ja auch nicht hin, im Feld sind wir mit den Herren noch nicht so weit. Aber der Weg, den wir eingeschlagen haben, scheint der richtige zu sein. Wir setzen auf eine professionelle Struktur, haben mit Jo Mahn einen Sportdirektor für den Erwachsenen- und mit Michi Behrmann einen für den Jugendbereich. Dazu kommen mit Jens George bei den Damen und Sebastian Biederlack bei den Herren zwei starke Trainer, die sehr gute Funktionsteams um sich herum haben, und mit Berti Rauth ein Fachmann für die technische Ausbildung der Jugend. Inklusive der Verwaltung hat der Hockeybereich rund 40 Mitarbeiter. Das ist ein großer Staff, aber es zahlt sich aus.

George hat im alten Jahrtausend als Chefcoach der Damen angefangen, Biederlack ist zwar im Sommer neu gekommen, war aber lange Alster-Spieler. Ist das die Erkenntnis nach Jahren der personellen Fluktuation bei den Herren, dass nur Kontinuität und Verbundenheit zum Verein zum Erfolg führen?

Nicht nur, es wird immer Zugänge von außen geben, die zu uns passen. Wir müssen immer schauen, dass wir keinen Stillstand haben und uns weiterentwickeln. Natürlich hilft eine enge Bindung zum Club. Die kann man nur aufbauen, wenn man langfristig in einem Verein spielt oder arbeitet. So etwas wie Jens George und auch Jo Mahn, der ebenfalls seit den 80er-Jahren im Verein ist, gibt es selten. Aber wir hoffen, dass Sebastian Biederlack genauso lange erfolgreich als Trainer bei uns arbeiten wird.

Nachdem 2015 das Experiment scheiterte, die Herren mit Zugängen von Topspielern aus anderen Clubs in der Spitze zu etablieren, setzen Sie nun auf die eigene Jugend. Notlösung oder Überzeugung?

Wir setzen ganz klar aus Überzeugung auf unseren Nachwuchs. Ohne starke Jugendarbeit können wir die notwendige Breite, die für zwei Bundesligakader auf Spitzenniveau nötig ist, nicht gewährleisten. Wir haben gar keine andere Möglichkeit, da wir mit den Topclubs wie Rot-Weiß Köln, dem Mannheimer HC oder auch unserem Lokalrivalen Hamburger Polo Club finanziell nicht mithalten können.

Das hört man oft aus Alster-Kreisen, nur glauben tun es nicht alle.

Aber es ist genau so! Wir schauen, dass wir andere Modelle entwickeln, um erfolgreich zu sein.

Sie meinen das Netzwerk an beruflichen Möglichkeiten, mit dem Sie Spielern nach der Karriere Entwicklungschancen bieten?

Tatsächlich ist das ein ganz wichtiges Element. Spielerinnen und Spieler, die dieses Netzwerk schätzen, denen nicht Geld am wichtigsten ist, sind die Richtigen für uns. Unser Netzwerk bietet Ausbildungsplätze, Assistentenjobs und berufsbegleitende Studiengänge und Stipendien. Verbundenheit und Vereinstreue sind Werte, die belohnt werden.

Belohnen Sie Ihre Teams auch mit Meisterprämien? In den meisten Sportarten abseits des Fußballs sind Meisterschaften oft ein Zuschussgeschäft, weil der Verband keine Prämien zahlt, die Spieler aber mehr Geld verlangen. Wie ist das im Hockey?

Die Meisterprämie besteht aus einem netten Essen, ausreichend Kaltgetränken und den legendären emotionalen Meisterfeiern. Erfolge unserer Spitzenmannschaften sind schön und helfen, mehr Aufmerksamkeit auf unsere Teams zu lenken. Wir haben festgestellt, dass Sponsoren auf Erfolge sehr positiv reagieren, wenn man ihnen eine entsprechende Plattform bietet, daran zu partizipieren. Deshalb bieten wir von unseren Spielen einen Livestream an, sorgen für gute digitale Inhalte. Erfolge kurbeln die Vermarktung an, entsprechend positiv sieht aktuell unser Portfolio an Sponsoren und Partnern aus.

Entwicklungspotenzial haben Sie in der Präsentation Ihrer Heimspiele in der Feld-Bundesliga. Während die Halle immer voll ist, gucken in Wellingsbüttel oft nur 100 Menschen zu. Wie wollen Sie das ändern?

Wir haben dieses Problem nicht exklusiv, bei den meisten Vereinen sind die Feldspiele schlechter besucht als die Hallenspiele. Tatsächlich ist der Ausbau der Anlage in Wellingsbüttel, den wir aktuell vorantreiben, aber ein ganz wichtiger Faktor. Wir haben uns dazu verpflichtet, den Rothenbaum als Standort großer Tennis- und Beachvolleyballturniere nicht für Bundesliga-Feldhockey zu nutzen. Nun wollen wir Wellingsbüttel attraktiver machen, indem wir mit einem zweiten Kunstrasenplatz die Trainingskapazitäten ausweiten und dort unser Clubhaus umbauen und erweitern. Das ist unser wichtigstes Projekt für die kommenden Jahre.

Das Projekt für die kommenden Wochen ist der doppelte Triumph in der Halle. Wie realistisch ist der?

Mich hat überrascht, wie souverän die Herren Nordmeister geworden sind. Noch überraschender waren allerdings die Damen, die ohne acht A-Nationalspielerinnen Erster geworden sind, obwohl manche befürchteten, dass es gegen den Abstieg gehen könnte. Mit unseren Fans im Rücken haben wir gute Chancen, es nach Stuttgart zu schaffen.

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