Abendblatt-Neujahrsempfang

„Das Angebot gilt: Ein runder Tisch im Volkspark“

Oke Göttlich, Marvin Willoughby, Marc Evermann und Bernd Hoffmann sprechen über die Zukunft der Hamburger Proficlubs.

Hamburg.  Oke Göttlich (Präsident FC St. Pauli), Marvin Willoughby (Geschäftsführer Hamburg Towers), Marc Evermann (Präsident HSV Hamburg) und Bernd Hoffmann (Vorstandschef der HSV AG) waren sich schon vor dem Sport-Gipfeltreffen am Rande des Abendblatt-Neujahrsempfangs im Atlantic Hotel einig: So eine Elefantenrunde mit den Chefs der großen Proficlubs in Hamburg hat es in der Geschichte der Stadt noch nie gegeben. Am eckigen Tisch in der Smokers Lounge – geraucht haben aber nur die Köpfe – stand nach dem 60-minütigen Vierergespräch deswegen auch fest: Fortsetzung folgt. Am runden Tisch.

Hamburger Abendblatt: Wenn wir vor fünf Jahren in dieser Runde zusammengesessen und uns ausgemalt hätten, 2020 wären in den damaligen Hamburger Profisportarten Fußball, Basketball, Eishockey, Handball und Volleyball nur die Basketballer erstklassig, hätten uns alle für verrückt erklärt. Jetzt halten Sie, Herr Willoughby, mit den Towers die Fahne hoch.

Marvin Willoughby: Diese Konstellation hielt ich immer für undenkbar, und sie ist auch nicht vorteilhaft für uns. Ich würde mich freuen, wenn alle Vereine in der Ersten Liga spielten. Dann herrschte in der Stadt wahrscheinlich eine ganz andere Sportbegeisterung. Und die würde auch uns zugutekommen.

Oke Göttlich: Je mehr Clubs in der Ersten Liga spielen, desto mehr finanzielle Mittel stünden dem Hamburger Sport zur Verfügung, mit denen die Vereine inhaltlich und infrastrukturell eine ganz andere Arbeit leisten könnten. Dann hätten wir die Chance, auf die nächste Ebene zu kommen. Es geht darum Kooperations-Arenen aus Kita, Schule, Ausbildung, Wirtschaft und Politik zu bauen, in denen wir gemeinsam Menschen und Talente ausbilden und die unterschiedlichen Sportarten und Clubs dabei viel voneinander lernen können. Und daraus ergibt sich die Frage: Warum haben solche Gesprächsrunden aus diesen Beteiligten so noch nicht stattgefunden?

Ist Hamburg überhaupt eine leistungssportfreundliche Stadt? Unterstützen Wirtschaft und Politik den Sport ausreichend?

Evermann: Ich bin manchmal überrascht, wie wenig Unterstützung proaktiv von der Wirtschaft kommt. Es ist ein mühsames Geschäft, den nötigen Etat zusammenzubekommen. Grundsätzlich ist Hamburg schon eine sportaffine Metropole, aber es gibt hier eine unglaubliche Diversifikation an Interessen, Bildende Kunst, Musik, Medizin und vieles mehr. Die Hamburger fördern viel, aber beim Sport kommt nur ein begrenzter Teil an. In Regionen, in denen der Bundesligaverein die einzige Attraktion ist, ist das anders. Berlin ist eine Ausnahme.

Was macht Berlin besser? Dort gibt es mit Hertha BSC, Union, Alba (Basketball), den Füchsen (Handball), den Eisbären (Eishockey) und den Volleyballern sechs Topclubs, die zudem seit 2012 kooperieren.

Hoffmann: Das sind sechs erstklassige Vereine. Wir Hamburger halten unsere Stadt für die schönste der Welt. Entsprechend groß sind die Ansprüche – auch im Sport. Und die werden nicht erfüllt. Hamburg kann sich mit Mittelmaß nicht identifizieren.

Jonas Boldt und Marcell Jansen im Abendblatt-Kurzinterview

Stimmt das? Das Volksparkstadion ist auch in der Zweiten Liga voll, das Millerntorstadion sowieso, und die Handballer und Basketballer klagen über zu kleine Arenen.

Hoffmann: Eishockey und Handballer hatten sich in den vergangenen zehn Jahren an dem Thema verhoben, ein Unternehmen aufzubauen, das solide wirtschaftet, gleichzeitig sportlichen Erfolg hat. Basketballer und Handballer haben daraus ihre Lehren gezogen. Wir werden aber in den nächsten Jahren sehen, ob es allein mit Bordmitteln möglich ist, auf Dauer oben mitzuspielen. Wenn ich mir Eishockey-, Basketball- oder Handballclubs ansehe, gibt es da meist einen externen Finanzierer, der das strukturelle Defizit ausgleicht, das aus zu großen sportlichen Ambitionen herrührt.

Willoughby: Im Basketball ist es immer das Thema: Gibt es einen Fußballverein in der Stadt? Wenn ja, wird es schwierig. Bayern München und Alba Berlin sind da Ausnahmen. Auch ein Spitzenteam wie die Bamberger stemmen ihren Etat nicht aus der Region, vielmehr ist auch dort eine Einzelperson entscheidend.

Evermann: Es mag ja sein, dass in vielen Regionen weniger außersportliche Konkurrenz herrscht. Eine Region ist aber auch schnell mal überfordert. Beispiel Kiel: 36 Jahre lang gab es dort nur den THW, jetzt müssen die Handballer das Feld mit Holstein Kiel teilen in einer wirtschaftlich strukturschwächeren Region wie Schleswig-Holstein, in der zudem der deutsche Handballmeister Flensburg-Handewitt Zuschauer und Sponsoren sucht. Damit sind längst nicht mehr alle glücklich.

Willoughby: Für uns sind Sponsoren und Ticketeinnahmen extrem wichtig. Wir haben keine Transfereinnahmen, keine nennenswerten Fernsehgelder. Wenn wir uns in der Bundesliga etablieren wollen, brauchen wir eine Arena, die mindestens doppelt so groß ist wie die unserige mit ihren 3400 Plätzen, wegen der Eintrittsgelder, auch damit Unternehmen einen Spielplatz haben, um sich präsentieren zu können. Das wäre für uns die Grundlage, um auf das Niveau von Alba Berlin oder Bamberg zu kommen (beide Clubs haben einen Etat von etwa zwölf Millionen Euro, die Red.). Um auf das Level von Bayern München mit 25 Millionen Euro Etat zu kommen, darüber werden wir uns unterhalten, wenn wir den nächsten Schritt geschafft haben.

Evermann: Das ist bei den Bayern wahrscheinlich in Teilen genauso eine Quersubventionierung wie beim FC Barcelona. Da spielt die Handballmannschaft, eine der besten der Welt, vor 1500 Zuschauern. Ähnlich gelagert ist die Situation bei Paris St. Germain. Was ich für problematisch halte, sind diese Einzelabhängigkeit von Personen und Unternehmen, dass Vereine am Tropf dieser Mäzene hängen.

Göttlich: Das ist der Punkt: Wir müssen uns alle Gedanken machen mit der Wirtschaft, mit der Politik, wo finden wir die Struktur eines Miteinanders. Wenn ich höre, der eine plant seine Halle, da, der andere woanders, der eine hat die Verbindungen in die Bezirke, andere nutzen die ihren in die Politik – so kommen wir keinen Schritt weiter. Wir müssen darüber nachdenken, und das fängt bei der Bildungs-, Talent- und Nachwuchsarbeit an. Warum schaffen wir es nicht mit der bereits oben beschriebenen Kooperationsarena Jugendliche auszubilden – und zwar nicht nur in einer Disziplin, umfassend als Mensch, als Athlet, in Zusammenarbeit mit Schulen und Kitas.

Willoughby: Sportwissenschaftlich gibt es da ja auch keine zwei Meinungen mehr. Erst von 13 oder 14 Jahren an sollte man sich spezialisieren und wirklich leistungsorientiert denken.

Göttlich: Damit schaffen wir auch ein leistungssportfreundliches Klima. Das würde sich auch wirtschaftlich auszahlen. Denn auch für Unternehmen bei der Ausbildung ihrer Nachwuchskräfte ist der Sport extrem wichtig, weil du dort Teamarbeit, Siegen, Verlieren und Enttäuschungen zu verarbeiten lernst. Das haben moderne Unternehmen längst erkannt. Wenn wir als Clubs mit diesen Firmen partnerschaftlich agieren, profitieren beide Seiten davon. Auf diesen Weg müssen wir uns gemeinsam machen und Firmen von einem leistungsfördernden Weg in Hamburg überzeugen.

Der 32. Neujahrsempfang des Hamburger Abendblatts:

Warum geschieht das nicht?

Göttlich: Das Inseldenken fängt auf politischer Ebene an. Jedes Ressort verfolgt seine Interessen. Es gibt kaum Schnittstellen. Wir sollten endlich lernen, wo schließen wir uns zusammen, um einen leistungssportfördernden Nutzen für die Gesamtregion zu schaffen. Davon profitiert am Ende jeder Verein. Und schließlich schaffen wir so ein leistungsförderndes Umfeld, welches automatisch beste Unterhaltung und Emotionen liefert.

Ist das Berliner Modell ein Vorbild?

Hoffmann: Wir reden hier über knallharten Leistungssport, den Anspruch einer Stadt, erstklassigen Sport zu haben. Der ist dann auch erstklassiges Entertainment, aber das hat auch mit Siegen und Niederlagen zu tun.

Göttlich: Aber Bernd, ihr bietet doch erstklassige Unterhaltung auch in der Zweiten Liga. (lacht)

Hoffmann: Hamburg ist die einzige Millionenstadt in Europa, die keinen erstklassigen Fußball anbietet. Warum sollten wir die Situation schönreden? Wir haben die wahrscheinlich schlechteste Dekade im Sport der vergangenen 100 Jahre in Hamburg hinter uns. Der HSV war ein Top 20 Team in Europa, die Handballer gewannen die Champions League, die Freezers erreichten das Halbfinale in der DEL. Wir hatten ein Masters-Tennisturnier, einen Marathon, der 15000 Finisher hatte. Alles noch nicht einmal 10 Jahre her. Da muss es auch den politischen Willen geben zu sagen: Für uns ist Spitzensport in Hamburg genauso wichtig wie Topangebote in der Kultur.

Was kann denn die Politik tun? Beim Basketball und Handball würde sicher schon das Bereitstellen einer Fläche für den Bau einer neuen Halle helfen.

Willoughby: Ich glaube, wir müssen zwei Dinge unterscheiden: einmal Leistungssport und Sport als soziales Mittel. Es ist schon vorbildlich, was sie gemeinsam in Berlin über die Schulen hinbekommen haben, dass Sport gefördert wird, bevor es in irgendwelche Sportarten geht. In der Berliner Initiative ging es ja eher darum, nicht primär um Leistungssport. Es geht darum, Kinder zum Sport zu bringen, was sehr wichtig ist.

Hoffmann: Das wird nicht erfolgreich sein, wenn ich keine Spitze habe.

Evermann: Unsere vier Vereine haben einen unterschiedlichen Entwicklungsstand, deshalb verschiedene Sichtwinkel. Wir haben, wenn wir über Jugend sprechen, das Problem, dass Handball keine olympische Schwerpunktsportart in Hamburg ist. Uns fehlt der selbstverständliche Zugriff auf den Olympiastützpunkt, auf Internatsplätze. Wenn ein Talent aus Gummersbach kommen will, haben wir noch nicht die Power zu sagen: Komm hierher, hier, wir haben ein Internat. Das wäre eine Frage, so etwas gemeinsam zu machen.

Göttlich: Ich habe einen ganz konkreten Wunsch an die Politik: Wenn sie über große Hallen-, Infrastrukturprojekte nachdenkt, sollte man gleich vernetzt denken, ob man nicht gemeinschaftlich solche Projekte aufsetzen kann.

Evermann: In unseren Sportarten geht es im Prinzip nur im Dreiklang: Sportverein, Investoren und Stadt.

Hoffmann: Die Frage ist doch: Wo lande ich im nationalen Wettbewerb? Dann befinde ich mich im Werben um Zeit- und Finanzbudgets der Menschen nicht zwingend nur in Konkurrenz mit Basketball oder dem FC St. Pauli. Dann entscheidet eine Familie, ob sie zum HSV geht mit vier Leuten, oder sie gehen zu Hagenbeck oder machen einen Ausflug ins Alte Land. Deshalb brauche ich ein hochattraktive und emotionales Produkt, da bin ich eher im Wettbewerb mit Entertainment- und Freizeitangeboten einer Millionenstadt.

Hoffmann: "Mit dem Nichtaufstieg beschäftigen wir uns nicht"

Göttlich: Wir reden hier doch über den leistungssportfördernden Standort Hamburg, und was wir tun können. Erfolgreich wollen wir alle sein. Für mich ist das Wesentliche aus der Gesprächsrunde: Was kann man als Idee entwickeln, wo gibt es die Gemeinsamkeiten? Platz, Infrastruktur, Räumlichkeiten: Das beschäftigt uns alle. Es gibt sicher mehrere Hallen und Orte in Hamburg, in denen HSV- und St.-Pauli-Abteilungen Sport machen. Die Frage bleibt: Wo können wir uns gemeinsam dahinter versammeln: Was machen wir mit Jugendlichen bis 13 Jahren? Welchen Druck können wir als Sportverantwortliche in die Politik und in die Wirtschaft reingeben, um das Umfeld leistungsfördernder zu gestalten? Wir stehen als Sport ja im Wettbewerb mit Haus- und Wohnungsbau, mit Grünflächen. Wir haben bisher keine Lobby aufgebaut, wie es in der Kultur- und Medienlandschaft seit Jahrzehnten Gang und Gäbe ist.

Hoffmann: Hier nehme ich die Aussage von Klaus-Michael Kühne im Abendblatt-Interview gerne auf: Hamburg fehlen Leuchttürme. Wir haben uns positioniert mit der Elbphilharmonie, mit dem Kreuzfahrttourismus, mit der Elbvertiefung. Im Sport definieren sich Städte wie München oder Barcelona auch über einen erfolgreichen Fußballclub. Wir sehen uns als einen der sportlichen Leuchttürme der Stadt, und das ist nur mit sportlichen Spitzenleistungen zu etablieren. Dass wir uns alle hinter Active City versammeln können, ist nicht die Frage. Ohne die Strahlkraft von Spitzensport leidet am Ende auch der Wunsch nach sportlicher Betätigung aller.

Herr Göttlich, Herr Hoffmann, wäre es ein anstrebenswertes Ziel, dass auch Ihre Clubs, ähnlich wie der FC Bayern beispielsweise beim Basketball, nicht nur im Fußball Spitzensport anbieten?

Göttlich: Beim diskussionsfreudigen FC St. Pauli gibt es sehr viel Austausch, ob Spitzensport in anderen Abteilungen in der DNA des FC St. Pauli als Mehrspartenverein verankert sein muss. Aber es gibt auch Abteilungen und Mitglieder, die sagen ganz bewusst: Wir wollen kein Geld, wir wollen auch nicht größer werden als wir sind und wir wollen keinen Leistungssport. Punkt.

Hoffmann: Die gibt es bei uns nicht.

Göttlich: Man kann ja über alles reden. In unserem Club gibt es auch Menschen, die ganz anders denken, die zum Beispiel gerne ein höherklassiges Frauen-Fußball-Team im Club hätten. Auch im Handball könnten wir mal schauen. Und die Towers sind aus unserer Sicht auch durchaus St.-Pauli-affin in der Art und Weise, wie sie sich in Hamburg etabliert haben. Uns fehlen nur die Hallen für solche Überlegungen. Also, Marvin, wenn ich ehrlich bin: Wir würden gerne mehr mit den Towers machen. Ich habe früher selbst Basketball gespielt…

Willoughby: … gute Nachwuchsspieler können wir immer gebrauchen. Herr Evermann hat recht: Wir sind vier Clubs in unterschiedlichen Situationen. Und da kann ich auch Herrn Hoffmann gut verstehen: Wer im Fußball oben mitspielen will, muss im Haifischbecken schwimmen gehen. Das ist bei uns anders: Wir sind als Sozialprojekt gestartet, spielen jetzt auch noch Bundesliga. Wenn wir Bayern München angreifen wollen, hätten wir ein Problem. 25 Millionen Euro fallen nicht vom Himmel. Und natürlich stehen auch wir vier im Wettbewerb bei der Sponsorensuchen.

Hoffmann: Erfolgreicher Leistungssport sorgt auch dafür, dass man als Club wirtschaftlich in der Lage ist, noch ganz andere Themen aufzugreifen. Beim Thema CSR, Corporate Social Responsibility, also die Unternehmerische Sozialverantwortung, können wir uns als HSV mit zum Beispiel dem Hamburger Weg extrem gut aufstellen.

Im Teambuilding heißt es: Eins plus eins ist drei. Warum kann es in Hamburgs Spitzensport nicht heißen: Eins plus eins plus eins plus eins ist sechs?

Hoffmann: Diesen Ball nehmen wir beim HSV gerne auf. Hiermit möchte ich gern Sie alle zu uns in den Volkspark einladen, damit wir zeitnah, spätestens bis Saisonende, diese Gedankenspiele fortführen. Vielleicht erweitern wir die Runde auch noch um die eine oder andere Sportart.

Göttlich: Das Angebot nehmen wir gerne an. Sinn würde auch ergeben, dass man die Politik und die Wirtschaft mit an den Tisch dazu nimmt.

Willoughby: Auch wir nehmen so ein Angebot gerne an. Wobei man sagen muss, dass es im kleineren Rahmen Kooperationen schon gibt. Als Beispiel: Mit St. Pauli führen wir gemeinsame Feriencamps durch. Mit den Handballern nutzen wir dieselbe medizinische Abteilung. Und mit HSV-Präsident Marcell Jansen haben wir uns ausgetauscht, dass wir unsere Trainer enger zusammenarbeiten lassen wollen. Das alles ist ein Anfang.