Saisonauftakt

Welche Zukunft hat das deutsche Hallenhockey?

Hallenhockey gilt aufgrund seiner Rasanz, hier Tobias Lietz (HTHC/l.) gegen Alsters Nik Kerner, als sehr beliebte Spielform.

Hallenhockey gilt aufgrund seiner Rasanz, hier Tobias Lietz (HTHC/l.) gegen Alsters Nik Kerner, als sehr beliebte Spielform.

Foto: Witters

Olympia-Kaderspieler werden in Bundesligasaison nicht auflaufen. Spezielle Nationalteams unumgänglich?

Hamburg. Das Motto des Positionspapiers, das der Deutsche Hockey-Bund (DHB) kürzlich verbreiten ließ, lässt keinen Interpretationsspielraum. „Hallenhockey ist gute deutsche Tradition und gleichzeitig die Zukunft des deutschen Hockeyerfolgs auch bei Olympischen Spielen“, ist dort zu lesen, „der DHB und das Steuerungsteam Leistungssport positionieren sich aufgrund dieser Sachlage eindeutig zum Hallenhockey in Deutschland.“ Schöne Worte sind das, doch wie ernst sie zu nehmen sind, das fragen sich vor dem Start der Hallen-Bundesligasaison 2019/20 an diesem Wochenende (siehe Infokasten) viele Beobachter der Hockeyszene.

An der Suche nach den Nachfolgern für die deutschen Meister Düsseldorfer HC (Damen) und Club an der Alster (Herren), die auf der Final-Four-End­runde am 8./9. Februar in Stuttgart gekürt werden, können sich die besten deutschen Spieler nicht beteiligen. Weil die Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio (24. Juli bis 9. August) und die Teilnahme am Nationenwettkampf Hockey Pro League in der ersten Jahreshälfte so viele Termine binden, hat Damen-Bundestrainer Xavier Reckinger (35) seine Kaderspielerinnen von einem „freiwilligen“ Verzicht auf die Hallenserie überzeugt. Der neue Herren-Nationalcoach Kais al Saadi (43) stellt seinen Auserwählten die Teilnahme grundsätzlich frei; wer jedoch, schon aus Selbstschutz, die Belastungen im Rahmen halten will, wird nicht für seinen Verein in der Halle auflaufen.

Bekannte Situation

Nun ist diese Situation nicht grundlegend neu, auch in zurückliegenden Spielzeiten war der Einsatz der A-Kader-Spieler limitiert. Weil jedoch in der vergangenen Saison erstmals in der Geschichte des Hallen-Europapokals die beiden deutschen Vertreter ohne Titel blieben, ist die Diskussion über den Verlust der Vormachtstellung, die Deutschland im Hallenhockey stets innehatte, entbrannt. Jens George, Trainer der Damen des Clubs an der Alster, die im Fe­bruar beim Heim-Europacup nur Dritter wurden, hat dazu eine klare Meinung. „International ist die Spitze viel breiter geworden. Dass deutsche Teams im Vorbeigehen die Titel einsammeln, ist nicht mehr realistisch“, sagt der 50-Jährige.

Den Hauptgrund dafür sehen George und eine Reihe seiner Kollegen nicht nur darin, dass die A-Kader-Spieler immer seltener in der Halle zur Verfügung stehen. Vielmehr sei die international weit verbreitete Einstellung, unterm Dach auf Teams aus eingespielten Hallenspezialisten zu setzen, entscheidend. So bauen die in der Halle traditionell starken osteuropäischen Nationen in ihren Nationalteams auf Vereinsspieler, die über Jahre als Einheit zusammenwachsen. Die Niederlande, im Feldhockey bei den Damen die klare Nummer eins und bei den Herren ebenfalls zur Weltspitze gehörend, haben seit Jahren spezielle Hallenkader, in denen keine Feld-Auswahlakteure stehen. Und in den meisten Ländern wird der Hallenmeister nicht in einem Ligensystem über mehrere Monate wie in Deutschland, sondern komprimiert in Turnierform ausgespielt.

Trainer: Spezialisierung wird auch in Deutschland kommen

Dass eine Spezialisierung auch in Deutschland kommen wird, glauben viele Trainer. Benedikt Schmidt-Busse, Chefcoach der Herren des Uhlenhorster HC, sagt: „Daran werden wir nicht vorbeikommen, wenn wir international in der Spitze bleiben wollen.“ Dennoch ist er der Ansicht, dass zu großen Turnieren wie EM oder WM „die besten Spielerinnen und Spieler fahren müssen.“ Er halte nichts davon, bei der Heim-EM der Herren, die vom 17. bis 19. Januar in Berlin ausgetragen wird, mit einem C-Kader anzutreten. „Wenn der Feld-A-Kader nicht zur Verfügung steht, dann müssen wenigstens die A-Kader-Reservisten und die besten Talente aus der U 21 spielen“, sagt der 43-Jährige.

Die Ankündigung des DHB, zur Heim-EM keine A-Kader-Spieler zu entsenden, hatte vor einigen Monaten dazu geführt, dass Krefeld als eigentlich vorgesehener Ausrichter seine Bereitschaft zurückgezogen hatte. Um derlei Verdruss vorzubeugen, hat Marie Gnauert, DHB-Vizepräsidentin Leistungssport, im Positionspapier eine klare Richtlinie vorgegeben. „In Jahren wie dem kommenden, in dem A-Kader-Spieler keine Berücksichtigung finden können, werden sich die Hallen-Nationalteams aus den größten Talenten und gestandenen Hallenspielern zusammensetzen“, sagt sie.

Interessante Perspektive

Eine höchst interessante Perspektive für den Aufbau eines speziellen Kleinfeldteams könnte sich zudem aus den neuesten Plänen des Weltverbands FIH ergeben. Weil das Internationale Olympische Komitee (IOC) für künftige Sommerspiele auf neue Formate und, damit einhergehend, eine Reduzierung der Teilnehmerfelder setzt, gab es in der Wintersaison 2013/14 bereits den Versuch, in der Halle das Format Hockey 5 (vier statt fünf Feldspieler plus Torwart) umzusetzen. Dieser Versuch scheiterte in Deutschland zwar krachend, die FIH hat das Format jedoch bei den Olympischen Jugendspielen 2014 und 2018 im Feld weiter getestet und nun beschlossen, vom Jahr 2023 an einen WM-Titel im Hockey 5 auszuspielen. Mit dem Aufbau entsprechender Strukturen wäre man gewappnet, sollte das IOC die traditionelle Elfer-Feldhockeyvariante aus dem olympischen Programm kippen.

Der DHB hat sich zu dieser Neuerung bislang noch nicht positioniert. Marie Gnauert führte dazu in dieser Woche am Rande des Zentrallehrgangs in Mannheim Gespräche mit den Bundestrainern al Saadi und Valentin Altenburg (U-21-Junioren). „Noch gibt es aber keine Strategie, wie wir damit umgehen“, sagt sie. Jens George glaubt, dass die Aufstellung eines Hockey-5-Nationalteams Hallenspezialisten, die im Indoor-Hockey ins Auswahlteam drängen, eine interessante zweite Perspektive bieten könnte. „In Südafrika gibt es sogar eine klare Dreiteilung in Feld, Halle und Hockey 5. Ob das die Richtung ist, in die wir gehen müssen, sollten wir bald entscheiden.“

So läuft die Hallensaison 2019/20

  • In der Hallenhockey-Bundesliga wird, anstelle von eingleisigen Zwölferligen wie im Feld, in vier Regionalstaffeln mit je sechs Teilnehmern gespielt. Die beiden besten Mannschaften jeder Staffel erreichen das Viertelfinale, die Meister werden in Final-Four-Endrunden mit Halbfinals und Finale am 8./9. Februar in Stuttgart ermittelt.
  • In der Nordgruppe der Herren spielen Titelverteidiger Club an der Alster, der Uhlenhorster HC, der Harvestehuder THC, der Großflottbeker THGC, der Hamburger Polo Club und DTV Hannover. In Hamburg gibt es zum Auftakt am Sonntag (14 Uhr, Jenischstraße) nur das Westderby Polo – Großflottbek.
  • Bei den Damen kämpfen Vizemeister Alster, UHC, HTHC, Großflottbek, der Klipper THC und Eintracht Braunschweig um die Viertelfinalplätze. Zum Start empfängt der UHC am Sonnabend (16 Uhr, Wesselblek) Braunschweig, am Sonntag (15.30 Uhr, Christianeum) spielt Großflottbek gegen Klipper.

Fakt ist: Viele A-Kader-Spieler bedauern, dass sie nicht in der Halle spielen können, da die schnelle Indoor-Variante für rasante Torszenen und technische Finesse steht und die Spiele oft deutlich stimmungsvoller sind als auf dem Feld. Benedikt Schmidt-Busse sagt deshalb: „Wir sollten uns den Spaß am Hallenhockey nicht verderben lassen. Es wird auch in dieser Saison viele tolle Spiele geben, und es ist die Chance für Spieler aus der zweiten Garde, sich zu beweisen. Wir freuen uns sehr auf die Saison!“ Und darin sind sich – trotz aller Probleme – tatsächlich alle einig.