Beachvolleyball

Tokio als Ziel, Timmendorf als Motivation

Nils Ehlers (25/2,10 Meter) und Lars Flüggen (29/1,92 m) sind aktuell die
Nummer 26 der Weltrangliste.

Nils Ehlers (25/2,10 Meter) und Lars Flüggen (29/1,92 m) sind aktuell die Nummer 26 der Weltrangliste.

Foto: picture alliance

Beachvolleyballer Nils Ehlers und Lars Flüggen vom HSV haben beste Chancen, sich für die Sommerspiele 2020 in Japan zu qualifiziert.

Hamburg.  Es war diese Szene, von der Niclas Hildebrand heute noch schwärmt. Beim Weltserienturnier Ende Juli in Wien hechtete Nils Ehlers mit dem Rücken zum Netz einem Ball hinterher, baggerte ihn von der Grundlinie, rappelte sich wieder auf und schlug ihn nach einem präzisen Zuspiel seines Partners Lars Flüggen unerreichbar ins gegnerische Feld. „Das kann er also auch. Perfekt!“, meinte der Sportdirektor Beach des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV), nickte zufrieden und sah sich in seiner Einschätzung bestätigt: „Die beiden können es zu Olympia schaffen.“

Der Erfolg in Wien, Platz fünf, hat das HSV-Duo auf ihrem angestrebten Weg zu den Sommerspielen 2020 endgültig in Schlagdistanz zu den 15 internationalen Qualifikationsplätzen gebracht. Eine Woche vorher hatten die beiden in Tokio Rang zwei belegt, der bisher größte Erfolg ihrer gemeinsamen Karriere. Bei den deutschen Meisterschaften am Timmendorfer Strand wollen sie sich an diesem Wochenende die Motivation für die nächsten Turniere auf der Welttour holen. Neben den Titelverteidigern, den Vizeweltmeistern Julius Thole/Clemens Wickler (Eimsbütteler TV), gelten Ehlers/Flüggen am Ostseestrand als das Team, das es zu schlagen gilt. Und: Das bisher letzte Duell gegen ihre Trainingspartner am Hamburger Bundesstützpunkt am Alten Teichweg gewannen sie in Wien in zwei Sätzen.

Sprung ins Hauptfeld verpasst

Es ist gerade zweieinhalb Monate her, da geriet die Beachvolleyballwelt für Ehlers/Flüggen ziemlich aus den Fugen. Aus in der Qualifikation beim Weltserienturnier in Warschau. Zum vierten Mal in dieser Saison hatten sie den Sprung ins Hauptfeld, in dem erst Weltranglistenpunkte und Preisgeld verteilt werden, verpasst. „Da kamen schon erhebliche Zweifel auf, da haben wir die Sinnfrage gestellt, was das alles soll“, sagt Flüggen. Sogar ans Aufhören hätten sie zwischenzeitlich gedacht, „das sind aber Gedanken, die schwirren einem immer mal im Kopf herum“, sagt Ehlers. Leistungssport bewege sich schließlich im körperlichen Grenzbereich.

Natürlich schmeißt niemand auf den ersten Impuls hin seine Karriere weg, und die Gespräche mit Thorsten Weidig, dem Sportpsychologen am Olympiastützpunkt Hamburg, führten schnell zu der Erkenntnis, dass zwar die Ergebnisse fehlten, sportlich dennoch eine kontinuierliche Entwicklung zu erkennen, der Spaß am Spiel immer noch vorhanden sei. Bei der anschließenden WM am Hamburger Rothenbaum boten sie ihr bis dahin bestes Beachvolleyball, schieden als Gruppensieger unglücklich in der ersten K.-o.- Runde aus, wurden 17. Es war aber der Start in eine bessere sportliche Zukunft.

Holpriger Start

Schon der Anfang des zweiten deutschen Nationalteams war holprig. Flüggen hatte sich einen Finger gebrochen, Ehlers musste sich erneut am linken Knie operieren lassen, diesmal wegen eines Knorpelschadens. Erst im Februar konnte er das Gelenk wieder voll belasten. Seitdem traten die Beschwerden nicht mehr auf, auch dank eines speziellen Krafttrainings, das seit Januar dieses Jahres am Bundesstützpunkt von David Schussmüller geleitet wird.

Ehlers (25), der Rechtswissenschaften studiert, sei „ein Rohdiamant“, meint DVV-Sportdirektor Hildebrand. Erst seit zwei Jahren betreibt der gebürtige Berliner Leistungssport auf höchstem Niveau, aber schon jetzt hat er sich als Blocker auf der Welttour Respekt verschafft. Seine 2,10 Meter Körpergröße, mit ausgestreckten Armen kommt er im Sprung auf eine Greifhöhe von rund 3,40 Meter, wirken am 2,43 Meter hohen Netz als Wand, was Abwehrspieler Flüggen (1,92 m) neue Möglichkeiten im Hinterfeld eröffnet, den Ball im Spiel zu halten. „Unser Ziel ist es, dass wir an jeden Ball herankommen, was uns inzwischen immer öfter gelingt“, sagt Flüggen.

Flüggen hat Erfahrung

Flüggen (29), der nach dem Bachelor in den nächsten Jahren noch seinen Master in Chemie machen will, bringt die Erfahrung ins Team ein. Mit seinem ehemaligen Partner Markus Böckermann nahm er 2016 an den Olympischen Spielen in Rio teil, wurde anschließend mit ihm in Timmendorf deutscher Meister. 2018 beendete Böckermann (33) seine Karriere, seitdem geht er nur noch zum Spaß in den Sand. Aber gerade Rio, sagt Flüggen, sei für ihn der Anreiz, ein weiteres Olympiaticket zu lösen: „Viele haben mir damals gesagt, dass die Spiele in Brasilien von der Stimmung und der Organisation her die schlechtesten waren, die sie erlebt hätten. Deshalb freue ich mich auf Tokio. Die Japaner gelten ja als Meister der Organisation.“

Dass Ehlers/Flüggen das Abendblatt-Motto „Seid nett zueinander“ im täglichen Umgang miteinander pflegen, hilft ihnen, die immer mal wieder in dieser besonders intensiven Zweierbeziehung auftretenden Konflikte mit Re­spekt und gegenseitiger Achtung zu lösen. „Wir schätzen uns“, sagen beide. Und das ist in der Beachvolleyball-Szene keine Selbstverständlichkeit, in der viele Paare getrennt zu Turnieren fliegen und sich auch sonst oft aus dem Weg gehen.