Rudern

Johannesen: „Ich bin mit Erics Ausbootung nicht im Reinen“

Torben (l.) und Eric Johannensen vom Ruder-Club Favorite Hammonia wollten 2020 gemeinsam Olympia-Gold mit dem Deutschland-Achter gewinnen.

Torben (l.) und Eric Johannensen vom Ruder-Club Favorite Hammonia wollten 2020 gemeinsam Olympia-Gold mit dem Deutschland-Achter gewinnen.

Foto: Tim Groothuis / WITTERS

Vor der WM spricht der Achter-Weltmeister über den Druck des Gewinnen-Müssens und den geplatzten Traum vom brüderlichen Gold.

Hamburg. Die Ruder-WM startet zwar an diesem Sonntag in Ottensheim bei Linz (Österreich), für die Mitglieder des Deutschland-Achters zählt allerdings nur der 1. September. Der Tag, an dem das Finale ansteht, soll für den Titelverteidiger, der am Dienstag im Vorlauf gefordert ist, zum erneuten Triumphzug werden. Im Abendblatt spricht Torben Johannesen (24) vom RC Favorite Hammonia, einziger Hamburger im deutschen Paradeboot, über den Druck des Immer-gewinnen-Müssens und das Ende seines Traums vom gemeinsamen Olympiagold mit Bruder Eric (31).

Herr Johannesen, es heißt ja, dass man aus Niederlagen mehr lernt als aus Siegen. Für Sie und den Deutschland-Achter müsste das bedeuten, dass Sie kaum noch etwas lernen.

Torben Johannesen: Ganz so schlimm ist es nicht. Wir haben zum Glück alle Ehrgeiz genug, uns in jedem Training zu verbessern. Insofern lernen wir immer noch genug. Und auch nach Siegen kann man einiges optimieren.

Nachdem der Achter seit Olympiasilber in Rio 2016 fast drei Jahre lang unbesiegt war, gab es beim Weltcup in Rotterdam Anfang Juli eine deutliche Niederlage gegen Großbritannien. Waren Sie froh, diese Erfahrung mal wieder gemacht zu haben?

Glücklich ist niemand über eine Niederlage. Wir waren alle extrem gefrustet und sehr schlecht gelaunt, denn wir trainieren nicht für Niederlagen. Vor allem hat uns geärgert, wie deutlich wir verloren haben. Trotzdem gebe ich Ihnen recht, dass es eine wichtige Erfahrung war. Wenn man immer gewinnt, ist man irgendwann in einer Position, in der man glaubt, nichts mehr verändern zu müssen. Nach Rotterdam mussten wir uns hinterfragen und Veränderungen anstoßen, und das hat uns gut getan.

Wenn man nur das Gefühl des Sieges kennt wie Sie, der erst nach Rio zum Achter gestoßen ist: Wie fühlt sich eine Niederlage an?

Mein Gefühl war, dass jeder das zunächst für sich selbst verarbeiten musste, bevor wir darüber reden und es analysieren konnten. Gut war, dass wir wussten, was wir falsch gemacht hatten, dass wir an den entscheidenden Stellen zu wenig zusetzen konnten. Wir waren einfach nicht in Topform. Wenn man sein Bestes gibt und verliert, ist das wahrscheinlich deutlich schlimmer. Wir konnten die Niederlage zum Glück recht schnell abhaken, sind dadurch als Team noch einmal mehr zusammengerückt, um herauszufinden, was wir tun müssen, um noch besser zu rudern.

In Linz bekommen Sie nun die Chance zu zeigen, was Sie verbessert haben. Welchen Stellenwert hat eine WM in der vorolympischen Saison?

Einen sehr besonderen. Es ist die letzte Standortbestimmung vor Olympia. Um das Ticket zu lösen, müssen wir bei der WM Fünfter werden, was uns gelingen sollte. Aber die Qualifikation rückt in den Hintergrund, weil wir uns voll auf die WM fokussieren. Für uns geht es darum, den Gegnern zu zeigen, dass wir da sind. Im Jahr vor Olympia rückt die Spitze traditionell enger zusammen. Ich erwarte in Linz neben den Briten auch die Neuseeländer und die Niederländer extrem stark. Wir wollen zeigen, dass wir die Besten sind, ich will unbedingt zum dritten Mal Weltmeister werden.

Werden Titel irgendwann unwichtiger, wenn man zu viele davon gewinnt?

Glaube ich nicht, im Gegenteil. Es ist immer wieder eine Herausforderung, den Status als bester Achter der Welt zu bestätigen. Dazu muss man Titel gewinnen.

Ist dieses Immer-gewinnen-Müssen nicht auch riesiger Druck? Wie halten Sie stand?

Es ist vor allem mental unglaublich anstrengend, sich diesen Erwartungen immer wieder zu stellen. Allerdings sind mir die Ansprüche von außen mittlerweile fast egal. Wir haben uns damit arrangiert. Mehr noch: Es ist unser eigener Antrieb, wir wollen in jedem Rennen die Besten sein, denn wir arbeiten nicht jeden Trainingstag am Limit, um am Ende Zweiter zu sein. Wir sind alle vom Ehrgeiz getrieben, haben darüber intensiv diskutiert und stehen alle voll dahinter.

Um so eine Einheit zu bilden, braucht es eine starke Teamstruktur. Wie schwierig ist es, neue Mitglieder ins Team zu integrieren?

Aus taktischen Aspekten betrachtet ist es nicht schwierig, Rudern können alle. Aber die kleinen Feinheiten, die der Laie nicht erkennt, die erarbeitet man sich nur durch intensives Training und dauerhafte Wiederholungen. Dafür ist es wichtig, dass man ein Team hat, das zusammenpasst und eingespielt ist. Die letzten Schritte bis zur WM- oder Olympiareife sind die härtesten und kleinsten, aber sie sind es, die am Ende die Prozente ausmachen, die über Gold entscheiden. Und dafür braucht es so erfahrene Teammitglieder wie Richard Schmidt oder unseren Steuermann Martin Sauer, der fast schon wie ein Trainer ist, um die dafür nötigen Prozesse zu steuern.

Jeder im Team hat seine Aufgaben, nicht nur im Boot, sondern auch an Land. Wie sehen Sie Ihre Stellung, und worin haben Sie sich in den vergangenen Monaten am meisten fortentwickelt?

Ich habe mich über die vergangenen drei Jahre zu einem festen Bestandteil des Teams entwickelt, habe meine Leistung immer wieder bestätigen können. Körperlich bin ich nach meinen Bandscheibenvorfall Anfang des Jahres in sehr guter Form. Meine wichtigste Weiterentwicklung sehe ich allerdings im psychischen Bereich. Um meine Leistung kontinuierlich abrufen zu können, arbeite ich regelmäßig mit Psychologen und Mentaltrainern am Olympiastützpunkt und im Verband. Diese Arbeit zahlt sich aus, ich denke deshalb, dass ich sehr gute Aussichten habe, auch in Tokio zum Team zu gehören.

Das war auch das große Ziel Ihres Bruders Eric, der 2012 in London Olympiasieger war und 2016 Silber mit dem Achter gewann. In Japan wollten Sie gemeinsam um eine Medaille kämpfen, doch Eric hat es nicht ins WM-Aufgebot geschafft und wird deshalb wohl auch Tokio verpassen. Haben Sie diese Enttäuschung schon verkraftet?

Verkraftet schon, aber ich gebe zu, dass sie mich noch nervt. Vor allem, weil ich sie nicht nachvollziehen kann. Ich bin damit noch nicht im Reinen, denn ich hätte unseren Traum sehr gern weiterverfolgt. Wir müssen nun leider realisieren, dass es nicht so kommen wird. Und das beschäftigt mich schon. Umso härter werde ich nun arbeiten, damit der Name Johannesen auch weiterhin in den Siegerlisten Olympischer Spiele steht.