Kampf um das Traumschiff

Der Deutschland-Achter mit Steuermann Martin Sauer.

Der Deutschland-Achter mit Steuermann Martin Sauer.

Foto: Lars Baron / Bongarts/Getty Images

Deutschlands Ruder-Achter schrieb große Sportgeschichte. Jetzt geht die Crew mit dem Hamburger Torben Johannesen die "Mission Olympia-Gold 2020" an. Brutal ist das Trainingspensum, erbarmungslos das Ringen um einen Platz im Boot.

Durch das weit geöffnete Rolltor lugt die Morgensonne, ein paar Schritte weiter stampft ein Containerschiff den Dortmund-Ems-Kanal Richtung Norden hinauf. Doch die acht Hünen in der Bootshalle schauen nur zu Boden, lauschen betreten den Worten ihres Steuermannes. „Der Worte sind genug gewechselt“, spricht Martin Sauer, 55 Kilogramm, 170 Zentimeter, das Leichtgewicht im Kreis der Riesen. Wie am Vortag hat einer in der Umkleide getrödelt – für Sauer ein Zeichen mangelnden Re­spekts: „Ich erwarte von niemandem, dass er 24 Stunden am Tag an den Achter denkt. Aber in dem Moment, wo er die Bootshalle betritt, erwarte ich das.“

An diesem Donnerstagmorgen im Mai trennen den Deutschland-Achter im Dortmunder Ruderleistungszentrum noch 447 Tage vom Olympischen Finale in der Bucht von Tokio am 31. Juli 2020. Doch die Stimmung wirkt so angespannt, als stünde der Kampf um die Medaillen unmittelbar bevor. Wortlos tragen die acht Männer das grüne Boot, 17,5 Meter lang, 96 Kilogramm schwer, 69.000 Euro teuer, an den Steg, legen es ins Wasser und schwingen sich auf ihre Rollsitze. Wer hier Platz nehmen darf, will diesen um fast jeden Preis verteidigen. Siebenmal wurde der Achter als Deutschlands Mannschaft des Jahres geehrt – einzig die Fußball-Nationalmannschaft gewann diesen Titel noch öfter.

Es ist der 3. September 1960, als auf dem Lago Albano bei Rom ein Mythos entsteht. Der Olympiasieg der Männer vom Ratzeburger See gehört zur Nachkriegs-Sportgeschichte wie der WM-Titel der „Helden von Bern“ 1954 oder der Gold-Ritt 1956 in Stockholm von Hans Günter Winkler auf Halla, der Wunderstute.

Die Helden von einst sind allgegenwärtig

Karl Adam, als Ruderprofessor geadelt, obwohl er selbst nie bei einem Wettkampf in einem Boot saß, hatte den ersten Achter geformt, der bei Olympischen Spielen die Phalanx des Seriensiegers USA brechen konnte. Kraftübungen zeigte er mit seinem vernarbten linken Unterarm, Granatsplitter hatten ihn im Krieg verwundet. Der Studenten-Boxweltmeister und Hammerwerfer drillte „seine Burschen“, wie er sie nannte, bis zur Erschöpfung. Acht Jahre später holte die Adam-Crew wieder Gold, auch 1988 (Seoul) und 2012 (London) siegte Deutschland.

Der Achter – Traumschiff und Galeere zugleich. Acht Ruderblätter, die absolut synchron eintauchen. Eine Mannschaft, die die Riemen bis zur totalen Erschöpfung durch das Wasser zieht – und doch mit der Präzision eines Metronoms.

Im Dortmunder Leistungszentrum hängt das Poster mit den Olympiasiegern von Seoul direkt neben dem Bild der Goldmedaillen-Gewinner von London – die Helden von einst sind allgegenwärtig. Maximilian Planer (28), ein bärtiger 1,95-Meter-Mann, 95 Kilogramm geballte Muskelkraft, deutet auf ein schwarzes Sofa in der Ecke des Konferenzraums. „Dort habe ich gesessen, als der Trainer den Kader für den Achter bekannt gab“, sagt Planer. Es war der Tag, den Bundestrainer Uwe Bender den „härtesten Tag der gesamten Saison“ nennt. Der Tag, an dem er die Teams nominiert: für die beiden Zweier, für den Vierer – und eben für den Achter. Es ist das Zwischenzeugnis nach der Wintervorbereitung. Journalistik-Student Planer erfuhr an jenem April-Tag, dass er seinen Platz im Boot abgeben muss.

Bender entscheidet sich gegen Planer und Wimberger

Bender strich neben Planer auch noch Felix Wimberger (29), holte Laurits Follert (23) und Christopher Reinhardt (22) ins Paradeboot. „Das war schon krass. Ich habe mich gefragt, wo wir es verkackt haben“, sagt Planer. Für ihn ein bitteres Déjà-vu, bereits vor den Spielen in Rio de Janeiro 2016 hatte er seinen Platz im Achter verloren. Doch Planer will nicht nachkarten, die jüngeren Konkurrenten seien in der Vorbereitung stärker gewesen, Benders Begründung („Wir haben jetzt mehr PS im Boot“) nachvollziehbar. Mit Wimberger holte er im Vierer Anfang Juni Bronze bei der EM in Luzern. Und doch haben beide nur ein Ziel: noch härter trainieren, um in Tokio wieder im Achter zu sitzen. Im deutschen Traumschiff.

Bundestrainer Bender spricht von „schlaflosen Nächten“ vor der Nominierung. Keiner kann die Qualen im Kampf ums Traumschiff besser einschätzen. Wie Schwimmen gilt Rudern als Fleißsportart, zwischen 6500 bis 7000 Ruder-Kilometer spult jeder Athlet in einer Saison ab, dazu die ständige Schinderei im Kraftraum. Dennoch entspricht Bender so gar nicht dem Schleifer-Klischee. Der Karlsruher redet ruhig und bedächtig, holt für den Reporter, der ihn im Trainer-Motorboot begleitet, stets ein wärmendes Sitzkissen. „Ich gehe auf die Athleten ein, spreche mit ihnen über ihre Sorgen“, sagt Bender.

Bei Nominierungen habe er schon alles erlebt. Tränen, Wut, Resignation. Planer und Wimberger hätten vergleichsweise gefasst reagiert: „Sie haben den Bus, der auf sie zufuhr, kommen sehen.“ Dennoch hätte er den bequemeren Weg gehen können: festhalten an der alten Crew, die zweimal Weltmeister wurde, nach Rio kein Finalrennen mehr verlor und 2017 die Weltbestzeit aufstellte. Andererseits zeigt ein kurzer Blick zum Fußball den schmalen Grat zwischen Treue und Verrat am Leistungsprinzip: Joachim Löw vertraute bei der WM in Russland seinen 2014er-Weltmeistern – und erlebte ein Debakel.

Ein Ruderer verbrennt bis zu 6500 Kalorien pro Trainingstag

Der Blick durch bodentiefe Fenster fällt auf den Dortmund-Ems-Kanal. In Reih und Glied stehen Ergometer in der Sporthalle des Leistungszentrums, Maschinen, die mit Rollsitz und Schwungrad das Rudern simulieren. Volker Grabow, in den 1980er-Jahren zweimal Weltmeister im Vierer, hat viele Jahre selbst auf solchen Geräten Kondition gebolzt. Jetzt prüft er als Trainingswissenschaftler, was die Ruderer leisten können, wie belastbar sie sind. Wie Politiker nach Prognosen an Wahlabenden gieren die Sportler nach diesen Werten, von ihnen hängt entscheidend ab, wer im Achter sitzt. Und wer nicht.

Keiner war in diesem Frühjahr auf dem Ergo stärker als Christopher Reinhardt. Der Medizinstudent holt sich in der Kantine des Leistungszentrums noch einen Nachschlag Nudeln mit Hähnchenbrustfilet. Bis zu 6500 Kalorien verbrennt ein Top-Ruderer an einem Trainingstag. „Ich bin es gewohnt, über meinen Appetit zu essen“, sagt Reinhardt.

Im November 2017 stand seine Karriere auf der Kippe. Wachstumsfugen in den Knien hatten sich verschoben, nach der Operation fiel er neun statt der prognostizierten drei Monate aus. Umso erstaunlicher sein Comeback: Bestwert auf dem Ergo, dritter Rang bei den Deutschen Kleinbootmeisterschaften im Zweier an der Seite von Schlagmann Hannes Ocik – das ersehnte Ticket für den Achter. „Das Glücksgefühl über die Nominierung war genial. Übertroffen werden kann das nur noch durch Medaillen bei einer WM oder Olympischen Spielen“, sagt Reinhardt.

Wie hart dieser Weg wird, zeigt sich in diesen Wochen. Der Laie sieht nur von Erschöpfung und Schmerz gezeichnete Athleten, die die Riemen bis zu 48-mal pro Minute durch das Wasser peitschen. Experte Bender beobachtet dagegen aus seinem Motorboot genau, wie das Boot fährt, wenn die Riemen über der Wasseroberfläche schweben. Rund 800 Kilogramm Körpergewicht rollen im Freilauf gegen die Fahrtrichtung des Bootes. Geschieht dies nicht nach jedem Schlag absolut synchron, tauchen die Blätter ungleich ein. Im Orchester hört vielleicht ein Kritiker einen falschen Ton, im Achter kann ein minimaler Wackler den Sieg kosten.

Sensoren messen die Kraftkurve jedes Einzelnen

Ein schnauzbärtiger Mann spürt genau diese Fehler auf. Stefan Weigelt, promovierter Sportwissenschaftler und begnadeter Tüftler, rüstet das Boot bei Messfahrten mit Sensoren aus. Auf seinem Laptop zeigt er die Kraftkurven der Ruderer. Im Idealfall, sagt er, liegen sie deckungsgleich übereinander.

Die alte Crew, das kann man sagen, kam diesem Ideal sehr nah. „Physisch waren andere stärker, technisch wir aber besser“, sagt der Hamburger Torben Johannesen (24/RC Favorite Hammonia), seit Rio fester Bestandteil des Deutschland-Achters. Benders Mission lautet nun, die durch die Umbesetzungen gewonnenen PS wirklich aufs Wasser zu bringen. Verspielt der neue Achter seinen Vorsprung durch Technik, ist alles verloren. „Das Boot läuft noch nicht wirklich gut“, sagt Bender. Reinhardt gab nach den ersten Einheiten ehrlich zu: „Die Mannschaft zeigt einem die Defizite gnadenlos auf.“

Knapp fünf Wochen vor der WM Ende August im österreichischen Ottensheim gibt die Frage nach der Gold-Reife für Tokio Rätsel auf: Den Siegen bei der EM in Luzern sowie beim Weltcup im polnischen Posen folgte vor zwei Wochen eine klare Niederlage gegen die Briten beim Weltcup in Rotterdam. Steuermann Martin Sauer war entsprechend bedient: „Wir haben eine richtige Klatsche bekommen. An den entscheidenden Stellen war kein Saft da.“

Steuermann Sauer hasst unprofessionelles Verhalten

Einer wie er kann nur Klartext reden. Sauer, wichtigster Mann Benders bei der Operation Olympia-Gold, gibt den Kurs nicht nur auf dem Wasser vor. Wer mit den Achter-Athleten über Sauer spricht, hört Bewunderung („Der Beste der Welt“), Respekt („Der ehrgeizigste Mensch auf diesem Planeten“) und leise Kritik: „Martin muss aufpassen, dass er den Bogen nicht überspannt.“ Bender weiß das, jüngst forderte er von seinem engsten Vertrauten mehr Nachsicht ein, zu viel Kritik verunsichere die Mannschaft.

Als der „Tagesspiegel“ Sauer einmal bat, einen Ruderwitz zu erzählen, konterte der Steuermann: „Sorry, ich kenne gar keinen. Wir erzählen uns im Achter keine.“

Nein, der Berliner taugt nicht zum Stimmungsmacher. Dafür weiß er mehr über Personalführung als viele Autoren kluger Ratgeber. Schon als Elfjähriger steuerte Sauer das erste Mannschaftsboot, sechs Jahre später führte er den deutschen Junioren-Achter zum WM-Sieg. Seit 25 Jahren gibt der Berliner nun gegenüber Athleten, die ein, zwei Köpfe größer sind, den Ton an. Das kann nicht gelingen, wenn man unkontrolliert herumbrüllt. Auftritte wie an jenem Morgen im Bootshaus geschehen mit kaltem Kalkül. Der Steuermann spürt, wenn Mangel an Disziplin den Kurs gefährden könnte. Er hasst unprofessionelles Verhalten.

Die Niederlage gegen die Briten in Rio 2016 wurmt ihn noch heute. „Das war eine Katastrophe mit Ansage.“ Der Verband hätte das Quartier viel näher an die Regattastrecke legen müssen: „Die Briten schlenderten entspannt zum Training. Wir saßen bis zu zweieinhalb Stunden im Bus.“

Der Wettbewerb unter den Ruderern ist gnadenlos

Ein Mitglied der Silber-Crew von 2016 nimmt an einem warmen Juli-Nachmittag auf der Terrasse des Ruder-Clubs Favorite Hammonia Platz, ein paar Schritte entfernt legt gerade ein Zweier an. Eric Johannesen, in London mit Sauer im Achter Olympiasieger, hat das Restaurant seines Vereins an der Alster als Treffpunkt vorgeschlagen. Dabei könnte es ihm niemand verdenken, wenn er momentan einen großen Bogen um jedes Ruderboot machen würde.

Zehn Tage zuvor erlebte Johannesen in Posen den wohl bittersten Moment seiner Karriere. In einem kurzen Gespräch informierte ihn das Trainerteam, dass er ab sofort nicht mehr zum Kader gehöre. Zu schwach seien seine Leistungen auch bei diesem Weltcup im Zweier gewesen.

Die Entscheidung hatte sich schon angedeutet. „Eric ist aktuell noch immer weit entfernt von der Leistungsfähigkeit, die ihn in den Olympiazyklen vor London und Rio ausgezeichnet hat. Seine Physis war damals ein wahnsinniges Pfund, jetzt liegt er unter dem Durchschnitt des Teams“, sagte Cheftrainer Bender bereits im Juni.

Das Aus für Johannesen zeigt den gnadenlosen Wettbewerb unter den Ruderern. Nach einem selbst verordneten Pausenjahr, das er für den Abschluss seines Wirtschaftsingenieur-Studiums nutzte, hatte sich Johannesen Anfang 2018 wieder in die Elite zurückgekämpft, wurde aber dennoch nur als Ersatzmann für EM und WM nominiert. Für sein erneutes Comeback im A-Kader trainierte der 31-Jährige so hart, dass er sich eine Sehnenscheidenentzündung im rechten Arm einhandelte: „Ich habe viel für das Team geopfert. Ich habe meine Familie fünf Tage die Woche in Hamburg zurückgelassen, mir eine Wohnung mit meinem Bruder in Dortmund genommen, alles dem Ziel, wieder ins Team zu kommen, untergeordnet.“

Der Rudersport im Verein wird medial kaum beachtet

Umso größer nun die Enttäuschung, dass sein Traum vom Sieg in Tokio in einem Boot mit seinem jüngeren Bruder Torben so abrupt endet. „Ich muss die Entscheidung der Trainer akzeptieren, auch wenn sie für mich schwer nachvollziehbar ist“, sagt Eric Johannesen. Bei der Selektion, also bei den Kleinboot-Meisterschaften, sei er zumindest im Mittelfeld gewesen, auf dem Ergo sogar besser als zwei andere Athleten aus dem jetzigen Achter. Sein bitteres Fazit: „Es spricht vieles dafür, dass es keine rein sportliche Entscheidung war. Ich habe das Gefühl, dass es zwischenmenschlich nicht mehr gepasst hat, dass ich nicht mehr erwünscht war.“

Insgesamt, sagt er, hätte er sich vom Trainerteam mehr Unterstützung gewünscht: „Ich bin mir bewusst, dass ich auf dem Ergometer noch nicht auf meinem alten Leistungsstand bin. Leider wurde nicht individuell darauf eingegangen, dass ich gegebenenfalls andere Reize gebraucht hätte. Letztes Jahr erst aus dem Team raus zu sein, dann wieder drin, bis Dezember keinen festen Zweierpartner zu haben, die Geringschätzung durch den Trainer zu spüren, das alles zehrt.“

Nun gehört Scheitern zum Leistungssport wie Pokale und Medaillen. Und doch ist die Drucksituation im Rudern eine andere. Im Fußball kann Weltmeister Mats Hummels, aussortiert aus dem Nationalteam, beim FC Bayern nicht mehr als Stammspieler gesetzt, als Hoffnungsträger zum Rivalen Borussia Dortmund wechseln. Im Rudern wird der Vereinssport medial kaum beachtet. Und bei einer Regatta gibt es keinen Joker, der durch eine einzige Tat vom Ersatzspieler zum Helden werden kann. „Im Achter sind wir ein Team, aber eben doch Konkurrenten, die um ihren Platz kämpfen müssen“, sagt Johannesen.

Sein Comeback bereut er dennoch nicht: „Die Erfahrungen, die ich machen musste, waren für mich immens wichtig.“ Denn Johannesen will nach der Karriere im Sport bleiben: „Ich glaube nicht mehr, dass ich glücklich werde, wenn ich dauerhaft im Büro arbeite. Ich mache meine Trainerscheine, würde gern im Leistungsbereich arbeiten.“

Torben Johannesen lebt ein Leben am Limit

Doch noch, sagt er zum Abschied, sei das nächste Comeback möglich. Niemand könne wissen, wohin der Achter nach Tokio sportlich steuert. Deshalb wird er auch weitertrainieren, statt auf dem Dortmund-Ems-Kanal eben auf der Alster im Verein. Seine Freundin würde jede Entscheidung respektieren – schließlich war sie selbst eine exzellente Ruderin.

Für seinen Bruder ist die Entscheidung in doppelter Hinsicht bitter. Torben Johannesen verliert seinen engsten Vertrauten im Boot, Erics Erfolge animierten ihn zum Rudern. Bei dessen Olympiasieg 2012 baten ihn die Eltern, alle Zeitungen mit Fotos von Eric auf der Titelseite zu kaufen. Vom Kiosk kehrte er mit einem großen Stapel zurück: „Jedes Blatt hatte den Achter-Triumph auf der ersten Seite.“

Zudem büßt er seinen WG-Partner ein. Die Brüder hatten sich gemeinsam eine Wohnung im Dortmunder Kreuzviertel gesucht, um Miete zu sparen.

Dabei führt er ohnehin ein Leben am Limit. Aus der aktuellen Achter-Crew pendelt nur er: zwei Tage Hamburg, fünf Tage Dortmund. Der Wechsel an eine Uni im Ruhrgebiet würde ihn zwei Semester kosten, zudem wohnt seine Freundin an der Elbe. Die Trainer sehen die Fahrerei nicht gern, aber tolerieren sie, weil sie Torbens unbändigen Ehrgeiz kennen. Als ihn das Abendblatt in Hamburg an einem Montagmorgen um 8.30 Uhr zum Frühstück in Uni-Nähe trifft, hat er sich bereits 90 Minuten auf dem Ergometer gequält. Und nach dem Termin geht es direkt zum Seminar. Am späten Abend wieder nach Dortmund. Nun muss er überlegen, ob er die Wohnung nach dem bevorstehenden Auszug seines Bruders ganz aufgeben soll. Oder sich einen anderen Ruderkameraden sucht.

Ruderer in Rio tief enttäuscht über Silber

Nur ein paar Straßen entfernt von der Johannesen-WG trocknen Trainingsklamotten über Wäscheständern, im Wohnzimmer steht ein mächtiger Billardtisch. Schlagmann Hannes Ocik, Achter-Neuling Follert und Marc Leske aus dem Riemen-Zweier wohnen ebenfalls im Kreuzviertel zusammen, zehn Autominuten vom Leistungszentrum entfernt. Der Zufall will es, dass alle auf der Backbord-Seite rudern. „Eigentlich müsste ich euch beiden was ins Essen tun, um in den Achter zu kommen“, ruft Leske unter dem Gelächter seiner WG-Mitbewohner, als er Obst für den Salat schnippelt.

Ocik, ausgebildeter Polizist, hat deutlich mehr Humor als sein Steuermann, dem er als Schlagmann gegenübersitzt. Doch beim Ehrgeiz sind sie Seelenverwandte. Ociks Karriere schien schon vorbei, bevor sie begann – als B-Junior infizierte er sich mit Pfeifferschem Drüsenfieber: „Die Ärzte wussten nicht, ob es noch was wird mit Leistungssport.“ Zwei Jahre später – Ocik hatte sich wieder an die Spitze gekämpft – der nächste Rückschlag: Bei der Qualifikation zur Junioren-WM steuerte er im Zweier gegen eine Boje und kenterte – die Höchststrafe im Wettkampf. 2014 dann das „Seuchenjahr“, wie Ocik es nennt. Der Schweriner verschleppte einen Virus, lag wochenlang flach: „Ich fühlte mich wie ausgewrungen.“ Doch Ocik kam erneut stärker zurück, mit ihm als Schlagmann holte Deutschland 2016 in Rio Silber.

Allerdings zeigen gerade die Minuten nach dem Finale in Brasilien den fast unmenschlichen Druck im Achter: Statt sich über den so knapp erkämpften zweiten Platz zu freuen, steigen die Ruderer tief enttäuscht aus ihrem Boot. „Das waren vier Jahre Arbeit für eine Silbermedaille. Da fragt man schon: Warum?“, klagt Ocik in ersten Interviews.

Ein Mythos, der bei Olympischen Spielen entstand, kann nur bei Olympischen Spielen fortgeschrieben werden. Nur dann richten sich alle Scheinwerfer auf die Ruderer – zur EM in Luzern im Juni schickten nicht einmal die Nachrichtenagenturen Reporter.

Max Reinelt stirbt mit 30 Jahren an Herzversagen

Richard Schmidt (32), nunmehr im zehnten Jahr in Folge im Deutschland-Achter, inzwischen Athleten-Sprecher, stellt sich die Frage nach dem Warum derzeit besonders oft. Sein Gang in die Bootshalle führt vorbei an einem gelben Renn-Einer mit dem Schriftzug „Max Reinelt“. In diesem Boot wollte Reinelt, mit Schmidt Olympiasieger von London 2012, nach dem Karriereende und Medizinstudium noch zum Spaß auf der Donau rudern. Doch der Arzt starb im Fe­bruar mit nur 30 Jahren auf der Langlaufloipe in St. Moritz an plötzlichem Herzversagen, das gesamte Team kam zur Trauerfeier nach Ulm. „Ich weiß nicht, ob ich es jemals schaffen werde, in seinem Boot zu rudern“, sagt Schmidt.

Ein paar Tage vor seinem Tod hatte Reinelt seinem Freund noch eine Handy-Nachricht geschickt. Schmidt schrieb kurz zurück, er rufe bald an, gerade so viel zu tun. Zu dem Telefonat kam es nicht mehr. Als vor Jahren ein Vertrauter aus seinem Trierer Ruderverein starb, wäre Schmidt gern zur Beerdigung gefahren – es ging nicht, wieder war das Training gerade wichtiger. „Ich weiß gar nicht, wie viele Hochzeiten und Geburtstage ich durch den Leistungssport verpasst habe“, sagt Schmidt.

Nach einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln trainieren Ruderer im Schnitt 35,8 Stunden die Woche, dazu kommen 24,2 Stunden für Arbeit, Ausbildung oder Studium. Schmidt, der gerade seine Doktorarbeit über erneuerbaren Strom und Wasserstoff schreibt, hält eine 70-Stunden-Woche für realistischer. Dank der Förderung durch Sporthilfe, Bundeswehr – der Wirtschaftsingenieur ist Sportsoldat – und Sponsoren komme er finanziell über die Runden: „Ruderer, die am Anfang ihrer Karriere stehen, haben es viel schwieriger.“

„Mein größter Sponsor sind meine Eltern“, bestätigt Christopher Reinhardt. Fast entschuldigend fügt er hinzu, dass er für Olympia im Medizinstudium eine Pause einlegen werde, die er aber für die Promotion nutzen möchte. Und natürlich will er weiter jeden Freitag Fagott spielen mit seinem Orchester in Marl. Es ist der Moment, wo man sich fragt, welche Eruptionen eine Schlagzeile wie diese auslösen würde: „Marco Reus: Für die EM unterbreche ich mein Studium – aber meine Doktorarbeit schreibe ich“.

Leistungsdiagnostiker Grabow sieht die Belastung mit Sorge, besonders im Trainingslager, wenn die Ruderer zwischen kräftezehrenden Einheiten Klausuren unter Aufsicht schreiben. „Der Schlaf kommt zu kurz“, warnt Grabow.

Wenn Torben Johannesen über seine 70-Stunden-Woche spricht, hört er mitunter, niemand dürfe erwarten, dass die Gesellschaft sein Hobby finanziere: „Aber auf der anderen Seite wird Gold von uns verlangt, das passt nicht zusammen.“ Sein Bruder Eric klapperte nach dem Olympiasieg 2012 Hamburger Autohäuser ab, um ein gesponsertes Auto für die Fahrten nach Dortmund zu bekommen – vergebens. Der Achter funktioniert allein als Marke, die Männer im Boot erkennen nur Insider. Kein Ruderer kann sich guten Gewissens allein auf seine sportliche Karriere konzentrieren.

Ausgerechnet bei Olympia darf der Sponsor nicht werben

Dass der Achter überhaupt unter so professionellen Bedingungen trainieren kann, hat das Team einem inzwischen 88 Jahre alten Ingenieur zu verdanken: Jochen Opländer initiierte als Chef des Dortmunder Pumpenherstellers Wilo (7800 Mitarbeiter, knapp 1,5 Milliarden Umsatz) die Partnerschaft mit dem Deutschland-Achter. Opländer sagt, er sei nie in seinem Leben in einem Fußballstadion gewesen: „Rudern ist mein Lebenselixier.“

Beim Olympiasieg in London standen die Wilo-Bänder still, die Belegschaft verfolgte das Rennen auf Großbildschirmen. Doch wenn der Achter am 31. Juli 2020 in Tokio um Gold kämpft, wird der Wilo-Schriftzug überklebt – ausgerechnet an dem Tag, wo sich der mediale Fokus weltweit auf den Achter richtet, sperrt das IOC-Reglement die nationalen Sponsoren aus.

Sauer wird an jenem Freitag, dem Schlusstag der Olympischen Ruder-Wettkämpfe, auf eine Motivationsansprache verzichten, der Worte sind dann wirklich genug gewechselt: „Bis dahin werden wir uns ungefähr hundertmal angeschrien haben.“ Der Steuermann wird die Konkurrenz genau beobachten, Schlagzahlen vorgeben, ruhig bleiben, auch wenn der Achter zurückliegen sollte: „Panisches Geschreie sorgt nur für Hektik und stört den Rhythmus.“

Auf etwa 22 km/h wird das grüne Boot durch die Bucht von Tokio beschleunigen, angetrieben von acht Ruderern, die am Ende in den berüchtigten Tunnel geraten, wenn ihnen schwarz wird vor Augen, weil jeder Muskel brennt. „Du hast einen Geschmack von Blut im Mund“, hat Eric Johannesen einmal gesagt. Er musste sich nach dem Sieg 2012 in London übergeben, das Überschreiten der „Kotzgrenze“ habe sich gut angefühlt: „Dann weißt du, dass du alles gegeben hast.“

Sollte der Achter 60 Jahre nach Rom wieder Gold holen, weiß Sauer, was ihm blüht. Sie werden sich den Kleinsten aus ihrer Crew schnappen und ihn ins Wasser werfen. Der Steuermann kann mit dem Ritual nichts anfangen: „Meistens ist es saukalt im Wasser.“ Er wird auch das verschmerzen.