Hamburg ist derzeit die Hauptstadt des Beachvolleyballs

Das deutsche Damen-Duo: Olympiasiegerin Laura Ludwig mit Margareta Kozuch.

Das deutsche Damen-Duo: Olympiasiegerin Laura Ludwig mit Margareta Kozuch.

Foto: Thomas Kettner / Vitesse

Wie sich ein Strandspaß zum Profisport entwickelte, welche Rolle Hamburg dabei spielt und alles zur WM am Rothenbaum.

Hamburg.  Es sind zwar nur gut 17 Kilometer vom Strandweg in Blankenese bis zur Hallerstraße. Doch für Hamburgs Strandflugballspieler war es ein verdammt weiter Weg: Wenn seit diesem Freitag im Tennisstadion am Rothenbaum bis zum Sonntag, dem 7. Juli, erstmals in der Hansestadt zu einer Beachvolleyball-Weltmeisterschaft aufgeschlagen wird, ist es fast auf den Tag genau 30 Jahre her, dass am Elbstrand von Blankenese das erste Beachvolleyball-Turnier Hamburgs ausgetragen wurde.

Das Kuriose: Ohne zwei Österreicher wäre es wohl nie so weit gekommen. Hannes Jagerhofer (57), der mit der Beachvolleyball-WM 2001 in seiner Heimatstadt Klagenfurt seinen Ritterschlag als Organisator erlebte, veranstaltet jetzt auch die mit einer Million US-Dollar Preisgeld dotierten Titelkämpfe am Rothenbaum – auf zweimal gesiebtem, kantenrundigen Sand mit einer Korngröße von maximal einem Millimeter. Die vom Hamburger Publikum in den Jahren 2016 bis 2018 in Massen angenommenen Major-Turniere der Weltserie – im vergangenen Jahr kamen an sechs Turniertagen mehr als 70.000 Besucher – waren vor anderthalb Jahren die Entscheidungsbasis für die sportliche Aufwertung.

Jagerhofers Landsmann Erich Maderthaner indes, ein früherer Weltcup-Profi im Windsurfen, ließ schon Ende Juni 1989 am alles andere als feinsandigen Elbstrand von Blankenese ein paar Netze spannen und brachte so erstmals einen Hauch von Kalifornien in den Westen Hamburgs. Ein paar wenige Schaulustige guckten bei wechselhaftem Wetter zu, und die HSV-Universalspieler Andreas Boltze und Christian Voß, der im Januar 2000 mit seiner Lebensgefährtin bei einem Verkehrsunfall auf der A 1 in der Nähe von Bremen tragisch ums Leben kam, zeigten, dass beim Beachvolleyball die Grundtechniken Baggern, Pritschen, Schmettern, Blocken und Aufschlagen gleichermaßen beherrscht werden sollten. Als Siegprämie gab es T-Shirts. Bei der WM 2019 sind bei Frauen und Männern jeweils 100.000 Dollar für die Gewinner ausgelobt.

Hamburg ist in Sachen Beachvolleyball echte Provinz

Nach der Premiere in Blankenese sollten sieben Jahre vergehen, bis in Hamburg ein Turnier der ranghöchsten deutschen Serie ausgetragen werden konnte: 1996 im aufgeschütteten Sand auf dem Platz vor den Deichtorhallen. Der öffentliche Elbstrand von Övelgönne hatte sich zwei Jahre zuvor als zu verschmutzt erwiesen – weder Hamburger Spitzen- noch Hobbyspieler hatten beim Turnier im Sand mit Grillresten, Gabeln und benutzten Kondomen ihren Spaß.

Auch die Trainingsplätze waren rar: Hamburgs Keimzelle lag am Planschbecken im Stadtpark; bis zu 18 Netz-Anlagen von Cracks und Amateuren standen mangels anderer Flächen hier im Sommer 1995 nach Feierabend im Sand – Mütter riefen aus Sorge um ihre Kinder mehrmals die Polizei auf den Plan. „Hamburg ist in Sachen Beachvolleyball echte Provinz. Das ist ein Problem“, zürnte Frank Mackerodt. „Wahrscheinlich wird sich künftig aber alles stark in Richtung Kommerzialisierung entwickeln“, ahnte Hamburgs Sand-Pionier, damals wie heute Deutschlands führender Turnier-Organisator.

Wenige Wochen später schüttete die Stadt wegen des sich abzeichnenden Beach-Booms Extra-Sand auf eine nahe gelegene Rasenfläche, eine weitere Sandfläche im Stadtpark folgte, ebenso eine Anlage mit zwei bis drei Feldern im Uni-Sportpark Rotherbaum für den seit 1996 olympischen Beachvolleyball. Und als die Hamburger Jörg Ahmann/Axel Hager vom Eimsbütteler TV 2000 am Bondi-Beach in Sydney mit Bronze überraschend die erste deutsche Medaille gewannen, rüsteten immer mehr Vereine mit eigenen Beach-Anlagen nach. Ende 2007 eröffnete mit dem BeachCenter am Olympiastützpunkt am Dulsberger Alten Teichweg eine Halle mit acht Indoor-Courts – inklusive Hightech-Kameras für die Nationalspieler – sowie mit zehn Outdoor-Feldern.

Hier ist seit Januar 2017 auch der neue Bundesstützpunkt Beachvolleyball beheimatet. Möglich wurde das, weil die Stadt und der HSV e. V., bei dem derzeit drei Nationalteams unter Vertrag stehen, jeweils 100.000 Euro jährlich für die beim Deutschen Volleyball-Verband angestellten Bundestrainer zuzahlen. „Hamburg ist die Beachvolleyball-Hauptstadt der Republik“, darf Innen- und Sportsenator Andy Grote, der maßgeblichen Anteil an der jüngsten Entwicklung hat, deshalb zu Recht sagen. Mit den meisten Spielerinnen und Spielern ist der SPD-Politiker heute per Du.

Beachvolleyballer stehen stets für Fotos und Selfies bereit

Nur die Suche nach einem Standort für erstklassige Turniere gestaltete sich in der Wiege und Hochburg des deutschen Strandflugballs noch schwieriger und langwieriger: Nach dem Blankeneser Elbstrand und dem Deichtorhallen-Vorplatz folgten das Heiligengeistfeld auf St. Pauli, 2002 erstmals der Rathausmarkt für ein deutsches Masters-Turnier und 2008 für die Europameisterschaft (mit Nebenplätzen an der Elbe in Altona), danach der inzwischen bebaute Strandkai in der HafenCity, die Schlossinsel im Harburger Binnenhafen und 2015 einmalig die Moorweide am Dammtor.

Erst 2016 konnte Mackerodt mit dem Tennisstadion am Rothenbaum an seinem Traumort aufschlagen – in Verbindung mit einem großen internationalen Turnier und dem Österreicher Jager­hofer. Und zur Not jetzt unter dem modernisierten mobilen Dach. Die innere Membran wurde vor dem Turnier ausgetauscht. Kosten: rund eine Million Euro. Da dürfte sogar ein zur Jahrtausendwende von Mackerodts langjährigem Pressechef Frank Ehrich (Agentur comtent GmbH) bemühter Spruch in Sachen gutes Wetter obsolet sein: „Macke macht gerade seinen Regentanz“ ...

Die Geschichte des deutschen und des Hamburger Beachvolleyballs ist untrennbar mit dem Namen Mackerodt (56) verbunden. In den 1980er-Jahren war der 111-malige Nationalspieler Kapitän einer der erfolgreichsten Hamburger Sportmannschaften, der (Hallen-)Volleyballer des HSV. Viermal deutscher Meister, viermal deutscher Pokalsieger, bei Europapokalspielen gegen die italienischen Topteams aus Parma und Modena füllten bis zu 5000 Zuschauer die Sporthalle Hamburg in Winterhude.

1990 reisten Mackerodt und sein langjähriger Mannschaftskamerad Hauke Braack in die USA, um Beachvolleyball kennenzulernen. Ein Team des NDR begleitete sie nach Kalifornien. Mackerodt, damals einer der populärsten Sportler der Stadt, erkannte an den Stränden von Long Beach das Potenzial des Strandspiels, das in Deutschland zu dieser Zeit mehr Urlauberspaß denn ernsthafter Sport war. 1991 und 1992 fanden in Damp 2000 an der Ostsee – vom Volleyball-Verband organisiert – erstmals deutsche Meisterschaften statt. Mackerodt wollte sie lieber auf Sylt ausrichten, sein späterer Geschäftspartner Matthias Neumann überredete ihn, es in Timmendorfer Strand zu versuchen. 1993 begann dort die Erfolgsgeschichte des deutschen Beachvolleyballs. Die nationale Serie stieg hinter der nordamerikanischen Tour zur zweitstärksten der Welt auf. Mit 300.000 Euro Preisgeld für neun Turniere ist sie immer noch die am zweitbesten dotierte.

Auf und neben den Feldern herrscht Partystimmung

Neumann und Mackerodt revolutionieren mit ihrer später insolvent gehenden Agentur MNP den traditionellen Ablauf von Sportveranstaltungen. Beim Beachvolleyball ist der Eintritt außerhalb des VIP-Bereichs frei, Moderatoren und Musik unterhalten das Publikum zwischen den Ballwechseln. Auf und neben den Feldern herrscht Partystimmung, die Kleidung ist leger, bei Strandturnieren erklimmen die Zuschauer gern nach dem (Sonnen-)Baden barfuß die Tribünen. Sponsoren können ihre Produkte an Orten präsentieren, an denen Werbung gewöhnlich untersagt ist: in Innenstädten, vor dem Rathaus, an Strandpromenaden, im Kurzentrum. Der persönliche Kundenkontakt rentieret sich. Das hat seinen Preis. Aldi Nord (Lebensmittel) und comdirect bank (Kreditinstitut) zahlen hohe sechsstellige Summen, um an den zehn WM-Tagen auf und neben den drei Courts als Hauptsponsoren wahrgenommen zu werden.

„Die Events sind kostenlos und meist am Wochenende. Das ist viel Erlebnis zum Nulltarif, dazu Spitzensportler und bekannte Gesichter“, erklärt der Hamburger Soziologe Markus Friederici, selbst Volleyballspieler, das Phänomen Beachvolleyball. „Zudem gibt es Erfolgsgeschichten, in denen hohes Identifikationspotenzial steckt: Ahmann/Hager gewinnen als erstes deutsches Team eine Olympiamedaille, die Kölner Julius Brink/Jonas Reckermann und die Hamburgerinnen Laura Ludwig/Kira Walkenhorst werden Olympiasieger.“

Generell seien die Menschen fasziniert von Geschichten mit vielen Emotionen, sagt Friederici, „und beim Beachvolleyball werden diese erzählt, hautnah, und das an nur drei Tagen; nicht über vier Wochen wie bei einer Fußball-WM. Freitag durch die Qualifikation gekämpft, Sonntag im Finale. Und wenn es nicht so ist, so besteht für dich zumindest die Chance auf diesen Traum.“

Beachvolleyballer schotten sich nicht ab, laufen gern über das Turniergelände, sind ansprechbar, stehen für Fotos, Selfies und Autogramme zur Verfügung. Oder sie sitzen, wenn sie nicht gerade selbst spielen, genau wie die Fans auf der Tribüne, schauen ihren Kollegen zu, lassen sich in den Strudel der Emotionen ziehen.

Veranstalter rechnet mit mehr als 100.000 Besuchern

Ein Beachvolleyballspiel hat oft etwas Magisches. Die Bässe, die Musikeinspielungen, die eigens entwickelten Moves sind auf das sportliche Geschehen abgestimmt. DJ und Stadionsprecher erfassen Spielsituationen und Stimmungen, die sie auf Knopfdruck untermalen und verstärken. Sie nehmen die Fans mit auf eine virtuelle Reise, die Dramen und Gänsehautmomente enthält. Das mag der Grund sein, warum viele Zuschauer emotional erschöpft zwischenzeitlich von den Tribünen fliehen, sich dann bei Bier, Brötchen, Bratwurst und Cocktails anderweitig vergnügen.

Beachvolleyball schaut man nicht bloß an; wer sich darauf einlässt, erlebt ein Spektakel, das immer mehr Menschen in seinen Bann zieht. 180.000 Fans pilgerten während der vergangenen Weltmeisterschaft Anfang August 2017 auf die Wiener Donauinsel; am Finaltag der Männer – mit österreichischer Beteiligung – mussten Zugangssperren errichtet werden.

In Hamburg werden jetzt bis zum 7. Juli mehr als 100.000 Besucher erwartet. Beim Major-Finale 2017, das kurz nach der WM in Wien stattfand, war der Rothenbaum ebenfalls überfüllt. Etwa 10.000 Besucher mussten draußen bleiben, auf zwei Videowänden vor dem Stadion das Endspiel verfolgen, das die damals frisch gekürten Weltmeisterinnen Ludwig/Walkenhorst dann unter ohrenbetäubendem Jubel gewannen.

Dass der Sport bei Höhepunkten auch im Fernsehen funktioniert, belegen die TV-Quoten der Spiele 2016 in Rio: 8,55 Millionen Zuschauer sahen das Halbfinale der späteren Olympiasiegerinnen Ludwig/Walkenhorst. Es war der deutsche Topwert dieser Sommerspiele.

Seit den Anfängen am Waikiki Beach von Hawaii um das Jahr 1915 hat Beachvolleyball sich vom Freizeitvergnügen zum Hochleistungssport entwickelt. Von den Stränden Kaliforniens, dort in den 1920er-Jahren als Alternative zum Hallenvolleyball gespielt und weil sich die Surfer langweilten, wenn zu wenig Wind herrschte, schwappte der Trend nach Brasilien und Europa herüber. 1989 bestand die US-Tour AVP bereits aus 23 Turnieren, als der Weltverband FIVB eine internationale Wettkampfstruktur schuf.

1996 entstand in Berlin die größte innerstädtische Anlage Europas

Da überraschte es nicht, dass in den ersten Jahren, 1989 bis 1993, mit Sinjin Smith und Randy Stoklos zwei US-Amerikaner die World Tour dominierten. Es folgte die Ära von Emanuel Rego, der dem internationalen Turniergeschehen 20 Jahre lange seine Siege aufdrückte. Der Brasilianer, der drei WM-Titel (1999, 2003, 2011) und drei olympische Medaillen gewann, steht für die Generation, die den Sport entscheidend prägte. „Wir mussten uns noch alles, was heute an Konditionen für die Profis selbstverständlich ist, erkämpfen“, sagt er.

Nachdem Beachvolleyball 1996 bei Olympia in Atlanta (USA) erstmals als offizielle Disziplin anerkannt war – 1992 in Barcelona war das Strandspiel als Demonstrationswettbewerb ins olympische Programm eingeführt worden –, wandelte sich das Bild der einstigen Funsportart. Es entstanden professionelle Strukturen mit festen Trainern, Sponsoren, höheren Preisgeldern und neuen Wettbewerben. Inzwischen haben die besten Teams der Welt einen Stab an Betreuern um sich versammelt, darunter Psychologen, Spielbeobachter und vor allem Physiotherapeuten.

Die steigende Bekanntheit führte dazu, dass immer mehr Menschen anfingen, nicht nur im Urlaub Beachvolleyball zu spielen. 1996 entstand in Berlin, 2005 Schauplatz der ersten WM auf deutschem Sand, die größte innerstädtische Anlage Europas. An Rios Copacabana, in Sierra Leone oder in Australien – überall spielen Menschen Beachvolleyball. Mehr als ein Netz, einen Ball und Badekleidung braucht es nicht, um zu baggern, zu pritschen und zu schmettern.

Bemerkenswert ist die Entwicklung in arabischen Ländern wie Ägypten oder Iran, wo Beachvolleyball lange Zeit wegen seines Körperkults nicht mit den religiösen Überzeugungen zu vereinen war. Seit acht Jahren ist auch das Spielen in langer Kleidung erlaubt, was dem einst eng mit dem Bikini verknüpften Sport noch mehr Anhänger verschaffte.

2016 in Rio ging ein Foto um die Welt, das die mit langer Hose und einem Hidschab bekleidete Ägypterin Doaa Elghobashy im Netzduell mit Kira Walkenhorst im Bikini zeigt. Beachvolleyball steht eben nicht nur für Sommer, Sonne, Spaß, auch für Individualität, Toleranz, gegenseitige Wertschätzung. Ein Beispiel dafür sind die Zuschauer. Abgesehen von Rio, wo alle Nationen, die gegen Brasilien antraten, in jeder Sportart ausgepfiffen wurden, ist besonders im Beachvolleyball die Anerkennung der gegnerischen Leistung auffällig.

In Skigebieten gibt es Snowvolleyball

Viele Spieler verbinden über Ländergrenzen hinweg Freundschaften. Sie treffen sich Woche für Woche auf der Weltserie, halten gemeinsam Trainingslager ab oder wohnen im selben Hotel. Es entstehen Gemeinschaften, genau wie bei den Amateuren, die sich im Sommer Tag für Tag auf ihrer Anlage verabreden. Auch im Winter gehen immer mehr Freizeitsportler in den Sand, nutzen die zahlreichen neuen Beachhallen. Inzwischen werden sogar in Skigebieten Netze gespannt. Dort wird aber drei gegen drei gespielt und nicht barfuß, sondern mit Stollenschuhen. Snowvolleyball nennt sich diese Variante, die sich anschickt, ebenfalls olympisch zu werden, wahrscheinlich erst 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo. In Peking 2022 sind bislang Demonstrationsspiele geplant.

Parallel zu den Profis werden auch Breitensportler immer professioneller: Sie engagieren Trainer, fahren in Beach-Camps, organisieren Turnierserien mit unterschiedlichsten Leistungsstufen. Die olympischen Goldmedaillen von Brink/Reckermann 2012 in London und Ludwig/Walkenhorst 2016 tragen einen großen Teil dazu bei, dass sich immer mehr Menschen hierzulande für Beachvolleyball begeistern. Die Zuschauerzahlen der deutschen Tour stiegen von 120.000 im Jahr 1993 auf 350.000 im vergangenen. Auch international steigt die Bekanntheit. Dafür trägt der Weltverband Sorge, der seine internationalen Turniere für mehr Nationen öffnet, immer wieder Botschafter in Länder schickt, in denen Beachvolleyball noch nicht so populär ist. In Hamburg gehen in diesen Tagen 96 Zweierteams aus 38 Nationen in den Sand, darunter zehn deutsche Duos.

Eine Entwicklung, die vor 30 Jahren nicht absehbar war, als in Blankenese die ersten Bälle übers Netz flogen. Kalifornien war gestern – Beachvolleyball ist jetzt an Elbe und Alster zu Hause.