Frauenregatta

Segler-Chefin: "Frauen finden es cool, sich zu messen"

| Lesedauer: 8 Minuten
Martina Goy
Nimmt gern das Ruder in die Hand: Mona Küppers (64), die Präsidentin des Deutschen Segler-Verbandes, auf einem
Boot des Norddeutschen Regatta Vereins, Veranstalter des Helga Cups.

Nimmt gern das Ruder in die Hand: Mona Küppers (64), die Präsidentin des Deutschen Segler-Verbandes, auf einem Boot des Norddeutschen Regatta Vereins, Veranstalter des Helga Cups.

Foto: Michael Rauhe

Weltweit größte Frauenregatta auf der Alster. Für Segler-Verbandschefin Mona Küppers ist es ein Wettbewerb der Zukunft.

Hamburg.  Sie ist die erste Frau seit fast 130 Jahren an der Spitze des deutschen Segler-Verbandes. Mehr noch: Sie ist die Vorsitzende des deutschen Frauenrates im Bundestag: Mona Küppers (64) steht für Gleichstellung und Gleichberechtigung. Vor dem Helga Cup, einer der Top-Ten-Sportveranstaltungen Hamburgs, spricht sie über starke Männer am Ruder und Frauen mit Köpfchen.

Hamburger Abendblatt: Frau Küppers, trotz jahrzehntelanger Emanzipation haben es Frauen in Ihrem Sport offenbar wieder nötig, eigene Wettbewerbe zu segeln. Stichwort Helga Cup - Frauen auf der Hamburger Alster unter sich?

Mona Küppers: Ich muss Ihnen widersprechen: Frauen haben es nicht nötig. Dennoch bin ich der Meinung, dass dieser noch junge weibliche Segelwettbewerb eine tolle Sache ist. Spitzensportlerinnen, Kaderathletinnen, Fahrtenseglerinnen, Jung und Alt, Anfängerin und Profi zusammen in einer Regatta, das ist fantastisch. Dazu kurze Rennen wie beim Bundesligaformat. Das mögen besonders die Zuschauer, die nah am Geschehen sind. Die überwältigende Resonanz auch in diesem Jahr zeigt, dass es der richtige Ansatz ist.

Andererseits werden reine Männer-Ruderclubs gerichtlich gezwungen, Frauen aufzunehmen, rein weibliche Ruderclubs weigern sich aber weiterhin, Männer aufzunehmen. Gleichzeitig wollen Frauen beim Segeln unter sich bleiben. Was ist das für eine Richtung, die da eingeschlagen wird? Zurück zur Geschlechtertrennung?

Küppers: Ich verstehe, was Sie meinen. Aber im Segelsport beispielsweise beweisen schon lange die vielen Mixed-Teams, dass Männer und Frauen vor allem auch auf höchstem Niveau wunderbar miteinander harmonieren. Für mich zeigt es etwas anderes. Frauen finden es cool, sich untereinander zu vergleichen, sich zu messen. Das hat nichts mit Zurück ins Patriarchat zu tun. Vielmehr mit gewachsenem Selbstbewusstsein. Das ist doch eine tolle Entwicklung.

Provokativ gefragt, weil Frauen zumindest im Sport akzeptieren müssen, dass Männer in einer anderen Liga spielen?

Küppers: Das ist jetzt böse formuliert. Aber in vielen Sportarten, ja in vielen Lebensbereichen, haben Frauen andere Vorstellungen und oft auch andere Bedürfnisse als Männer oder anders herum: Männer gestalten ihr Sporterleben und ihren Alltag oftmals anders als Frauen. Und das muss wertfrei gesehen werden.

Eine optimistische Aussage. Gerade der Segelsport ist männerdominiert. Ist es nicht so, dass Frauen an Bord zwar vieles machen, aber nach wie vor selten am Ruder stehen?

Küppers: Das stimmt. Ich komme noch aus einer Generation, da war es selbstverständlich, dass die Frauen an Bord nur kochen. Und ja, bei den Fahrtenschiffen erleben wir häufig noch die traditionelle Rollenverteilung: Mann am Ruder, die Frau an den Festmachern.

Was heißt das für Nichtsegler?

Küppers: Männer haben zwar oftmals mehr Kraft, aber trotzdem sind es häufig die Frauen, die gegen Wind und Wellen in den Häfen das Schiff mit Tauen festmachen. So viel zu den festgezurrten Geschlechterrollen. Aber da gäbe es viel zu erzählen …

Bitte …!

Küppers: Mein Mann ist ebenfalls Segler. Irgendwann rief ein Freund an, fragte, ob er zu Hause sei. Ich sagte, nein, kann ich helfen? Er sagte, nein, es geht um ein technisches Problem mit dem Boot. Ich sagte, prima, ich bin bei uns die Fachfrau. Aber sein technisches Problem wollte er mit mir nicht lösen.

Und das ist heute nicht mehr so?

Küppers: Grundsätzlich gilt, Frauen können genauso gut oder schlecht segeln wie Männer. Was ihnen an Kraft fehlt, regeln sie mit Köpfchen. Aber natürlich müssen sie bereit sein, das Ruder in die Hand zu nehmen – und Männer müssen es aus der Hand geben.

Das geht aber nur getrennt?

Küppers: Ich kenne viele Vereine, die zusätzlich sogenannte ,Ladies-Cups‘ organisieren, die bei den Frauen sehr beliebt sind. Im Deutschen Segler-Verband bieten wir beispielsweise seit Langem Motorkunde sowie Skipper- und Manövertraining für Frauen an. Die Nachfrage ist groß.

In der Wirtschaft, in Unternehmen, bilden Frauen zunehmend Netzwerke, um sich gegenseitig zu unterstützen ...

Küppers: Ja, und das ist auch bei Seglerinnen so. Viele Frauen wünschen sich Kontakte zu anderen Seglerinnen, Mitsegelgelegenheiten an Bord von Schiffen mit reinen Frauencrews. Und der Helga Cup ist dafür ein perfektes Beispiel. Hier hat sich ein Netzwerk gebildet, das die Frauen nutzen, um sich beispielsweise zu gemeinsamen Trainings zu verabreden oder sich mit Tipps und Hilfen gegenseitig zu unterstützen und das gesamte Jahr in Kontakt zu bleiben.

Wie steht es denn um die Emanzipation der Frauen im Leistungssport? Konkret gefragt, wie hoch ist der Anteil der Frauen?

Küppers: Das Internationale Olympische Komitee hat für die Spiele 2020 in Tokio eine 50 zu 50-Quote beschlossen.

Und wie ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen bei den Mitgliederzahlen in den Vereinen?

Küppers: Der DSV verzeichnet seit einigen Jahren einen leichten, aber stetigen Mitgliederzuwachs im Bereich von Mädchen und Frauen, die in die Vereine eintreten. Ein Drittel der gemeldeten Vereinsmitglieder ist inzwischen weiblich.

Reden wir über Führung. Sie sind anderthalb Jahre im Amt. Wie gefällt es denn Ihren Funktionärskollegen mit einer Chefin?

Küppers: Das müssen Sie schon die Herren fragen. Wir arbeiten im Präsidium als Team zusammen und haben enorm viel geschafft, auch wenn man es nicht sofort sieht. Beispielsweise bei der Kommunikation. Wir sind so oft wie möglich vor Ort bei unseren Mitgliedern, und wir laden regelmäßig zu Dialogveranstaltungen ein, dadurch ist der Kontakt merklich besser geworden. Vereine und Landesverbände, wissen nun hoffentlich – wir sind für sie da. Aber Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Ich sage immer, was ich nicht weiß, kann ich nicht verbessern. Und wenn wir es noch schaffen, die 50 Prozent Expertise abzuschöpfen, die die Frauen in der Gesellschaft schon ausmachen, sind wir auf einem guten Weg.

Dennoch sind Frauen auch in den Sportstrukturen selten an der Spitze. Übungsleiterinnen ja, Vorstand nein? Warum?

Küppers: Zum einen lassen sich Vorstandssitzungen und Familie abends schlecht vereinbaren. Zum anderen ist das Stellenprofil häufig die Ursache.

Das müssen Sie erklären …

Küppers: Männer sagen bei einer Bewerbung forsch, kann ich. Frauen überlegen zumeist, habe ich wirklich dafür die besten Skills? Ich frage Sie, wer bekommt wohl die Stelle?

Wie ist das zu ändern?

Küppers: Indem Stellenausschreibungen nicht länger das Profil des Bewerbers anfordern, sondern beschreiben, was die Stelle verlangt. Dann kann sich jeder und jede überlegen, ob es Sinn macht, sich zu bewerben.

Auch der Sport funktioniert an vielen Stellen nur durch Ehrenamtler. Aber: Es wird immer schwieriger, Menschen dafür zu gewinnen, sich in der Freizeit zu engagieren ...

Küppers: Das ist richtig. Deswegen wäre eine Idee, darüber nachzudenken, Vorstandstätigkeit nicht ausschließlich gebunden an Wahlperioden, sondern projektbezogen zu vergeben. Auch das würde Frauen helfen. Wenn ich weiß, dass ich für ein halbes Jahr arbeite, kann ich eher eine Betreuung organisieren als für vier Jahre. Denn leider ist es ja oftmals noch so, dass sich vor allem die Frauen in der Familie um die Kinderbetreuung kümmern.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Sport