Springderby

Warum in Pulvermanns Grab keine Gebeine liegen

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„Pulvermanns Grab“: Das Hindernis 14 auf dem Derbyparcour.

„Pulvermanns Grab“: Das Hindernis 14 auf dem Derbyparcour.

Foto: Claus Bergmannvia www.imago-images.de

Vor 100 Jahren erfand der Hamburger Unternehmer Eduard F. Pulvermann das berühmteste Springreithindernis der Welt.

Hamburg. Der gastgebende Reiterverein NFR pflegt eine Tradition mit großem Namen und legendärem Klang. Links vom Einritt in die Arena, an markanter Stelle vor den Stehplatztraversen, erinnert eine Gedenktafel an eine Hamburger Persönlichkeit, die Derbygeschichte schrieb: Eduard F. Pulvermann. Aus gutem Grund ist das Erinnerungsstück gereinigt, auf einen Felsbrocken geschraubt und mit Pflanzen umgeben. Vor 100 Jahren erfand Pulvermann „sein“ Hindernis. Die hier mehr als zwei Jahrhunderte verwurzelte Eiche, an der die Tafel ursprünglich hing, musste 2016 im Auftrag des Bezirksamts krankheitsbedingt gefällt werden.

Dass sich im Erdreich unter Pulvermanns Grab tatsächlich Gebeine eines Verstorbenen befinden, ist eine Mär. Die namentliche Herkunft dieses besonders tückischen Derbyhindernisses mit der Nummer 14, Holzstangen und einer tiefen Senke mitsamt Wassergraben ist origineller Natur und eine Geschichte für sich – allerdings mit fürchterlichem Ausklang. Im Mittelpunkt steht der Hamburger Unternehmer Pulvermann, Freigeist und angesehenes Mitglied der hanseatischen Gesellschaft. Die Familienfirma Markt & Co. handelte mit Metallwaren und Industriemaschinen. Einst hatte sie sogar dem russischen Zaren eine Zen­tralheizung verkauft. In seiner Freizeit ritt der kultivierte Sportsmann begeistert. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs lud er Mitstreiter zu einem Springreitturnier auf einen von ihm mit fantasievollen Hindernissen gespickten Platz an der Elbchaussee. Es war der Vorläufer des Deutschen Derbys.

1920 Derbypremiere nahe Flottbeker Bahnhof

Nach Kriegsende nahm Pulvermann an einem nach seinen Vorstellungen gestalteten Wettbewerb in Travemünde teil. An einer von ihm konstruierten Hürde sollten fast alle scheitern. „Mein Pferd stutzte, und ich fiel in den Graben“, notierte Pulvermann in seinem Tagebuch. Sein Freund, der Freiherr von Buddenbrock-Pläswitz, stand daneben und habe laut geschrien: „Ah, das ist Pulvermanns Grab!“ Ein Reporter mit großen Ohren gab einer Hamburger Tageszeitung einen Artikel mit der ungewöhnlichen Bezeichnung durch. Der neue Hindernisname war geboren.

Am 21. Oktober 1919 erteilte die technische Kommission des Hamburger Polo Clubs Eduard Pulvermann den Auftrag, auf der Anlage nördlich des Flottbeker Bahnhofs einen Springreitplatz inklusive Wall aufzubauen. Ebendort wurde 1920 die Derbypremiere entschieden, bevor 1928 der Umzug in den heute bekannten Derbypark erfolgte. Aufzeichnungen aus der Gründerzeit lassen den Schluss zu, dass Pulvermanns Grab erst nach der Verlagerung in den Parcoursplan aufgenommen wurde.

Pulvermann starb in Nazi-Haft

Leider kamen auf den Erschaffer grauenhafte Zeiten zu. Letztlich wegen seiner jüdischen Großeltern nahmen die Nationalsozialisten Pulvermann wegen „Heimtücke“ und angeblicher „Devisenvergehen“ von 1941 bis 1944 in Haft. Während dieser Haftzeit starb er.

Vor seinem früheren Haus in der Geffckenstraße in Eppendorf erinnert heutzutage ein Stolperstein an dieses schreckliche Schicksal. Weitere Details sind in einer Biografie über Pulvermann nachzulesen, die der Hamburger Joachim Winkelmann 2016 in zweiter Auflage veröffentlichte. Titel: „Geschichte eines Hamburger Kaufmanns und Reiters.“ Der an hanseatischer Historie interessierte, pensionierte Mediziner aus Osdorf hat Unterlagen aus der Geburtsstunde des Deutschen Derbys gesammelt. Dem Experten liegt neben alten Starterlisten, Aufzeichnungen, Grafiken und Postkarten auch die Originalurkunde mit der Auftragserteilung für einen Derbyplatz vor.

Neben Winkelmanns Buch trägt die Gedenktafel vor der Arena dazu bei, einen unfassbaren Lebensweg nicht aus dem Gedächtnis zu verlieren.

( bj/jmo )

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