Boxen

Susi Kentikian: "Die gebotenen Börsen sind lächerlich"

Susi Kentikian (31) lebt in Wandsbek. In ihrer Profiboxkarriere gewann die 152 cm kleine Athletin 36 ihrer 39 Kämpfe, 17 davon vorzeitig.

Susi Kentikian (31) lebt in Wandsbek. In ihrer Profiboxkarriere gewann die 152 cm kleine Athletin 36 ihrer 39 Kämpfe, 17 davon vorzeitig.

Foto: dpa Picture-Alliance / Daniel Bockwoldt / picture alliance / Daniel Bockwo

Die frühere Boxweltmeisterin aus Hamburg über große Geschäftsideen, falsche Freunde und ihren Auftritt in der Vox-Show "Ewige Helden".

Hamburg.  Ruhig ist es geworden um Susi Kentikian (31). Im Juli 2016 stand die gebürtige Armenierin letztmals als Profiboxerin im Ring. Seitdem kämpft sie um den Übergang in die nächste Karriere; den Traum von einem letzten großen Kampf hat sie allerdings noch nicht aufgegeben.

Frau Kentikian, im Januar startet auf Vox die nächste Staffel „Ewige Helden“. Dort kämpfen acht frühere Sportstars in verschiedenen Formaten um den Gesamtsieg. Sie sind auch dabei. Ist das Ihre Art, das Ende Ihrer Karriere bekannt zu geben?

Susi Kentikian: Nein, keinesfalls. Ich darf zwar während der Ausstrahlung der Staffel keinen Kampf annehmen. Aber wenn danach ein Angebot kommt, das passt, werde ich wieder boxen. Es bleibt mein Herzenswunsch, noch einen großen Kampf zu machen.

Sie haben letztmals im Juli 2016 im Ring gestanden, haben aktuell keinen Trainer, keinen Promoter, keinen TV-Partner. Warum klammern Sie sich so ans Boxen?

Boxen wird stets ein Teil von mir sein, ich bin für diesen Sport geboren. Es gibt ja auch regelmäßig Anfragen. Aber die Börsen, die geboten werden, sind lächerlich. Ich habe über all die Jahre gelernt, dass ich einen Wert habe, und unter dem verkaufe ich mich nie wieder. Wenn ich nicht meine festgelegte Minimalbörse bekomme, dann kämpfe ich eben nicht mehr. Aber ich schließe die Tür zum Boxen niemals komplett.

Sie haben in der Vergangenheit mehrfach große Enttäuschungen erlebt, sind ausgenutzt worden. Andererseits haben Sie beim Hamburger Universum-Stall auch die besten Zeiten des Frauenboxens mitgemacht. Gelingt es Ihnen, Ihre Ansprüche herunterzuschrauben und sich in der harten Realität zurechtzufinden?

Das ist sehr schwer, weil ich immer an das Gute im Menschen glaube und dadurch manchmal viel zu naiv war. Es gab ja große Geschäftsideen von Leuten, die letztlich nur Geld mit mir machen wollten. Das wird es nicht mehr geben. Bei Menschen, die nur habgierig sind, frage ich heute sofort, was für mich dabei rumkommt. Ich mache mit niemandem mehr Beraterverträge. Wer etwas für mich tun will, darf gern mit Ideen kommen und bekommt dann bei Abschluss des Geschäfts eine faire Provision. Aber dass ich, wie früher, für andere lebe und dabei selbst zu kurz komme, passiert mir nicht mehr. Ich will auch leben!

Haben Sie das Gefühl, aufgrund Ihrer Vergangenheit als Flüchtlingsmädchen, das sehr früh für sich selbst und die Familie zuständig war und sich durch das Boxen nach oben gekämpft hat, bislang nicht richtig gelebt zu haben?

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich bin sehr glücklich mit meinem Leben, dankbar für alle Erfahrungen, die ich machen durfte, die positiven wie die negativen. Aus allen habe ich gelernt. Aber ich bin an dem Punkt angekommen, an dem ich gemerkt habe, dass es viele Menschen in meinem Umfeld nicht ernst mit mir meinen. Manche Leute klammern an dir, weil sie es gut bei dir haben, aber sie geben dir nichts zurück. Ich habe immer gegeben, aber jetzt ist Schluss damit. Ich konzentriere mich nur noch auf meine Familie, denn die ist das Wichtigste für mich, und auf ein paar wenige gute Freunde, die geblieben sind.

Wie hat sich diese Erkenntnis in Ihnen durchgesetzt? Gab es einen Auslöser?

Keinen bestimmten. Ich bin jetzt 31 Jahre alt und habe mir schon oft Gedanken darüber gemacht, was noch kommen soll in meinem Leben. Wenn ich allein bin, frage ich mich, was mir wirklich wichtig ist. Ich habe mich zu oft falsch beraten lassen und habe Rollen gespielt, die nicht zu mir passten. Das möchte ich nicht mehr tun. 2018 war für mich ein Jahr der Befreiung, ich habe viele Dinge bereinigt. Ich war lange Zeit nicht in meiner Mitte. Jetzt fühle ich mich frei und sauber, bereit für Neues. Es gibt keine falschen Freunde mehr, die nicht die echte Susi wollten, sondern nur die öffentliche Person.

Das klingt verbittert. Dabei waren Sie immer ein extrem positiver Mensch.

Das bin ich auch weiterhin. Wie gesagt, ich liebe mein Leben und bin sehr glücklich damit, wie es momentan ist. Es ist meistens alles gut gegangen. Bei den vielen Dingen, denen ich auf den Leim gegangen bin, könnte ich auch pleite sein. Bin ich aber nicht. Deshalb freue ich mich auf das, was kommt.

Was könnte das sein? Boxen war immer Ihr Leben. Was ist die Alternative?

Ich möchte Vorbild und Inspiration für andere sein. Ich gebe Boxkurse. Nach dem Auftritt bei „Ewige Helden“ werden sich neue Möglichkeiten ergeben. Ich lerne jetzt schon, Vorträge zu halten, um Menschen zu motivieren. Ich möchte mich in der Integration von Flüchtlingen engagieren, auch Singen und Schauspiel interessieren mich, erste Kontakte gibt es. Und die Liebe meines Lebens werde ich auch noch treffen!

Und doch träumen Sie noch immer von einem großen Kampf. Wie groß müsste der sein, damit Sie in Frieden die Karriere beenden können?

Ich habe da kein Bild vor Augen. Ich bräuchte drei Monate hartes Training, um bereit zu sein. Aber ich möchte unbedingt noch einmal alles zeigen, was in mir steckt. Und ich glaube fest daran, dass dieses Angebot kommt.

Susi Kentikian und Regina Halmich beim Shooting 2015:

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