Hamburg. Der Eishockeyclub startet an diesem Freitag in Herne in die neue Oberliga-Saison. Von der Zweiten Liga ist man weit entfernt.

Den Kampfgeist, der ihn zu seinen Zeiten als aktiver Freezers-Profi (2002 bis 2007) zum Publikumsliebling machte, hat Jacek Plachta noch nicht verloren, und wahrscheinlich ist das die beste Nachricht, die sich vor dem Start der Saison 2018/19 in der Eishockey-Oberliga Nord über die Crocodiles Hamburg verbreiten lässt. „Natürlich ist es frustrierend, wenn man nicht das bekommt, was man sich wünscht. Aber es nützt nichts, ständig über Probleme zu reden, wir müssen sie lösen“, sagt der neue Cheftrainer vor dem Auftaktspiel an diesem Freitag (20 Uhr) beim Herner EV.

Von der Aufbruchstimmung, die man sich nach der verkorksten vergangenen Spielzeit mit dem frühzeitigen Verpassen der Play-offs erhofft hatte, ist in Farmsen indes wenig zu spüren. Besonders alarmierend ist, dass Plachta, der den Posten vom nach Herne ­gewechselten Herbert Hohenberger übernommen hatte, sich schon vor Saisonstart mehrfach dazu gezwungen sah, öffentlich die Transferpolitik zu kritisieren. Vor allem die fehlende Tiefe im Kader bereitet dem 49-Jährigen Sorgen. Nur 16 Feldspieler stehen fest im Aufgebot, sodass man immer wieder auf Hilfe des Kooperationspartners Lausitzer Füchse angewiesen sein wird, um Ausfälle zu kompensieren.

Eng geschnürter Etat

An diesem Wochenende fehlen die Stürmer Moritz Israel (Fingerbruch) sowie Leo Prüßner (gesperrt). Verteidiger Norman Martens steht nach überstandener Erkältung wieder im Kader. Den Kader auffüllen wird Förderlizenzspieler Philipp Kuschel (20), der am Donnerstag erstmals mit dem Team trainierte. „Das ist keine einfache Situation, da die Absprache mit den Füchsen immer erst kurzfristig erfolgen kann und ich dann Spieler einbauen muss, die in ihrem Heimatverein ein anderes System gewohnt sind“, sagt Plachta.

Geschuldet ist der Personalnotstand dem eng geschnürten Etat, der im Vergleich zur vergangenen Serie zwar stabil bei rund 800.000 Euro geblieben ist, aber deutlich unter den Budgets der Topteams aus Tilburg, Essen, Herne, Duisburg oder Halle (Saale) liegt. Kaum verwunderlich also, dass Sportchef Sven Gösch das im Sommer 2016 propagierte Ziel, nach dem Aus der Freezers in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) als ranghöchster Hamburger Club innerhalb von vier Jahren den Aufstieg in die DEL2 anzupeilen, nun einkassiert.

Zuschauereinnahmen ein wichtiger Faktor

„Wir müssen eingestehen, dass wir von den Topteams der Liga ein ganzes Stück entfernt sind. Ganz oben mitspielen können wir nicht“, sagt der 46-Jährige. Das Saisonziel laute, die Play-offs zu erreichen. „Vor allem aber wollen wir ein Team sein, das mit Leidenschaft, Herz und Kampfgeist aufritt und einfaches Eishockey spielt“, sagt Cheftrainer Plachta. Dann könne man die Fans, die in der vergangenen Saison mit Larifari-Eishockey vergrault wurden, auch zurückgewinnen. Ein schlechtes Zeichen ist in dieser Hinsicht allerdings, dass der Coach in der Vorbereitung bereits mehrfach die Einstellung seiner Mannschaft kritisieren musste. Auch die grundsätzlich treuen Fans scheinen dem Neubeginn nicht zu trauen. Rund 750 Dauerkarten wurden abgesetzt, 250 weniger als in der Saison 2017/18.

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Dabei sind die Zuschauereinnahmen ein wichtiger Faktor, um nötige Neuverpflichtungen wahrscheinlicher zu machen. „Wir müssen im Einzelfall entscheiden, was wir uns leisten können. Aber je mehr Fans kommen, desto mehr ist möglich“, sagt Geschäftsführer Christian Schuldt (34), der mit 1600 Besuchern im Schnitt kalkuliert (Vorjahr 1670). Dass diese Rechnung einem Teufelskreis unterliegt, der schwer zu durchbrechen ist, wissen sie bei den Crocodiles. Nur Erfolg lockt Zuschauer an, der jedoch ist mit derart knappem Kader schwieriger zu realisieren.

Ein Visionär in der Führung fehlt

Das Wettrüsten, das in der Oberliga Nord seit gut zwei Jahren in vollem Gange ist, können die Crocodiles nicht mitmachen. Im Gegenteil: Jeder Cent muss zweimal umgedreht werden. Die Kaderplanung wurde im Sommer so zur Herkulesaufgabe. Sportchef Gösch stand mit durchaus namhaften Spielern in Verhandlungen, doch spätestens bei den Gehaltsvorstellungen waren die Gespräche schnell beendet. So war Kreativität gefragt. Die finanzielle Situation ist und bleibt angespannt. So wurden beispielsweise die Wohnungen der kanadischen Topstars Brad McGowan und Josh Mitchell in Eimsbüttel gekündigt. Sie wohnen künftig in unmittelbarer Nähe der Eishalle. Die beiden Leistungsträger sollen von dem „Zwangsumzug“ wenig begeistert gewesen sein.

Zwar konnte der Vertrag mit Hauptsponsor Hapag-Lloyd verlängert und ein halbes Dutzend neuer Partner gewonnen werden, die die Zahl der Unterstützer auf 34 erhöhen. Die Summen müssen aber genutzt werden, um den aktuellen Etat zu decken. Große Sprünge sind nicht möglich Ein Problem bleibt jedoch die beharrliche Weigerung von Hauptgesellschafter Klaus-Peter Jebens (62), der seit Jahren als Gönner im Hintergrund agiert, sich öffentlich zu seinem Engagement zu bekennen. Im Verein fällt keine Entscheidung ohne seine Zustimmung, eine unabhängige Geschäftsführung ist damit unmöglich.

Noch mehr Baustellen

Baustellen gibt es auch neben dem Kader. Noch immer kassiert die städtische Sprinkenhof GmbH, Besitzer der Eissporthalle Farmsen, bei Sponsorenzahlungen in sechsstelliger Höhe mit (Abendblatt berichtete). Daran hat sich nichts geändert: „Wir haben über diverse Punkte gesprochen und kleine Erfolge erzielt“, sagt Schuldt. Eine grundsätzliche Lösung gibt es aber nicht.

Auch wenn Schuldt emsig an Neuabschlüssen arbeitet und seit Kurzem auch von freien Mitarbeitern bei der Sponsorenakquise unterstützt wird, fehlt den Crocodiles weiterhin ein charismatischer Macher, der eine Vision entwickelt und dieser öffentlich ein Gesicht verleiht. Christoph Schubert könnte dieses Gesicht sein. Der 36-Jährige, der als Topstar aus dem Freezers-Nachlass in Hamburg verblieb, ist aber ob seiner Aufgabenfülle mehr ein „Mann für alles“. Eine klar definierte Position abseits des Eises hat der Club für ihn noch immer nicht gefunden.

Optimistisch bleiben

Aktuell hat der ehemalige NHL-Profi genug damit zu tun, die Folgen seiner im Januar vollzogenen Schulteroperation in den Griff zu bekommen, um im nächsten Jahr als Verteidiger aufs Eis zurückkehren zu können. Zudem hilft er dem früheren Stürmer Plachta als Co-Trainer mit der Betreuung der Abwehrspieler. „So bin ich trotz meiner Reha nah an der Mannschaft und kann Plachta unterstützen“, sagt Schubert.

Zum Ende des Gesprächs sagt Jacek Plachta dann noch einen Satz, der schlicht klingt, aber dennoch wichtig erscheint. „Ich freue mich, dass es endlich losgeht“, sagt er. Man muss Optimist sein, um diese Vorfreude uneingeschränkt teilen zu können.