Offenburg

Arthur Abraham: Ein Box-Oldie und seine allerletzte Chance

Karriereende oder mal wieder Comeback? Arthur Abraham

Karriereende oder mal wieder Comeback? Arthur Abraham

Foto: Witters

Karriereende? Mit 38 will der schlagstarke Boxer noch nicht aufhören. Was Arthur Abraham und Trainer Ulli Wegner zusammenschweißt.

Hamburg/Offenburg. Ulli Wegner hat keine Lust mehr. Viele Jahre hat er es mitgespielt, dieses Spiel vom Starkreden und Schönfärben vor wichtigen Kämpfen. Doch nun, da Deutschlands bekanntester Boxtrainer seit diesem Donnerstag 76 Jahre alt ist, da sich seine Karriere und auch die seines bekanntesten Schützlings dem Ende zuneigen, will er ehrlich sein. Und deshalb sagt Wegner vor dem Duell, das Arthur Abraham an diesem Sonnabend (22.30 Uhr/Sport 1) in Offenburg mit dem Dänen Patrick Nielsen (27) zusammenführt: „Der WM-Titel ist aktuell sehr weit weg. Aber wenn Arthur gegen einen Mann wie Nielsen nicht gewinnt, dann müssen wir über weitere Kämpfe nicht mehr reden.“

Arthur Abraham ähnelt im Spätherbst seiner Laufbahn dem HSV. Nach der letzten Chance, dem Aus zu entgehen, folgte bislang stets eine allerletzte. Und weil er auch davon schon einige vergab, wird nun ultimativ von einem „Alles oder nichts“-Kampf gesprochen. Diesmal, das dämmert auch dem 38 Jahre alten gebürtigen Armenier, wäre sein Traum, seine Karriere als Weltmeister im Supermittelgewicht zu beenden, im Falle einer Niederlage tatsächlich ausgeträumt. „Wenn ich nicht gewinne, ist es vorbei“, sagt er.

Arthur Abraham hat WM-Chancen kläglich vergeben

Hat man zwar auch schon ein paarmal gehört von ihm, aber dann gewann er eben – und bekam neue WM-Chancen, die er im April 2016 in Las Vegas gegen Gilberto Ramirez (Mexiko) und im Juli 2017 in London gegen den Briten Chris Eubank junior kläglich vergab.

Auch dieses Mal wäre der Lohn für einen Sieg eine neue WM-Chance. Ramirez, der noch immer den WBO-Titel hält, oder sein Sauerland-Stallkollege Tyron Zeuge, Champion bei der WBA, wären mögliche Gegner. Doch Abraham verbietet sich selbst den Blick voraus. Einen Wunschgegner? Habe er nicht, „ich boxe gegen jeden, den mir mein Promoter auswählt“. Seine Planungen gingen nicht weiter als bis zum 28. April. „Für mich zählt nur Nielsen. Wenn ich ihn besiegt habe, können wir über die nächsten Schritte sprechen.“

Nielsen: Siege nur gegen Mittelklasseboxer

Dass er den in 31 Profikämpfen 29-mal siegreichen Stallkollegen, der bei Sauerlands Skandinavien-Ableger unter Vertrag steht, bezwingt, daran zweifelt kaum jemand. Nielsen hat seine Siege ausschließlich gegen Mittelklasseboxer herausgearbeitet. Gegen den einzigen Gegner von Weltrang, den Russen Dimitri Tschudinow, unterlag er nach Punkten. Und genau das ist es, was Abrahams Karriere überhaupt so lange am Leben erhielt: Dass ihn sein Promoter immer wieder mit Kämpfen versorgte, die er teilweise selbst mit auf den Rücken gebundener Führhand hätte gewinnen können. Und ihn trotzdem in den Ranglisten so hoch platzierte, dass er zum Herausforderer taugte.

Dass er alle seine Rendezvous‘ mit der Weltspitze verlor – vor Ramirez und Eubank waren das die US-Amerikaner Andre Ward und Andre Dirrell sowie der Brite Carl Froch - gehört ebenso zur Wahrheit wie seine Beharrlichkeit, trotzdem weder Mut noch Selbstvertrauen zu verlieren.

„Die waren an dem Tag eben besser“, sagt er heute, angesprochen auf diese Bilanz. Jede Niederlage liege ihm schwer auf dem Herzen, „aber vor dem nächsten Kampf muss man das abhaken.“ Er halte es beileibe nicht für selbstverständlich, dass sein Promoter ihn stets aufs Neue aufbaut, anstatt ihn als teuren Altstar fallen zu lassen.

Uli Wegner: "Arthur lebt in eigener Welt"

„Das ist ein Geben und Nehmen. Wir müssen zusammenhalten. Dann werden wir belohnt“, sagt er. Trainer Wegner bezweifelt allerdings den Wahrheitsgehalt dieser Aussage. „Ob Arthur es wirklich zu schätzen weiß, dass er immer neue Chancen bekommt, weiß ich nicht. Er lebt schon in einer eigenen Welt“, sagt er.

Eine Welt ist das, zu der Wegner schon gehört, seit Abraham vor 15 Jahren als ein Niemand zu ihm in die Trainingsgruppe kam. Mit der „Blutschlacht von Wetzlar“ im September 2006, als der damalige Mittelgewichtler trotz Kieferbruchs gegen Edison Miranda siegte, begründeten beide ihren Weltruhm. „Davon zehrt Arthur noch immer, dieser Kampf hat seinen Stellenwert schlagartig erhöht“, sagt Wegner. Und auch wenn sich beide oft streiten, auch wenn Abraham seinen Trainer „Diktator“ nennt, können sie voneinander nicht lassen. „Arthur ist einmalig, er ist der einzige Boxer, für den ich Kompromisse mache“, sagt Wegner.

Allzu lang wird das nicht mehr nötig sein. Sollte Abraham Nielsen besiegen, will er nicht mehr als noch zwei oder drei Kämpfe machen. „Mit 40 boxe ich nicht mehr“, sagt er. Verliert er, wäre ein Abschiedskampf denkbar, ohne Titel, einfach nur, um in Würde abzutreten. Dass Wegner bis zum Ende in der Ecke stehen wird, ist Ehrensache. Zwar läuft sein Vertrag mit Sauerland, den er im vergangenen Jahr modifizieren ließ, um seinen Assistenten Georg Bramowski halten zu können, im Juni aus. Doch weil Wegner neue Talente wie Leon Bunn (25) oder Abass Baraou (23) übernommen hat, und weil er sich ein Leben ohne seinen geliebten Sport trotz der Warnschüsse seiner Frau Margret nicht vorstellen kann, wird er weitermachen, in welcher Form auch immer.

Trainer Wegner hat einen lebenslangen Vertrag

„Sofern Ulli gesund bleibt, werden wir noch einige Jahre mit ihm zusammenarbeiten“, sagte Mitinhaber Nisse Sauerland kürzlich. Sein Vater, Stallgründer Wilfried Sauerland, hat mit Wegner ein mündliches Agreement über eine lebenslange Kooperation.

Und so arbeiten an diesem Sonnabend nun zwei wackere Kämpfer an der Fortsetzung ihres gemeinsamen Weges. Zum Schluss des Gespräches sagt Ulli Wegner noch diesen Satz: „Ich glaube noch an Arthur!“ Das sei kein Starkreden, sagt er, sondern die Wahrheit.