Boxen

Inselpark: „Im Ring sind wir zwei Krieger“

Die beiden Prpfiboxer Angelo Frank (li.) und Sebastian Formella sind Freunde - kämpfen aber am Sonnabend gegeneinander

Die beiden Prpfiboxer Angelo Frank (li.) und Sebastian Formella sind Freunde - kämpfen aber am Sonnabend gegeneinander

Foto: TayDucLam / WITTERS

Die befreundeten Profiboxer Sebastian Formella und Angelo Frank sprechen über ihr Duell an diesem Sonnabend in Wilhelmsburg.

Hamburg.  Den Hauptkampf der Boxgala im Wilhelmsburger Inselpark bestreitet an diesem Sonnabend (20 Uhr/Sport 1 live) WBA-Supermittelgewichtsweltmeister Tyron Zeuge (Berlin) gegen den Nigerianer Isaac Ekpo. Doch die meisten der 3500 Fans kommen wegen zweier Lokalhelden. Superweltergewichtler Sebastian Formella (30) und Weltergewichtler Angelo Frank (29) treffen sich, um den vakanten WBO-EM-Titel im Superweltergewicht auszuboxen. Was den Kampf besonders macht? Frank, der im familieneigenen Zirkus Europa (aktuell auf dem Marktplatz in Pinneberg zu Gast) als Voltigierartist und Hundedompteur auftritt, und Formella, der im Hamburger Hafen als Containerfahrer arbeitet, sind beste Freunde.

Herr Formella, Herr Frank, wie fühlt es sich an, einen Freund ins Gesicht zu schlagen?

Angelo Frank: Das müssen Sie mich bitte nach dem Kampf noch einmal fragen, denn ich habe das noch nie getan.

Sebastian Formella: Ich schon, einmal zu Amateurzeiten. Und auch mit meinem heutigen Trainer Mark Haupt stand ich schon im Ring. Es ist ein komisches Gefühl, deshalb versucht man ja auch, solche Kämpfe zu vermeiden.

Warum haben Sie dann akzeptiert, gegen­einander zu kämpfen?

Formella: Anfangs wollten wir beide nicht. Wir kennen uns seit vielen Jahren, haben in Nordhausen gemeinsam in der Bundesliga gekämpft und uns dort richtig angefreundet. Ich hatte vor, gegen Deniz Ilbay zu kämpfen, gegen den Angelo vor einem Jahr seine einzige Niederlage einstecken musste. Mein Promoter war sich mit seinem fast einig, doch dann kam der Kampf doch nicht zustande. Daraus entstand dann die Idee, gegen Angelo anzutreten.

Frank: Wir haben gemerkt, dass das Interesse an dem Kampf sehr groß ist. Wir haben oft und lange darüber geredet. Und weil wir beide unseren Sport lieben und ihn in Deutschland wieder nach vorn bringen wollen, haben wir uns schließlich überreden lassen, doch zuzustimmen.

Fehlt einem gegen einen Freund nicht die nötige Aggressivität?

Frank: Aggressionen sind niemals angebracht, sie bringen einen aus dem Konzept. Man muss kühlen Kopf bewahren, egal gegen wen es geht. Deshalb spielt es keine Rolle, wer mein Gegner ist.

Vor Ihrem Kampf mit Ilbay klang das anders. Da gab es viel Trashtalk, manches klang wie Hass.

Frank: Aber nicht von meiner Seite! Für mich gehören verbale Attacken nicht zum Boxen dazu. Mal ein flapsiger Spruch ist okay, aber Respekt voreinander sollte Pflicht sein.

Formella: Es gibt schon Gegner, bei denen ich mich im Ring revanchieren möchte, weil sie sich nicht respektvoll verhalten. Gegen Angelo will ich nur gewinnen. Aber wenn der Ringrichter nicht guckt, kriegt er auch mal eine Innenhand ab. (lacht)

Frank: Jedem muss klar sein: Im Ring sind wir zwei Krieger, die sich eine Schlacht liefern werden. Aber danach werden wir uns in den Arm nehmen und wieder Freunde sein. Ich wünsche mir, dass wir beide die Fans des anderen auch für uns begeistern werden.

Vollzeitjob neben der Boxkarriere

Sie sind, trotz Ihres Alters, Vertreter einer neuen Generation deutscher Boxer, denn Sie müssen beide neben dem Sport arbeiten, weil Sie von den Börsen allein nicht leben können. Ärgern Sie sich manchmal, nicht zehn, 15 Jahre früher in den goldenen Zeiten Profi gewesen zu sein?

Frank: Da ich diese Zeiten nie kennengelernt habe, vermisse ich sie auch nicht. Klar, es wäre schön, mit dem Boxen mehr zu verdienen. Aber mir geht es um die Ehre und den Erfolg. Ich habe mich für das Profiboxen entschieden, obwohl klar war, dass ich damit nicht viel Geld verdiene. Das unterstreicht die Einstellung, die auch Basti teilt.

Formella: Geld ist die Kirsche auf der Sahne, aber uns ist es wichtiger, mit unseren Leistungen Geschichte zu schreiben. Dennoch ist der Anreiz da, mit zunehmendem Erfolg auch mehr zu verdienen.

Neben der Karriere in Vollzeit zu arbeiten ist immens fordernd. Wann würden Sie ­überlegen, den Job aufzugeben?

Frank: Für mich kommt das überhaupt nicht infrage. Ich bin in unsere Zirkusfamilie hineingeboren und gebe das für nichts in der Welt auf. In der Vorbereitung auf solche Kämpfe wie diesen nehme ich mir mal ein paar Wochen frei, aber danach ist der Zirkus wieder mein Leben. Und das wird er immer bleiben.

Formella: Mir geht es genauso. Mir macht mein Beruf riesigen Spaß, er ist eine gute Abwechslung vom Sport und auch eine gute Absicherung, falls die Karriere durch eine Verletzung abrupt enden sollte. Um mir vor wichtigen Kämpfen zwei, drei Wochen komplett fürs Training freinehmen zu können, sammle ich in der kampffreien Zeit all meine Überstunden an. Dass wir unheimlich viel opfern für unseren Sport, ist manchmal hart. Aber wir machen es, weil wir wissen, dass es sich lohnt, und weil wir diesen Sport so lieben.

Frank: Wir verstehen uns auch deshalb so gut, weil wir wissen, was der andere leistet. Und weil wir absolute Familienmenschen sind, die aus der Unterstützung unserer Angehörigen sehr viel Kraft ziehen. So etwas verbindet.

Noch etwas gibt es, das Sie teilen: einen sehr offensiven Stil und die Neigung dazu, die Deckung zu vernachlässigen. Nun gab es in der jüngeren Vergangenheit eine Reihe an schweren Verletzungen nach Kopftreffern, einige Sportler fielen ins Koma, es gab sogar Todesfälle. Wie denken Sie, die harte Schlachten mit vielen Kopftreffern gewohnt sind, über dieses Thema?

Formella: Früher habe ich darüber überhaupt nicht nachgedacht. Da ist so etwas gefühlt nur in Süd- oder Mittelamerika passiert, in den leichten Gewichtsklassen, wo sie sich 5000 Schläge an den Kopf donnern. Aber ich gebe zu, dass die Häufung der vergangenen Monate mich doch manchmal nachdenklich macht, auch weil mich verstärkt Leute darauf ansprechen. Das Problem sind in meinen Augen aber nicht schlecht trainierte Boxer, sondern die Handschuhe, die immer härter werden. Ich habe das Gefühl, dass Boxen immer öfter zur Materialschlacht verkommt, und das ist sehr gefährlich.

Frank: Mir gelingt es, diese Sorgen komplett auszublenden. Es gibt auch viele andere Sportarten, in denen man sich schlimm verletzen kann.

Stallkollege fiel ins Koma

Aber nur im Boxen ist es das Ziel, den Gegner bewusst am Kopf zu treffen und ihn so kampfunfähig zu machen. Gefällt Ihnen das, wenn Sie darüber nachdenken?

Frank: Wenn du als Boxer darüber nachdenken würdest, könntest du nicht mehr in den Ring steigen. Boxen ist der Sport, den ich liebe, und die Gefahren nehme ich bewusst in Kauf.

Das verwundert insofern, als dass Sie vor knapp eineinhalb Jahren erleben mussten, wie Ihr Stallkollege Eduard Gutknecht nach seiner Niederlage gegen George Groves ins Koma fiel. Ein dreifacher Vater, der heute ein Pflegefall ist. Sie sind selbst Vater. Wie schaffen Sie es, das auszublenden?

Frank: Was mit Eddy passiert ist, tut mir unfassbar leid. Und wenn man so etwas so nah mitbekommt, sieht man es auch mit anderen Augen. Dennoch gehe ich weiter in jedem Kampf über meine Grenzen, denn anders geht es nicht. Ich vertraue einfach darauf, dass mir nichts passieren wird.

Formella: Das geht mir ähnlich. Natürlich blendet man aus, was alles passieren könnte. Das geht Formel-1-Fahrern oder auch Skirennläufern auch so. Für mich ist wichtig, dass mein Trainer verantwortungsvoll handelt. Als Boxer willst du niemals aufgeben, aber ich habe mit Mark die Absprache, dass er abbrechen muss, sobald er das Gefühl hat, ich könnte Schaden nehmen. Auch wenn ich ihn in dem Moment hassen würde, muss man ein solches Vertrauensverhältnis zu seinem Coach haben.

Frank: Wichtig ist auch, dass die Ringrichter lieber einmal zu früh abbrechen, als schlimme Folgen zu riskieren. Einen Abbruch sieht zwar niemand gern, aber die Gesundheit des Sportlers muss immer vorgehen.

Einige Sportler setzen ihre Gesundheit selbst aufs Spiel, indem sie Medikamente missbrauchen. Doping wird im Boxen angesichts prominenter Fälle wie Canelo Alvarez, Alexander Povetkin oder Luis Ortiz heiß diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Formella: Wer erwischt wird, muss hart bestraft werden. Allerdings glaube ich, dass dort, wo es um Millionen geht, fast alle betrügen. Die können sich allerdings auch Leute leisten, die aufpassen, dass sie nicht erwischt werden.

Der Traum vom WM-Kampf

Solche Leute haben Sie nicht?

Formella: Ich habe einen Vertrauensarzt, dem ich alle Nahrungsergänzungsmittel oder Medikamente, die ich nehme, zur Prüfung gebe.

Frank: Bei mir läuft das über den Trainer. Mir ist das zu kompliziert, denn man darf ja sogar manche rezeptfreie Schmerzmittel nicht einnehmen.

Profiboxer in Deutschland sind nicht dem Nada-Code unterworfen, müssen also nicht minutiös ihre Tagespläne übermitteln wie die meisten anderen Leistungssportler in Deutschland. Wie häufig wurden Sie in den vergangenen Monaten getestet?

Formella: Nur nach Kämpfen. In der Vorbereitung nie.

Frank: Bei mir ist es genauso.

Wundert Sie das?

Formella: Wenn man hört, wie es in anderen Sportarten ist, dann schon.

Gehen wir davon aus, dass Sie beide sauber sind und das Duell am Sonnabend unverletzt überstehen: Was sind dann die Träume, die Sie sich im Boxen noch erfüllen wollen?

Formella: Weltmeister werden, ganz klar! Ein WM-Kampf ist mein Ziel, der Sieg mein Traum. Und mit meinem Sieg über Angelo werde ich mich auf einem guten Weg dorthin befinden.

Frank: Ich denke, dass ich nach meinem Sieg gegen Basti die Chance bekomme, um einen WM-Titel zu kämpfen.

Und warum werden Sie siegen?

Frank: Weil ich fitter bin und den Sieg etwas mehr will.

Formella: Weil ich in jeder Runde eine Hand mehr ins Ziel bringe. Und anschließend zahle ich gern, wenn wir mit unseren Familien essen gehen und auf die Freundschaft anstoßen.