Boxen

So kämpft sich Denis Boytsov ins Leben zurück

Denis Boytsov als Boxer

Denis Boytsov als Boxer

Foto: TayDucLam / WITTERS

Der frühere K.o.-König und potenzielle Klitschko-Nachfolger ist schwer behindert. Die Reha ist langwierig, sein Fall rätselhaft.

Berlin/Hamburg. Als ihre kleinen Hände in Richtung seines Gesichts greifen, zuckt es in seinem rechten Arm. Denis Boytsov legt den Körperteil, der ihm Millionen hätte bringen sollen, mit einem Ruck um die Hüfte seiner kleinen Tochter, die auf seiner Brust herumkrabbelt. Ein sonores Brummen ist seine hörbare Bestätigung dafür, dass er die Berührungen der fast zehn Monate alten Angelina als etwas Besonderes empfindet. Denis Boytsov sieht glücklich aus in diesem Moment, und das ist mehr, viel mehr, als alle zu hoffen gewagt hatten vor einem Jahr.

In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 2015 war der Mann, der im Schwergewichtsboxen als eine der großen Hoffnungen für die Zeit nach den Klitschko-Brüdern galt, im Gleisbett zwischen den Berliner Bahnhöfen Bismarckstraße und Wilmersdorfer Straße von einem U-Bahn-Fahrer entdeckt worden. Der Schädel zerschmettert, grotesk verformt. Sieben Wochen lang lag der Russe im Koma, und weil er auch nach dem Erwachen keinerlei Regung zeigen konnte, befürchteten viele einen dauerhaften Schwebezustand zwischen Leben und Tod.

Dass seine Karriere beendet sein würde, war überhaupt nicht mehr das Thema. Es ging einzig darum, Boytsovs Leben zu retten und es wenigstens ein Stückchen lebenswert zu erhalten. Ein knappes Jahr später sitzt Olga Boytsova in einem in hellem Beige gestrichenen und mit hellbraunem Laminat ausgelegten Krankenzimmer im Medical Park Humboldtmühle im Berliner Stadtteil Alt-Tegel und beobachtet ihren Mann dabei, wie er die gemeinsame Tochter im Arm hält. Die 29-Jährige war hochschwanger, als der Unfall passierte, und natürlich konnte sie die Auswirkungen, die auf sie und ihr Leben hereinbrachen, nicht einmal ansatzweise abschätzen.

Aber wenn sie heute sieht, dass Denis und Angelina, deren erstes Wort „Papa“ war, motorisch auf einem ähnlichen Stand sind, dann ist es Hoffnung, die sie spürt, nicht Verzweiflung. Es ist, auf eine subtile Art, ein tief berührendes Bild, wie Vater und Tochter gemeinsam versuchen, kleine Plastikringe über einen Stab zu bugsieren. „Ich habe zwei Kinder, Denis und Angelina“, sagt Olga, „ aber ich glaube fest daran, dass Denis wieder ganz gesund wird.“

Therapie: Seine Frau singt und tanzt für ihn

Wie berechtigt diese Hoffnung ist, dazu gibt das medizinische Fachpersonal mit Verweis auf die Schweigepflicht keine Auskunft. Boytsov erhält eine Reihe an Behandlungen, von klassischer Krankengymnastik über Ergotherapie, Logopädie und Psychotherapie geht es bis hin zu Musiktherapie, wenn seine Frau für ihn singt und tanzt. Und sonntags bringt sie sogar den Kater mit, den Denis so liebt. „Das ist dann Tiertherapie“, lacht Olga Boytsov, die überzeugt davon ist, in der Humboldtmühle das beste Umfeld für ihren Mann gefunden zu haben.

Ein paar Monate nach dem Unfall hatten Freunde des Ehepaares einen Umzug nach Hamburg organisiert und finanziert. Im Krankenhaus Harburg stand ein Platz in der Frührehabilitation bereit, der Hamburger Promoter Erol Ceylan hatte ein behindertengerechtes Haus in einem Dorf im südlichen Hamburger Speckgürtel zur Verfügung gestellt. Doch Olga Boytsov fühlte sich dort ausgegrenzt. Da sie keinen deutschen Führerschein besitzt, war sie jeden Tag vier Kilometer zu Fuß und eine Stunde mit dem Zug unterwegs, um ihren Mann zu besuchen. In Berlin wohnt sie 20 Gehminuten entfernt und schafft es so jeden Morgen, in einer Kirche ein Gebet zu sprechen, ehe sie zum mehrstündigen Krankenbesuch aufbricht.

Es gibt Reha-Fortschritte – kleine

Wer Denis Boytsov zum ersten Mal besucht und ihn in seinem mit Holzleisten gegen das Herausrollen geschützten Bett liegen sieht; wer beobachtet, wie er den Kopf fast wie in Zeitlupe bewegt, wenn die Augen einen neuen Reiz oder die Ohren einen ungewohnten Laut empfangen, der erschrickt. Aber wer weiß, wie es ihm in den Monaten nach dem Unfall ging, der ist beeindruckt über die Fortschritte, die der 30-Jährige macht. Vor allem die Kraft im rechten Schlagarm, die er jeden auf Kommando seiner Frau beim Armdrücken spüren lässt, nährt die Hoffnung darauf, dass der einstige 1,85-Meter-Hüne wenigstens ein Leben im Rollstuhl meistern kann. Daran ist derzeit ehrlicherweise noch nicht zu denken. Im Rollstuhl sitzt Boytsov nur, wenn Besucher ihn durch den Park seines Rehazentrums schieben.

Schwergewicht Denis Boytsov war der K.o.-König

Der K.-o.-König, der von 2004 bis 2012 für den Hamburger Universum-Stall kämpfte, nach dessen Insolvenz zum Berliner Sauerland-Team wechselte und von 37 Profikämpfen nur die WM-Ausscheidung im November 2013 gegen den Australier Alex Leapai verlor, trägt Windeln und einen Katheter, und er wird weiterhin künstlich ernährt. Seine Ehefrau hat allerdings damit begonnen, ihm seine Lieblingsspeisen – Rindfleisch und Spaghetti – zu kochen, zu pürieren und ihm zuzufüttern. Von den 40 Kilogramm, die er nach der Zeit im Koma verloren hatte, sind 15 auf diese Art dazugekommen.

Vier, fünf Löffel Brei schafft er schon, und die Wasserflasche, aus der er trinkt, kann er selber halten. Es sind kleine Schritte, aber für Olga sind diese Momente Gold wert. Wieviel Denis von seinem Umfeld wahrnimmt, ist schwer zu ergründen. Freunde und Familie erkennt er, sprechen kann er nicht. Olga hat, um Antworten auf Fragen zu bekommen, eine grüne und eine rote Karte gebastelt. Grün steht für Ja, Rot für Nein. Denis muss dann auf das zutreffende Papier zeigen oder danach greifen, den Rest liest Olga ihm von den Augen ab. Überhaupt fordert sie ihn immer wieder zur Bewegung auf, lässt sich das Victory-Zeichen mit zwei gespreizten Fingern zeigen oder die geballte Faust des Champions.

Bruder Maxim, der schon mehrfach für längere Phasen aus Russland zu Besuch war, hält ihm seine Hände wie Pratzen vors Gesicht und gibt Kommandos, mit welcher Hand Denis ihn treffen soll. Manchmal klappt das schon so gut, dass es ein dumpfes Klatschen gibt. Dann legt sich ein Lächeln über die Gesichter der Brüder, und Olga strahlt breit. Woher sie die Kraft nimmt, sich als Alleinerziehende auch noch um einen Schwerbehinderten zu kümmern, weiß sie in den Nächten, in denen sie wenig schläft, auch manchmal nicht. Aber sie weiß, dass sie stark sein will, stark sein muss. „Denis ist ein toller Mann. Wir sind seit zwölf Jahren zusammen. Früher hat er mir jedes Wochenende Blumen mitgebracht, und als ich schwanger war, hat er mir jeden Morgen das Frühstück ans Bett gebracht, bevor er zum Training gegangen ist. Für ihn und unsere Tochter lohnt es sich, stark zu sein“, sagt sie.

Was geschah in der Unglücksnacht im U-Bahn-Tunnel?

Die Augenringe, die Kummer und Erschöpfung in ihr Gesicht gegraben haben, mögen ihr etwas Zerbrechliches verleihen, doch ihr Wille ist ungebrochen. Das gilt auch für die Suche nach dem, was sich zugetragen hat in jener schicksalhaften Nacht, in der ihr Mann mit Freunden den Jahrhundert-Boxkampf Floyd Mayweather gegen Manny Pacquiao schauen wollte und dann mit viel Alkohol im Blut in einem Berliner U-Bahn-Tunnel landete. Auch wenn die Berliner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen am 23. Juni 2015 aus Mangel an Hinweisen auf eine Straftat eingestellt hat, glaubt sie weiterhin nicht an einen Unfall.

Zurückliegende Streitigkeiten mit früheren Geschäftspartnern, in deren Folge Boytsovs langjähriger Berater Gagik Khachatryan im April 2013 in Hamburg auf offener Straße von Unbekannten mit einer Eisenstange fast totgeschlagen wurde, legen derlei Gedankenspiele nahe. Möglicherweise wird sie einen Privatdetektiv mit Nachforschungen beauftragen. „Aber das ist derzeit nicht wichtig, wichtig ist nur, dass Denis gesund wird“, sagt sie. Die umfangreichen Pflegemaßnahmen kosten ja auch eine Menge Geld. Zwar kommt die Krankenversicherung für den Aufenthalt im Rehazentrum auf, die vielen Therapien jedoch muss Olga Boytsov, ebenso wie ihre Zweizimmerwohnung, selbst finanzieren.

Zum Glück gibt es viele, die sie unterstützen. Der Berliner Sauerland-Stall zahlte bis Ende 2015 außervertraglich etwas, dazu kamen großzügige Spenden des russischen Promoters Andrej Ryabinski und des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow. Olga Boytsov ist ihnen ebenso dankbar wie den Freunden um Ceylan und Khachatryan, der sich für seinen Ziehsohn finanziell ruinierte und 30.000 für die Altersvorsorge zurückgelegte Euro einsetzen musste, um seinen Schusterladen retten zu können. Man muss wohl verstehen, dass Boytsov wenig Besuch von alten Freunden und Boxkollegen erhält. Für niemanden ist es einfach, den einstigen Modellathleten in seinem aktuellen Zustand zu sehen und noch dazu nicht mit ihm kommunizieren zu können.

Promoter Sauerland: Als Boxer war Boytsov ein Gladiator

„Ich möchte ihn am liebsten so in Erinnerung behalten, wie er aussah, als ich ihn vier Tage vor dem Unfall im Training besuchte: Wie ein Gladiator, mit hervorquellenden Venen auf dem Bizeps“, sagt Promoter Kalle Sauerland. Vergessen aber hat ihn niemand. Gerade erst am vergangenen Sonntag schickte der Weltverband WBC eine Medaille, auf deren Halsband der Spruch „My heart is gold“ geschrieben steht. Sie hängt neben einem Paar weißer Boxhandschuhe am Kopfende von Boytsovs Bett; wie eine Reminiszenz an das Leben, das er einst geführt hat. Ein Leben, das nicht wiederkommt, und das weiß natürlich auch seine Frau.

Aber sie ist bereit für einen anderen Weg als den, den sie sich ausgemalt hat in der Zeit, in der ihr Mann seine Gegner reihenweise aus dem Ring prügelte. „Wir werden kämpfen, weil wir Kämpfer sind“, sagt sie. „Das erste Ziel war, dass Denis wieder selbstständig sitzen kann. Das ist erreicht. Jetzt ist der nächste Schritt, dass er wieder sprechen lernt.“ Und dann ist da noch ein Ziel, Olga hat es mit ihrem Mann schon besprochen. Angelina soll einen Bruder bekommen. Sein Name steht fest: Denis.