Vor WM-Kampf

Wenn Boxen plötzlich nur noch nebensächlich ist

Ein nachdenklicher Jürgen Brähmer im
Trainingscamp

Ein nachdenklicher Jürgen Brähmer im Trainingscamp

Foto: Bongarts/Getty Images

Am Sonnabend verteidigt Jürgen Brähmer seinen WM-Titel. Doch sein schwer verletzter Stallgefährte Denis Boytsov beschäftigt ihn mehr.

Hamburg.  Themen, über die man reden könnte, gäbe es ausreichend: Wie schafft man es, sich für einen Kampf gegen einen Gegner zu motivieren, dem kaum jemand eine Chance gibt. Oder wie hart es ist, monatelang über Duelle mit den Großen seiner Gewichtsklasse zu verhandeln, um am Ende gegen einen selbst in Deutschland Unbekannten antreten zu müssen. Und Jürgen Brähmer, Halbschwergewichts-Boxweltmeister vom Berliner Sauerland-Team, der am Sonnabend (22.30 Uhr/Sat.1 live) in Dresden seinen WBA-WM-Titel gegen den Kölner Konni Konrad verteidigt, hat auch auf jede dieser Fragen sinnvolle Antworten. Doch so richtig bewegen kann ihn dieser Tage nur ein Thema: Denis Boytsov.

Sein russischer Stallgefährte liegt seit Anfang Mai mit schweren Kopfverletzungen in einer Berliner Klinik im Koma. Ein mysteriöser Unfall in einem U-Bahn-Tunnel, um dessen Umstände sich eine Reihe von Gerüchten ranken, hat aus dem einst hoffnungsvollsten Schwergewichtstalent der Welt einen Menschen gemacht, der dauerhaft auf Pflege angewiesen sein wird. Boytsov, so erzählen es seine engsten Begleiter, kann weder Regungen zeigen noch auf Reize reagieren. Der 29-Jährige wird künstlich ernährt. Die größte Hoffnung ist derzeit die, dass er ein Leben im Rollstuhl führen und das Kind, das seine Ehefrau kürzlich zur Welt brachte, aufwachsen sehen kann.

Brähmer zählt nicht zu denen, die schon im Krankenhaus waren. „Ich könnte es nicht ertragen, ihn so zu sehen. Ich kenne Denis, seit er 2004 nach Hamburg zu Universum kam, habe fast alle seine Kämpfe gesehen und mit ihm gefiebert. Ich stehe ihm sehr nah, aber besuchen kann ich ihn nicht.“ Dafür will er anders helfen. „Das Einzige, was wir tun können, ist, die Familie finanziell zu unterstützen“, sagt er. Deshalb wird er nach dem Kampf mit Konrad die Handschuhe, die er tragen wird, versteigern. „Die Schauspielerin Melanie Müller, die dafür extra von Leipzig nach Berlin gekommen ist, und ich haben die Handschuhe signiert. Jetzt hoffen wir, dass eine große Summe zusammenkommt“, sagt er. Er selbst will ebenfalls einen Beitrag leisten.

Dass die Klitschkos und Kohl nichthelfen, findet Brähmer traurig

Es ist nicht das erste Mal, dass der 36-Jährige in Not geratenen Kollegen hilft. Auch für den an Krebs erkrankten Ungarn Karoly Balzsay sammelte er Geld, damit dieser die teuren Behandlungen bezahlen konnte. Und Brähmer ist nicht allein, was die Unterstützung Boytsovs angeht. „Ich finde es bemerkenswert, wie viele Leute Anteil nehmen. Und dass der Hamburger Promoter Erol Ceylan, der mit Denis nie geschäftlich verbunden war, bei der Finanzierung der Wohnung hilft, ist großartig.“ Dass dagegen ehemalige Kollegen wie die Klitschkos oder Universum-Chef Klaus-Peter Kohl nicht helfen, findet er „sehr traurig. Denen würden ein paar Tausend Euro nicht weh tun. Aber es wundert mich nicht“.

Dass einige aufgrund der ungeklärten Umstände des Unfalls mit ihrer Hilfe zögern, kann Brähmer nicht verstehen. „Selbst wenn Denis die Schuld an dem Unfall trägt, wäre das ein Fehler, der ein ganzes Leben ruiniert hat. Es steht außer Frage, dass er ein ganz feiner Kerl ist, der jetzt unsere Hilfe braucht, unabhängig davon, wie es zu der Verletzung kam“, sagt er. Der Boxer und seine Familie seien in eine Situation geraten, „in der niemand stecken möchte. Deshalb hoffe ich sehr, dass sich die, die bislang nichts getan haben und es könnten, sich besinnen.“