Flüchtlinge in Hamburg

„Wir müssen diese Menschen zum Sport bringen“

Elke Wiesenmüller vom Willkommen-Team
Norderstedt
mit ihrer Laufgruppe (v. l.): Hussien Ramadan,
Okubey Weldu, Abraham Yemane und Teklom Michael. Weldu gewann am Sonntag
überlegen den Zehn-Kilometer-Lauf
durchs schöne Alstertal

Elke Wiesenmüller vom Willkommen-Team Norderstedt mit ihrer Laufgruppe (v. l.): Hussien Ramadan, Okubey Weldu, Abraham Yemane und Teklom Michael. Weldu gewann am Sonntag überlegen den Zehn-Kilometer-Lauf durchs schöne Alstertal

Foto: Andreas Laible / HA

Hamburgs Vereinen kommt bei der Integration von Flüchtlingen eine Schlüsselrolle zu. Langfristig könnten alle profitieren.

Okubey Weldu ist als Erster zum Training gekommen, natürlich. „Er ist mein Schnellster“, sagt Elke Wiesenmüller und klatscht sich mit dem jungen Mann aus Eritrea zur Begrüßung ab. Wenig später sind auch seine Landsleute Teklom Michael, Hussien Ramadan und Abraham Yemane am See des Norderstedter Stadtparks eingetroffen, auf dem in der Dämmerung noch die letzten Wasserskifahrer ihre Kunststücke üben.

Zweimal in der Woche treffen sich junge Flüchtlinge aus der nahe gelegenen Unterkunft in Harksheide hier zum Laufen. Sie kommen aus Eritrea, Afghanistan, Somalia und Syrien, alles junge Männer. Das Willkommen-Team Norderstedt, ein Verein von 150 ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern, hat die Trainingsgruppe im Juli eingerichtet, ein Laufausstatter Schuhe und Shirts zur Verfügung gestellt. Und Wiesenmüller, 68, hat die Leitung übernommen. „Mir macht das richtig Spaß“, sagt die pensionierte Sportlehrerin, „und für die jungen Leute bringt es ein Stück Abwechslung in ihren Flüchtlingsalltag.“ Am Sonntag traten 19 ihrer Jungs beim 25. Volkslauf durch das schöne Als­tertal an. Über zehn Kilometer dominierten sie gleich bei ihrem ersten Wettrennen die Konkurrenz. Weldu, 25, gewann mit großem Vorsprung vor zwei Landsleuten aus Eritrea.

Die Verständigung in der Gruppe läuft auf Deutsch, auf Englisch, mit Händen und Füßen. Aber sie ist kein Problem. Sport kennt keine sprachlichen oder kulturellen Barrieren, er bringt Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen. Und damit kommt ihm bei der Generationenaufgabe der Integration eine Schlüsselrolle zu. „Beim Sport geht es nicht darum, wo du herkommst“, sagt Michael Neumann (SPD), der als Hamburger Innen- und Sportsenator sowohl die Flüchtlings- als auch die Sportpolitik der Stadt verantwortet, „sondern darum, wo du hinwillst.“ Mehr noch: Sport unterstützt das Erlernen von Deutsch als Zweitsprache, wie im neuen Kinder- und Jugendsportbericht des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) nachzulesen ist. Der DOSB hat bereits 2001 sein Programm „Integration durch Sport“ von den Spätaussiedlern auf alle Einwanderergruppen ausgeweitet. Dieses Programm wurde in Hamburg jetzt auf die Flüchtlinge ausgeweitet.

Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres sind etwa 6400 überwiegend junge Asylsuchende dazugekommen, die dauerhaft in der Stadt verbleiben werden, annähernd so viele wie im gesamten Vorjahr (6638). Sie zu integrieren ist eine Aufgabe auch an den organisierten Sport in der Stadt – vor allem aber eine große Chance.

TSV Wandsetal erhielt Integrationspreis der EU-Kommission

Etliche Hamburger Vereine haben sich des Themas angenommen und für die Flüchtlinge Angebote entwickelt, die nicht an Mitgliedschaften gebunden sind. So gibt es beim SC Condor einen Kurs „Sport für Frauen aus aller Welt“. Der SC Urania bietet Ballsport für Männer und offenes Schwimmen für Frauen an, zudem wurde ein Fußballturnier mit mehreren Flüchtlingsunterkünften und Vereinsmannschaften organisiert. Die Zweitligaprofis der Hamburg Towers laden einmal die Woche zum offenen Basketballtraining in ihre Wilhelmsburger Inselparkhalle ein. Der Eimsbütteler TV bietet an der Bundesstraße einen Judokurs für minderjährige Flüchtlinge an. Und es gibt eine private AG Sport, die für die Flüchtlinge in den Messehallen Sportangebote vermittelt und organisiert.

Beim TSV Wandsetal gehören Flüchtlinge nun seit bald zwei Jahren zum Vereinsleben dazu. Zehn Offizielle in dem 1600-Mitglieder-Verein sind in der Flüchtlingsarbeit tätig. Begonnen hat es mit dem Bau der Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände des Staatsarchivs an der Litzowstraße.

„Damals haben wir uns gesagt: Wir müssen diese Menschen zum Sport bringen“, sagt Sportvorstand Jürgen Meins. So entstanden in Kooperation mit dem Hamburger Sportbund (HSB) und dem Landesbetrieb für Erziehung und Beratung mehrere offene Angebote im Fußball, Ringen und in der Leichtathletik.

Heute besuchen etwa 20 bis 40 Containerbewohner, aber auch ver­eins­lose Deutsche die kostenlosen Fußballeinheiten von Integrationstrainer Mansour Ghalami, der einst im Iran ein Spitzentorwart war, bevor er selbst flüchten musste. Die Fluktuation bei den Sportlern ist hoch, weil die Asy­l­suchenden meist nicht lange in der Erstaufnahmeeinrichtung verbleiben. Neue Mitglieder haben die Wandsetaler dadurch bislang nicht gewonnen, doch der Einsatz hat sich auch so ausgezahlt. Gerade wurde ihr Verein mit dem Be Active Grassroots Project Award der EU-Kommission ausgezeichnet. In Kürze will die Stadt zwei weitere Flüchtlingsquartiere in der Nähe eröffnen. „Wir sind vorbereitet“, sagt Meins.

Das können die wenigsten Clubs behaupten. Der HSB erarbeitet deshalb mit der Hamburger Sportjugend (HSJ) ein Konzept für die Kooperation zwischen Vereinen und Flüchtlingsunterkünften. Schon jetzt werden Qualifizierungen für Übungsleiter angeboten, die mit Flüchtlingen arbeiten. Dabei wird den Teilnehmern vermittelt, wie Sprachbarrieren abgebaut werden, was bei traumatisierten Menschen zu beachten ist und wie Konflikte gelöst werden können.

„Es macht mich sehr dankbar, dass unsere Mitglieder so viel zu einer Willkommenskultur beitragen. Hamburg ist weltoffen, das beweist das meist ehrenamtliche Engagement der Vereine vor unseren Haustüren“, sagt HSB-Präsident Jürgen Mantell. Vor diesem Hintergrund war es nur klug, dass die hiesige Flüchtlingspolitik einen Konflikt mit den Sportvereinen erst gar nicht hat aufkommen lassen. Hamburg ist das einzige Bundesland, das für die Unterbringung von Asylsuchenden keine Turnhallen nutzt und auch künftig keine nutzen will.