Olympia

Dieser Sport bedeutet Präzision bis zur letzten Drehung

Auf Jasmin Maksudova, 12, ruhen die Hoffnungen für die Zukunft

Auf Jasmin Maksudova, 12, ruhen die Hoffnungen für die Zukunft

Foto: Miroslav Matoušek

Folge neun der Serie über außergewöhnliche olympische Sportarten in Hamburg. Heute: rhythmische Sportgymnastik.

Hamburg würde als Gastgeber der Olympischen und Paralympischen Spiele einige Sportarten erleben, die in der Stadt nur von wenigen betrieben werden. Das Abendblatt stellt sie in einer Serie vor.

Schon das Zuschauen schmerzt. Einen Spagat trainieren die sechs- bis 15-jährigen Mädchen, indem sie bei nach vorne und hinten gestreckten Beinen einen Fuß auf einen Turnkasten legen und den anderen auf dem Boden liegen haben. Unter dem hinteren Oberschenkel liegt ein kleines Kissen, der Körper schwebt förmlich in der Luft. Die Beine biegen sich dabei sogar über einen üblichen Spagat hinaus.

Nur eine Übung von vielen. Allein zwei Stunden dauert das Aufwärmprogramm bei einer dreistündigen Einheit, bevor die Mädchen Bälle, Bänder, Seile, Ringe oder Keulen in die Hände nehmen dürfen. Nein, für die Masse taugt rhythmische Sportgymnastik wohl wirklich nicht. Leistungssport betreiben in Hamburg derzeit nur 17 Mädchen. Sie alle trainieren beim SV Nettelnburg/Allermöhe vier- bis fünfmal in der Woche.

„Im Training geht es um Geschicklichkeit, Athletik und Flexibilität“, sagt Trainerin Olga Golecko. All das brauchen die Turnerinnen, wenn sie einen Ring in die Luft werfen, einen doppelten Flickflack machen und das Handgerät wieder auffangen. Bis einzelne Elemente in einer Kür vorgeführt werden können, fallen diese zuvor Hunderte Male zu Boden. Bis die Figuren sitzen, bei denen der Einsatz eines Handgeräts mit tänzerischen und athletischen Elementen zusammenkommt, dauert es je nach dem Schwierigkeitsgrad sogar Jahre. Im Wettkampf haben die stark geschminkten Mädchen mit den pailletten- und steinbesetzten Anzügen auf der 13 mal 13 Meter großen Fläche 90 Sekunden Zeit für ihre Kür.

Sehr erfolgreich war in den vergangenen Jahren die Hamburgerin Nicole Müller. Die 20-Jährige trainiert seit vier Jahren im Bundesstützpunkt Schmiden bei Stuttgart. Auch sie hat mit fünf Jahren bei Golecko begonnen. Müller hat es bis in die Nationalmannschaft geschafft und belegte 2012 bei den Olympischen Spielen in London in der Gruppenwertung Rang zehn. Bei der Weltmeisterschaft (7. bis 13. September in Stuttgart) wird sie wegen einer Verletzung nicht teilnehmen.

Vordere Plätze zu erlangen wird für die Deutschen aber ohnehin schwer. Bei den großen Wettkämpfen haben die Russinnen ein Abo auf die ersten Ränge. Seit den Olympischen Spielen 2000 in Sydney räumten sie sowohl im Einzel als auch in der Gruppe alle Goldmedaillen ab. In Russland ist rhythmische Sportgymnastik weit verbreitet. Schon in den 40er-Jahren gab es erste Wettkämpfe, heute haben sich dort Internate für rhythmische Sportgymnastik etabliert. „An die ersten Plätze kommen wir nicht ran, so viel Training können wir gar nicht geben“, gibt Golecko zu. Sie selbst hat den Sport in ihrer Jugend sieben Jahre lang in Russland ausgeübt. Die meisten Kinder in ihrer Gruppe kommen aus russischen Elternhäusern. Turnerinnen und Trainerinnen verständigen sich mitunter auch auf Russisch. Golecko selbst ist seit vielen Jahren Trainerin: „Die Leidenschaft und Sehnsucht zieht mich nahezu jede freie Minute in die Halle.“

Auch die 15-jährige Jana Langolf bereut es nicht, so viel Zeit zu investieren: „Ich mag vor allem die schöne Musik bei meinem Sport und mit den anderen zusammen in der Halle zu sein.“ Dabei präsentiert sie oft die Übungen. Unter den Mädchen ist eine klare Hackordnung erkennbar: die älteren wie Jana oder besseren wie Jasmin Maksudova machen die Übungen vor und zählen sie an, die anderen stehen dahinter und machen sie nach. „Vergiss nicht, dein Bein zu strecken“, ruft Golecko, die immer einen kritischen Blick auf die Körperhaltung der Mädchen hat. Disziplin ist in dieser Sportart naturgemäß sehr wichtig. Genauso bedeutend aber ist die Ausstrahlung.

In Hamburg mangelt es den Mädchen an Konkurrenz für Wettbewerbe

Sie ist noch nicht fehlerfrei in ihren Küren, aber Jasmin Maksudova lächelt und strahlt Präsenz aus, wenn sie turnt. Bei den deutschen Meisterschaften erreichte sie zwar keine herausragenden Plätze, die Zwölfjährige fiel aber positiv auf und ist derzeit zur Sichtung für den Bundeskader eingeladen.

In Hamburg sind die Mädchen konkurrenzlos. Landesmeisterschaften gibt es nicht, da die Mädchen vom SV Nettelnburg/Allermöhe dann ausschließlich gegen sich selbst antreten würden. „Andere Vereine in Hamburg bieten die Sportart zwar an, bewegen sich aber eher im Bereich des Breitensports oder trainieren Kunstturnen“, sagt Margit Rüggeberg, die Landesfachwartin des Verbands für Turnen und Freizeit. Damit sich die Mädchen messen können, müssen sie an den Meisterschaften anderer Landesverbände teilnehmen – oder gleich zu Wettkämpfen nach Polen oder Tschechien fahren, wo die Sportart deutlich populärer ist.

Es bleibt ein Spagat, die Leidenschaft der Mädchen für diesen harten Sport zu wecken, sie davon zu überzeugen, ihre Freizeit zu opfern – aber Titel in weiter Ferne bleiben werden.