Barcelona vs. Bayern

Pep Guardiolas Auswärtsspiel „dahoam“ in Barcelona

Bayern-Trainer Pep Guardiola kommt mit München nach Hause - nach Barcelona

Bayern-Trainer Pep Guardiola kommt mit München nach Hause - nach Barcelona

Foto: Marc Müller / dpa

Der Bayern-Trainer Pep Guardiola trifft heute im Hinspiel des Halbfinales in der Champions League auf seine große Liebe Barcelona.

Barcelona.  Es ist ja paradox, dass man ausgerechnet auf alten Fotos jünger aussieht. Spaniens Zeitungen präsentieren am Dienstag eine Reihe von Bildern, auf denen Pep Guardiola als Spieler im Trikot des FC Barcelona zu sehen ist: mit Haaren auf dem Kopf und nicht im Gesicht. Der 44-Jährige, der nun erstmals als Trainer einer Gastmannschaft zu dem Verein zurückkehrt, dem er sich schon mit 13 Jahren anschloss, sieht anders aus: Er trägt einen angegrauten Bart, und oben reicht Politur zur Pflege.

Die rund 50 Fußballfans und vier Kamerateams, die bis 14 Uhr am Flughafen Barcelona-El Prat auf die verspätete Lufthansa-Maschine aus München warten und hoffen, selbst Bilder einfangen zu können, ziehen enttäuscht wieder ab: Der vorgereiste Mannschaftsbus des FC Bayern darf neben dem Ankunftsterminal durch ein großes graues Tor fahren, das geschlossen und erst wieder geöffnet wird, als das mittlerweile mit hochbegabten Fußballern gefüllte Gefährt her­ausrollt und von der Polizei zum Teamhotel eskortiert wird. Die Fans winken dennoch fröhlich – hinter den verdunkelten Scheiben aber könnten auch Dummys sitzen, zu erkennen ist kein Spieler und auch kein Guardiola.

Auswärtsspiel „dahoam“

Der Fußballlehrer steht heute vor einer riesigen sportlichen und mentalen Herausforderung, vor einer Reise ins Ich. Im Halbfinal-Hinspiel der Champions League stehen sich der FC Barcelona und der FC Bayern München gegenüber (20.45 Uhr/ZDF und Sky). Und als sei es nicht schon reizvoll genug, wenn in einer solchen Partie mit dem Gütesiegel 1a Giganten wie die Angreifer Lionel Messi, Neymar und Luis Suárez auf all die deutschen Weltmeister im Münchener Trikot treffen, erhält diese Begegnung noch eine ganz besondere Note durch die Beteiligung des katalanischen Trainers des FC Bayern: Dies ist das Spiel des Pep Guardiola. Auswärtsspiel „dahoam“.

Die spanische Zeitung „Sport“ hat ihn schon seit längerer Zeit beobachtet, sie schreibt: „Guardiola ist nicht mehr der, den wir kennen.” Und meint damit die Gestik. „Er ist unruhiger als je zuvor“, versichern die Berichterstatter. Aber ist das ein Wunder, dass er nicht gelassen wirkt, als er am späten Nachmittag in Barcelonas Fußball-Heiligtum im leuchtend roten Trainingsdress vor den Medien sitzt? Im überfüllten Presseraum des Camp Nou überhäufen die Reporter Guardiola mit Fragen. Alle wollen wissen, wie er sich hier fühlt, was er jetzt denkt.

„Es ist wunderschön, hierhin zurückzukommen“, sagt er und geht dann schnell zur sportlichen Betrachtungsweise über: „Barcelona und Bayern sind zurzeit die besten Mannschaften in Europa. Es wird nicht einfach.“

„Barcelona war alles für mich“

Guardiola könnte niemandem glaubhaft versichern, es berühre ihn nicht, nach Hause gekommen zu sein. In das Stadion, in dem der kleine Josep einst als Balljunge die Stars der Achtziger bewunderte. Zu dem Club, bei dem er eine glänzende Spielerkarriere verbrachte, und den er als Trainer zwischen 2008 und 2012 zu sagenhaften 14 Titeln führte. Aber er muss natürlich Profi sein. „Ich bin Trainer von Bayern, und ich muss meine Arbeit machen. Ich kann versichern: Ich habe mich nicht einen Augenblick ablenken lassen.“ Er wird auf ewig Barca-Fan bleiben, aber heute und im Rückspiel am Dienstag will er allen anderen Barca-Fans Seelenqualen verschaffen. „Barcelona war alles für mich“, sagt er und wiederholt bewusst: „Aber ich will gewinnen. Kein Zweifel: Ich will gewinnen!“

Es ließe sich ja annehmen, so ein Erfolgstyp sei von Geburt an teflonbeschichtet. Doch dieser Kontrollfreak hat durchaus eine weiche Seite, und im Gegensatz zu seinem alten Widersacher José Mourinho, der früher den Rivalen Real Madrid trainierte und Gefühle in Kühlschränken aufbewahrt, hält er auch nicht alles zurück. Als der heutige Chelsea-Trainer den heutigen Bayern-Trainer im Sommer 2013 mit der Bemerkung reizte, er mache es sich mit seinem Engagement bei den Münchenern leicht, sei dies für Guardiola verletzend gewesen, verriet sein Biograf Guillem Ballagué. Denn Guardiola empfand gerade diesen Schritt als außerordentlich schwierig: eine Mannschaft zu übernehmen, die unter Jupp Heynckes soeben alle drei Titel in einer Saison abgeräumt hatte, einen Zugang zu ihr zu finden, sie nach eigenen Vorstellungen zu verändern.

Guardiola will Real-Pleite ausmerzen

Menschen, die Guardiola und seine Detailbesessenheit kritisch beäugen, behaupten, er throne auf dem Mount Ego. Für seine Spieler aber macht er sich öffentlich stark, und dabei zittert schon mal seine Stimme. Guardiola agiert trotz seiner strategischen Disziplin und des Strebens nach Perfektion mitunter extrem emotional, er zeigt das ja auch am Spielfeldrand. Jetzt, da der Meistertitel im Vorbeigehen mitgenommen wurde, der Pokal nicht mehr greifbar ist und die hohe Hürde Barcelona genommen werden muss, erreicht der Druck auf den Trainer des FC Bayern Messwerte, die ins Unerträgliche ausschlagen. Das aber wusste der 44-Jährige, als er sich die Mission München antat: Dass sie ihn nicht verpflichtet hatten, um lediglich wie gewohnt Deutscher Meister zu werden.

Guardiolas Vertrag läuft bis 2016, aber was heißt das schon? Die Bayern könnten es nicht ertragen, wenn sie auch in dieser Saison im Halbfinale gedemütigt würden wie beim 0:4 in München gegen Real Madrid in der vergangenen Saison. Diese Schmach schmerzt noch in Guardiolas Innerstem, er verknüpfte sie mit drastischen Selbstvorwürfen („Die größte Scheiße, die ich als Trainer je gemacht habe”), er will sie unbedingt ausmerzen.

Wir ahnen allerdings, was geschähe, wenn sich Ähnliches wiederholen würde. Und er, das dürfte sicher sein, ahnt das auch. Beim Abschlusstraining schaut er kurz die Ränge des Camp Nou hinauf. Hätten die 99.354 Sitze Namen, er würde sie alle kennen. Auf den Fotos, die am Donnerstag veröffentlicht werden, sähe er sich gern als Triumphator. Der Heimatliebe zum Trotz.