Toni Haßmann: "Collin ist immer noch ein großes Baby"

LIENEN. Liegt's am jungenhaften Charme, seinem gewinnenden Lächeln, den Grübchen oder schlicht am phänomenalen Hattrick mit drei Derbysiegen in Folge? Auf jeden Fall sind Ramona, Manu, Moni, Lisa und all die anderen Mädels des Fanclubs schon jetzt außer Rand und Band. "Toni, wir freuen uns auf dich!" heißt es im Internet zur Einstimmung auf den Wettstreit um das Blaue Band. Schlachtenbummler(innen) aus vielen deutschen Landen wollen Haßmann (31) und seinen Holsteiner Wallach Collin (13) in Klein Flottbek anfeuern.

Nun, Herr Haßmann, wie lebt es sich mit so viel Sympathiebonus in der Springreitwelt, besonders der weiblichen? "Besser als umgekehrt!" befindet er mit Schalk im Blick, die junge Dame auf seinem Schoß liebkosend. Es ist Töchterchen Angelina, für ihre sechs Monate enorm in Form und neben Ehefrau Anja die einzige, die Toni tatsächlich den Kopf verdreht. Übermorgen sitzen beide am Parcours, wenn der Titelverteidiger auf Rekordjagd geht. Vier Triumphe in Folge - das haben in der 87jährigen Derbygeschichte noch nicht einmal Heroen wie Fritz Thiedemann, Nelson Pessoa oder die Schockemöhles geschafft.

"Ich lasse mich nicht unter Druck setzen und erst recht nicht aus der Ruhe bringen", sagt Haßmann, übergibt Angelina in mütterliche Obhut und startet zur Besichtigung des 16 Hektar großen, anno 1801 errichteten Herrensitzes. Weiden, Wäldchen, Koppeln soweit das Auge reicht. Der hier einst residierende Chef der benachbarten Schierhölter Kornbrennerei hat Geschmack bewiesen. Wie nicht nur die 200 Meter lange doppelreihige Eichenallee auf dem Weg zum Hauptgebäude beweist.

Schon die Anfahrt via Osnabrück und Lengerich hatte die grüne Pracht des Tecklenburger Landes offenbart. Bauern- und Reiterhöfe, Gestüte und Pferdewege am Straßenrand dokumentieren den Stellenwert des Pferdes im Kreis Steinfurt. Wer hier aufwächst, muss die Ruhe weg haben. Und braucht sich um ein sportliches Steckenpferd keine großen Gedanken zu machen.

"Ich hatte von Kindesbeinen mit Pferden zu tun - ganz natürlich", fährt Haßmann fort. Sein Vater Reinhard und einer der Brüder führen in direkter Nachbarschaft den elterlichen Hof. Derbychampion Collin steht neben rund hundert weiteren Vierbeinern auf Gut Berl bei Münster. Besitzer und Arbeitgeber dort, übrigens auch von Bundestrainer Kurt Gravemeier, ist Hendrik Snoek, gleichfalls einer der Großen der Springreitzunft. Haßmann pendelt täglich zwischen Lienen und Gut Berl, mal abgesehen von den mehr als sechs Monaten, in denen er auf allen möglichen Turnieren auf dem Sprung ist.

Selbständigkeit lohnt sich in dem Metier nicht; denn von den Preisgeldprozenten allein können selbst Derbysieger nicht leben. Zucht, An- und Verkauf bringen das Geld. Und das Gros der Pferde, auch Collin, gehören privaten Besitzern aus vermögenden Verhältnissen. Nicht immer läuft das reibungslos. Auch Toni Haßmann musste Lehrgeld zahlen. Sein früherer Chef, Mobilcom-Gründer Gerhard Schmidt, trennte sich praktisch über Nacht von seinen Pferden, darunter die starke Stute Goldika. Dem ersten Schock folgte am 1. Juli 2003 die Anstellung bei Snoek.

Ein Jahr darauf zeigte Haßmann der Konkurrenz die Hufe, sicherte sich völlig überraschend den Derbysieg. Nur durch einen Nichtstarter war der Lienener ins Teilnehmerfeld gerutscht. Verblüfft schwiegen die Kollegen, als Toni am Vorabend an der Bar des Hotels Gastwerk in Bahrenfeld unvermittelt kundtat: "Jungs, ich kann nicht verlieren, nur gewinnen!" So geschah es dann auch - 2004, 2005, 2006.

Zur Belohnung gab's Spargel und Schinken bei der in Hamburg lebenden Tante, die eine Kanzlei am Speersort betreibt. Vielleicht ganz gut zudem, dass Haßmann seit zehn Jahren einen Glücksstein aus Lanzarote in seinem Portemonnaie trägt. Auch war es eine gute Entscheidung des talentierten Stürmers in Reihen des SW Lienen, mit 14 Jahren umzusatteln. Dem Sieg im Ponyderby mit anschließendem unfreiwilligen Bad in einem stinkenden Tümpel folgten drei Weltcup-Coups in Serie.

"Ich war rasch runter vom Luftkissen", bekennt Haßmann bei der Rückkehr ins stilvolle Wohnhaus. Dunkle Holzbalken und riesige Zimmerfluchten weisen auf die frühere Scheune hin. Ein seit mehr als einem Jahr ruhender Doping-Vorfall und aktuell Platz 151 in der Weltrangliste verlangen noch eine Menge Einsatz und Fortune auf dem Weg auf den Olymp, einem seiner großen Träume.

Vielleicht bringt ihn Collin am Sonntag noch einen Schritt näher. "Collin ist charakter- und sprungstark", sagt Toni Haßmann beim Kaffee in der guten Stube - mit Blick auf das Blaue Band an der Wand. "Er ist aber immer noch ein großes Baby, wie ein Elefant im Porzellanladen." Die Leckerlis zumindest liegen parat. Collin, der auch durch eine formidable Zahnlücke auffällt, mag gerne Bananen, Pfefferminzdrops und Granini Fruchtbonbons.

  • Collin und Toni Haßmann belegten gestern in der 1. Derby-Qualifikation nach einem Abwurf den 32. Platz.

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